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Wenn die Instinkte den Verstand beherrschen

01.08.201909:13 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft
Bild: Wenn die Instinkte den Verstand beherrschen
Prof. Querulix, „Tacheles“ Bd 7, „Rien ne vas plus ... (ISBN 978-3-943788-43-3), 264 S., 9,95 Euro
Prof. Querulix, „Tacheles“ Bd 7, „Rien ne vas plus ... (ISBN 978-3-943788-43-3), 264 S., 9,95 Euro

(openPR) Aktien- und Anleihekurse jappen in der dünnen Atmosphäre überhöhter Kurse derzeit weltweit nach Luft. Immobilienpreise zeigen sehr deutliche regionale Divergenzen und exorbitante Mietpreissteigerungen drohen soziale Konflikte zu befeuern. Andererseits werden auch schon überteuerte Angebote zu Ladenhütern. Die Luft für Spekulanten wird dünner. Die cleveren unter ihnen machen bereits Kasse, einige kaufen Gold oder Goldminenaktien. Aber für die meisten, die seit Jahren auf der Sonnenseite unserer schönen Republik leben, finden auf die Frage „Wohin nur mit dem vielen Geld?“ offensichtlich keine befriedigende Antwort.



Wer will Anleihen kaufen, die negative Erträge erbringen? Da müßte einer schon fest glauben, es ginge mit den Kurssteigerungen infolge Minuszinsen munter weiter und er können seine teuer gekauften Papiere auch rechtzeitig vor einem jederzeit möglichen Kurskollaps (aus welchem Grunde auch immer) mit Gewinn oder wenigstens ohne Verlust auf den gezahlten Kaufpreis wieder verkaufen.

Wer ist noch scharf auf teure Immobilien, wenn infolge der absehbaren wirtschaftlichen Entwicklung künftig mit Mietausfällen und Preiseinbrüchen zu rechnen ist? Wer will zu absurden Preisen kaufen, wenn mit nachhaltigen Renditen allenfalls noch Tagträumer rechnen, die nicht mitbekommen, was sich bereits an unangenehmen Entwicklungen ankündigt? Immobilienladenhüter gibt es bereits mehr als viele denken.

Die Inflation der Vermögenspreise hat im Immobiliensektor außerdem inzwischen ein sozial gefährliches Ausmaß erreicht. Die Mieten steigen erheblich schneller als die Einkommen und viele, vor allem Rentner, können ihre Mieten schon nicht mehr bezahlen. Die Politiker haben keine Wahl. Sie müssen jetzt rasch handeln, wenn sie ihre eigenen einträglichen Posten und Pfründen in den kommenden Wahlen nicht gefährden wollen.

Wer will Aktien zu überhöhten Kursen kaufen? Weitsichtige und gut informierte Anleger bestimmt nicht. Denn mit der Wirtschaft geht es weltweit bereits deutlich bergab. Und es wird – sehr wahrscheinlich mit zunehmender Dynamik – in diese Richtung weitergehen. Denn außer unter einer gigantischen Überschuldung leidet die Menschenwelt inzwischen weltweit auch unter zahlreichen politischen Krisen und quasi-kriegerischen Auseinandersetzungen mit hohem Ausbreitungspotential. Aber wohin nur mit dem vielen Geld?

Die durch eine unverantwortliche Notenbankpolitik verursachte hypertrophe Entwicklung der Kapitalmärkte und der Vermögenspreise steht an der Schwelle einer autonomen Korrektur. Die Vermögenspreisblasen als Folge der Null- und Negativzinspolitik der EZB lassen erste Luft. Die Gefahr ihres Platzens ist dadurch aber keineswegs gebannt. Im Gegenteil. Um diese Gefahr zu bannen, müßte sehr viel mehr Luft abgelassen werden. Aber allzu viele Spekulanten befinden sich bereits jetzt in der Anlagensackgasse: Man kommt noch hinein, aber kaum noch ohne Blessuren wieder heraus.

Doch die Zentralbanker in Europa und den USA scheinen nur einen Weg zu kennen: Weiter so!

Die Kollateralschäden für Millionen solide Sparer und deren private Altersversorgungen sind jetzt schon beträchtlich und werden nicht mehr gutzumachen sein. Daraus könnte sich schneller als uns lieb sein kann eine gefährliche politische Zeitbombe entwickeln. Denn unsere Gesellschaft ist bereits tief gespalten: Auf der einen Seite rund zwei Drittel, denen es (noch!) mehr oder weniger gut oder sogar ausgezeichnet geht und die mehrheitlich auch auskömmliche Renten oder Pensionen zu erwarten haben oder – wenigstens aus heutiger Sicht – gut von den Erträgen ihrer Vermögen leben können. Die kontinuierliche faktische Enteignung ihrer Sparkonten und privaten Altersversorgungen dürften einem großen Teil von ihnen aber jetzt schon ernsthafte Sorgen bereiten. Sollten sich zunehmend Unsicherheit und Zukunftsängste breitmachen, könnte das viele Betroffene in die Arme radikaler politischer Kräfte treiben.

Schlechter bis sehr schlecht sind jetzt schon die wirtschaftlichen Aussichten für rund ein Drittel der Deutschen, deren Einkommen im günstigsten Fall genügen, um sparsam zu leben, im weniger günstigen Fall aber jetzt schon nicht einmal dazu ausreichen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß in unserem an Reichen so reichen Deutschland einige Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürger sich permanent sorgen müssen, wie sie die notwendigsten Ausgaben für ihren Lebensunterhalt finanzieren können.

Von der Vorsorge fürs Alter gar nicht zu reden. Das relativ niedrige gesetzliche Rentenniveau in Deutschland ist für die Altersversorgung der Geringverdiener eine Katastrophe. Diverse Versuche, die Rentenlücke mit privater Vorsorge zu schließen, sind gescheitert. Versorgt wurden durch die staatlichen Programme nur Banken, Versicherungen und Anlagenvermittler.

Die vom Versagen der Politiker bzw. von der erfolgreichen Arbeit der parlamentarischen Lobbyisten Betroffenen werden sich – sofern sie sich nicht einfach durch Wahlverzicht wegducken – bei künftigen Wahlen wahrscheinlich sehr nachdrücklich bei den Politikern „bedanken“, die ihnen weder auskömmliche Einkommen noch eine zum Leben genügende Altersversorgung gönnen. Das wird zunehmend den Kräften zugutekommen, die bisher im Schatten der sogenannten Volksparteien standen.

Die us-amerikanische FED, die schon mit der überfälligen Normalisierung ihrer Zinspolitik begonnen und damit die größte Chance hatte, zu „normalen“ Verhältnissen zurückzukehren, hat sich inzwischen offenbar von weiteren Zinserhöhungen verabschiedet, wahrscheinlich für lange Zeit. Denn man hat dort wohl erkannt: Aus der Blasenökonomie, die man – offensichtlich ohne gründlich genug nachzudenken – angefacht hat, kommt man nicht mehr (heil) heraus. Man kann den Ritt auf dem Tiger nur fortsetzen und den finalen weltwirtschaftlichen Absturz mit seinen absehbar katastrophalen sozialen Folgen vielleicht noch etwas hinauszögern.

Allenfalls dem cleversten Teil der Akteure des ökonomischen Blasenspiels könnte noch die eigene Rettung in letzter Stunde gelingen. Vielleicht. Aber der Masse der Mitläufer und Möchtegern Profiteure wird das nicht gelingen. Sie werden die Verlierer sein. Und der großen Mehrheit der an der Misere vollkommen Unschuldigen wird ohnehin nur die Rolle des Dummen August bleiben.

Das Experiment, Schulden mit weiteren, auf Kosten der Kreditgeber und zu Lasten der Sparer verbilligten Schulden zu tilgen, ist – wie für jeden, der seinen Verstand noch beisammen hat längst vorauszusehen war – gescheitert. Wie konnten Menschen, die es mit ihrem Geldverstand zu eigenem Reichtum gebracht haben, so einen Unsinn glauben?

Die als unvermeidliche Konsequenz der Blasenpolitik voraussehbar gewesene und inzwischen bereits begonnene Weltfinanz- und -wirtschaftskrise trifft nicht nur auf aberwitzig überhöhte Vermögenspreise, sondern auch auf sozial tief gespaltene Bevölkerungen. Das große Geld beherrscht derzeit die Menschheit und die Politiker unterstützen es nach Kräften gegen die legitimen Interessen der großen Mehrheit der Völker, die ihren Lebensunterhalt mit produktiver – nicht selten miserabel entlohnter – Arbeit verdient und nichts weiter will, als in Frieden für auskömmlichen Lohn zu arbeiten und im Alter eine zum Leben auskömmliche Rente zu haben.

Während eine Minderheit weltweit gigantisch überzogene „Belohnungen“ (für allzu oft miserable Leistungen) abgreift und Vermögen in einem Umfang anhäuft, der für eine gesunde Lebensführung auf gutem wirtschaftlichen Niveau keinerlei (Grenz-)Nutzen mehr bringt, wird sogar in den reichsten Staaten der Welt das untere Drittel der Bevölkerung finanziell immer weiter ins Abseits und in die Armut gedrängt.

Für auskömmliche Renten, so behaupten zum Beispiel die Lobbyisten des Großkapitals und ihre politischen Nützlinge, sei kein Geld vorhanden. Daß diese Bemerkung schon beim Blick auf die Einkommensverteilung und auf die die hohen Einkommen begünstigenden Steuertarife dreister Humbug ist, scheint bei den selbst üppigst versorgten Politikern kein vernünftiges Nachdenken und schon gar kein entsprechendes Handeln im Interesse des Allgemeinwohls zu bewirken. Sie betreiben weiterhin nur kosmetisch und allenfalls scheinbar sozial gerechte Politik.

Entgegen der von den Überversorgten ständig dreist in unterschiedlichsten Worten mehr oder weniger verklausuliert wiederholten Behauptung, es fehle das Geld für soziale Gerechtigkeit, fehlt allein der Wille dazu, der Wille der Klientelpolitiker für gerechte Besteuerung aller Bundesbürger, der Wille zu konsequenter Austrocknung von Steueroasen und der Wille zu einer gerechteren Verteilung des gemeinsam erarbeiteten Sozialprodukts.

Auch das nachhaltige tolerieren (oder gar fördern?) zahlreicher legaler Möglichkeiten der Steuerverkürzung oder Steuervermeidung ist skandalös. Die Grünen im EU-Parlament haben in einer Studie herausgefunden, daß die Großkonzerne in Europa sehr viel weniger Steuern zahlen als sie zahlen sollten. In Luxemburg war die Steuerersparnis ihren Erhebungen zufolge am Höchsten: 2 gegen 29 Prozent. Die Unternehmen zahlten also satte 93,1 Prozent weniger Steuern als sie unter (wenigstens annähernd) gerechten steuerlichen Bedingungen zahlen müßten. In Frankreich zahlen Großunternehmen nur ungefähr die Hälfte dessen, was sie zahlen müßten, und in Deutschland lag die effektive Steuerquote bei 20 gegenüber dem Soll von 30 Prozent, ein Minus von 33 Prozent. Auch die Niederlande, Malta und Österreich sind faktische Steuerparadiese, in denen die Großkonzerne mit dem Segen der Politik gut die Hälfte ihrer Steuern sparen dürfen. Nur in Bulgarien soll keine Abweichung zwischen Soll- und Ist-Steuer festgestellt worden sein. Aber mehr oder weniger ernst gemeintes Anprangern ist das Eine, gerechte Besteuerung im eigenen Land hartnäckig und konsequent einzufordern, ja machtvoll durchzudrücken, ist das Andere. Da brauchen auch die Grünen noch sehr viel mehr Biß. Die „kleinen“ Selbständigen, die steuerlich beträchtlich mehr belastet werden als die Großkonzerne und deren nicht selten auch bei mäßigen Leistungen mit Multimillioneneinkommen und entsprechenden Ruhestandsbezügen versorgten Vorstände, würden es ihnen gewiß danken.

Eine Politik im Interesse der großen Mehrheit der Menschen ist nur möglich, wenn diese dazu sowohl die Moral wie auch den Verstand und die Macht haben. Tatsache ist aber, daß die Macht bei einer kleinen Minderheit von Absahnern liegt, die sich auf die bereitwillige Hilfe zahlreicher nützlicher Idioten verlassen können. Die freuen sich auf die Brosamen, die von den Tischen ihrer Herrschaften fallen. Daß dies so ist und voraussichtlich auch bis zum selbst bewirkten Verschwinden der Menschheit von der Erde so bleiben wird, ist der Tatsache geschuldet, daß Menschen nun einmal räuberische Rudeltiere sind, und zwar hochintelligente räuberische Rudeltiere, die ihre Raubtierinstinkte dank ihrem Erfindungsreichtum viel wirksamer auszuleben verstehen als alle ihre Vorfahren es vermochten.

Hätte man ewiges Leben und könnte man sich auf einen Beobachtungsposten fern im All zurückziehen, wäre es sicherlich spannend, die weiteren Aktivitäten und Interaktivitäten dieses hyperaktiven menschlichen Erdenbesatzes zu verfolgen.

Prof. Querulix beobachtet und kommentiert seit langem mit wachsender Sorge um Frieden, Freiheit und das allgemeine Wohl der Menschheit das fragwürdige Treiben der Menschentiere, insbesondere das ihrer Alphas. Seine Beobachtungen dokumentiert und kommentiert er in der eBook-Reihe „Tacheles“, in der bisher 7 Bände erschienen sind. Der jüngste trägt den Titel: „Rien ne vas plus – Wohin treibt die Menschenwelt?“ (ISBN 978-3-943788-43-3). Wie seine 6 Vorgänger ist auch dieser Band in allen gut sortierten (Internet-)Buchhandlungen zum Preis von 9,95 Euro zu haben.

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