(openPR) Eine NO-GO Situation ist u.a. dann gegeben, wenn eine Führungskraft inmitten einer Konstellation von internen und externen Faktoren steht, die es ihr faktisch unmöglich machen, jemals diesen konkreten Abgrund ohne Schaden für sich selbst, Dritte oder die allgemeine Öffentlichkeit zu überwinden und diese Konstellation eine konkrete Gefahr mit nachhaltigen Folgen für Persönlichkeiten, Unternehmen oder die Öffentlichkeit darstellen kann.
Eine solche Konstellation liegt im aktuellen Liechtensteiner Steuerskandal vor, bei dem laut Medienberichten der Fall Zumwinkel nur als eine Art „Beifang“ (so DIE WELT am 16.02.08, S. 3) gilt und in Berliner Regierungskreisen angeblich 1000 Personen aus der Elite der deutschen Gesellschaft im Visier der Fahnder stehen und alle angeblich versuchten über die Bank LGT in Liechtenstein eine ganz persönliche Steuergestaltung zu realisieren.
NO-GOs haben Ihre Wurzeln vielfach in einer spezifischen Einstellung und Lebens-Gestaltung jenseits einer sich selbst und anderen gegenüber sinnorientierten Verantwortung. Gerade viele Top-Führungskräfte, die als solche im Fokus der Mitarbeiter und der Öffentlichkeit stehen, haben große Verantwortung und Vorbildfunktion. Verletzen sie eine solche – vor allem auch ethisch-moralische – Verantwortungsrolle, vernichten sie sich nicht nur selbst, sondern auch das Vertrauen und Glaubwürdigkeit in ihre Führungs- und Vorbildfunktion.
Natürlich sind Führungskräfte per se keine besseren Menschen, aber sie bekleiden eine Funktion, deren Aufgabe und Inhalt es im Kern ist, anderen Vorbild zu sein und Orientierung zu geben. Dies ist noch weit wichtiger als Strategien zu entwickeln. Damit nehmen sie für sich aber eine Führungs-Rolle in Anspruch, was letztlich dazu führt, dass an sie ein anderer Maßstab als an Otto-Normalverbraucher zu legen ist.
Jeder Mensch hat heute in einer hohen Masse die Freiheit, sich einen Staat zu suchen, in dessen Rahmenbedingungen er leben möchte. Dabei kann er auch entscheiden, ob ihm das Steuersystem dort gefällt oder nicht. Letztlich muss er entscheiden, welchen Kriterien er den maßgeblichen Vorzug bei der Wahl gibt und ob es ihm darauf ankommt, in erster Linie keine oder wenig Steuern zu zahlen oder ob er in einem Staat leben möchte, in dem die Gesamtumstände der Lebensqualität und der öffentlichen Leistungen das Maß der Entscheidung sind, der aber im Gegenzug ein weniger attraktives Steuersystem hat. Das ist dann der Preis der Gemeinschaftszugehörigkeit. Natürlich hat jeder das Recht, im Rahmen der zulässigen Möglichkeiten seine Steuerlast zu gestalten und das sollte er auch tun. Am Ende jedoch wird er seinen Beitrag zum ganzen, nämlich zu dem Sozialsystem in dem er lebt, zahlen müssen. „Love it, change it or leave it“ gilt auch hier. Wer entgegen einer realen Steuerpflicht keine solche zahlen möchte, aber dennoch mit allen Vorteilen in Deutschland leben möchte, kann grundsätzlich und schon gar nicht in einer exponierten Vorbildfunktion rechtswidrige Gestaltungen wählen, die am Ende das Signal an alle geben: „Sehr her, ich bin einer eurer Häuptlinge, aber die Gesetze des Stammes betreffen mich nicht, sondern nur Euch“ oder noch harter ausgedrückt, „Seid ihr dumm, hier brav Steuern zu zahlen – ich kann es mir leisten mit intelligenter Gestaltung andere und für mich vorteilhaftere Wege zu gegen“.
Nun gibt es aber offensichtlich Menschen, die sich vor diesen Spielregeln weniger gleich sehen. Sie nehmen Top-Positionen mit Macht, öffentlichem Ansehen und hoher Vergütung an und benutzen diese auch für den Ausbau ihrer gesellschaftlichen Position. Sie üben Vorbild und Disziplinarfunktion für tausende von Menschen in ihren Untermen wie auch für Millionen in der Umfeldöffentlichkeit aus.
Was sind die möglichen Ursachen solcher Fehleinstellungen?
• Eine dieser Ursachen liegt in der Einstellung „Nach oben keine Grenzen“, einer Auffassung von Führen, Macht, Erfolg, Lebenseinstellung und Verwirklichung seiner Selbst im Sinnes eines „Hauptsache mir geht es gut und ich hole das Optimum heraus, koste es, was es wolle“. Berechnung, Narzissmus, Geldgier und Machtstreben gehen oft einher. Das Entweder-ich-oder-andere-Denken auf der einen, muss auf der anderen Seite zu einer Gewinner-Verlierer Gesellschaft führen, und lässt ein auf andere Menschen ausgerichtetes Verhalten im Sinne eines Vorbild- und Führungsauftrages vermissen. Die betroffene Führungskraft hat sich die Frage, wozu sie gut ist und worin ihre globale Aufgabe besteht entweder nicht wirklich gestellt oder nicht oder falsch beantwortet.
• Eine andere wesentliche Ursache ist die Einstellung „Ich bin das Zentrum der Welt“, bei dem sich der einzelne subjektiv als das Maß der Dinge sieht und bei dem Leitbilder wie Vorteilsoptimierung, Daseins-Vorherrschaft eine wesentliche Rolle spielen, bis hin zur Skrupellosigkeit und zum Werteverlust,
• Eine Dritte Ursache ist das Phänomen des „Maßes aller Dinge“. Darunter ist ein eher egozentrisches Weltbild zu verstehen, bei dem der einzelne seine ihm obliegende Gesamtverantwortung verliert und soziale Systeme, ethische Werte entweder für sich persönlich als nicht oder nur eingeschränkt geltend ansieht, oder sie trivialisiert. Er glaubt am Ende eines solchen Prozesses, eine weitgehend unantastbare Institution zu sein, dem die öffentliche Verantwortung und die eigene Relativität des Seins und die Verantwortung zum Dienen abhanden gekommen sind.
Das gesellschaftliche Wohlergehen und das Ansehen der Gesellschaft hängt – wieder einmal an der Bewährungsprobe, die gerade Top-Führungskräfte in dieser Gesellschaft zu bestehen haben. Es sind die maßgeblichen Menschen, die in unserer Zeit und Gesellschaft mit der ihnen übertragenen oder freiwillig übernommenen Verantwortung Maßstäbe setzen müssen. Dabei müssen sie Spielregeln, die sie selbst (mit)bestimmen oder denen sie sich öffentlich verpflichtet bzw. bekannt haben auch selbst einhalten.
Prof. Dr. Christoph Ph. Schließmann
Lesen Sie mehr zu Ursachen und dem Modell des NO-GO-Phänomen:
Schließmann/Pircher-Friedrich/Trück, Das No-Go-Phänomen, Wenn Führungskräften nicht mehr zu helfen ist, ESV Berlin 2007









