(openPR) Laut einer Mitteilung des "Tibetan Centre for Human Rights and Democracy", Dharamsala, weit China Behauptungen zurück, den tibetischen Schriftsteller Dolma Kyab [auch: Gyab] wegen Spionage und Weitergabe von Staatsgeheimnissen inhaftiert zu haben. Bestätigten Informationen zufolge, die dem TCHRD vorliegen, war der 29 Jahre alte Dolma Kyab vor seiner Verhaftung im März 2005 in Lhasa als Lehrer tätig. Im September 2005 wurde er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Es gelang ihm, einen Brief aus der Zelle zu schmuggeln, in dem er den UN-Menschenrechtsrat um Hilfe anrief.
Am 17. August 2006 verlas eine Sprecherin des Informationsbüros, das dem chinesischen Staatsrat oder Kabinett untersteht, der Nachrichtenagentur Reuters per Telefon eine vorbereitete Erklärung, in der es heißt: „Unsere Nachforschungen ergaben, daß in Tibet kein junger Mann namens Dolma Kyab verurteilt wurde. Es gibt jedoch einen ethnischen Tibeter dieses Namens, der in der Provinz Gansu wegen Raubs zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Seine Strafe wurde inzwischen in eine Haftfrist von begrenzter Dauer umgewandelt.
Dolma Kyab, mit Pseudonym Lobsang Kelsang Gyatso, wurde am 9. März 2005 in Lhasa verhaftet, wo er an einer Mittelschule Geschichte unterrichtete. Er wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, weil er ein bislang unveröffentlichtes Buch mit dem Titel „Der Himalaya in Bewegung“ verfaßt hatte. Es handelt sich dabei um eine Sammlung von 57 Essays, in denen er sich mit Demokratie, der Souveränität Tibets, Tibet unter der kommunistischen Herrschaft, mit Kolonialismus, Religion und Glauben etc. auseinandersetzt. Zudem hatte er begonnen, an einem weiteren Manuskript über die geographischen Aspekte Tibets zu schreiben, das vergleichsweise kurz war, jedoch heikle Themen wie die Lage und Anzahl der Militärcamps im chinesisch besetzten Tibet berührte. Ebenso wie die Inhaftierung von Dolma Kyab leugnete die chinesische Sprecherin des Informationsbüros auch die Existenz eines solchen Buches.
Hier folgt eine Übersetzung des Briefes, den der inhaftierte tibetische Schriftsteller Dolma Kyab an die Vereinten Nationen richtete:
An die Menschenrechtskommission der UN [im Juni 2006 in Menschenrechtsrat umbenannt], die Weltfrauenorganisation [vermutlich ist hier das Komitee für die Beseitigung der Diskriminierung von Frauen gemeint], die Globale Umweltschutzorganisation [vermutlich das UN-Gremium für Umweltschutz] und die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur [UNESCO]:
“Ich wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Der Hauptgrund dafür war mein noch unveröffentlichtes Buch ‚Der Himalaya in Bewegung’, das von Demokratie, Selbstbestimmung und anderen für Tibet relevanten Themen handelt. Der chinesischen Strafprozeßordnung zufolge kann niemand nur auf der Basis eines derartigen Buches des ‚Separatismus’ angeklagt werden. Da es der chinesischen Justiz nicht gelang, mich aus diesem Grunde vor Gericht zu stellen, klagten sie mich schließlich, nachdem sie alle Möglichkeiten eruiert hatten, der ‚Spionage’ an. Obwohl die Behörden über keinerlei Beweise oder stichhaltigen Argumente verfügen, beschuldigten sie mich in ihrer Anklageschrift der Spionage. Das Gericht lastete mir folgendes an:
1) In der Vergangenheit habe ich der tibetischen Regierung [bezieht sich auf die tibetische Regierung-im-Exil] meine Ansichten zum Thema Umweltschutz dargelegt und sie gebeten, sich rückhaltlos für den Schutz der Umwelt einzusetzen und mehr für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Frauen [in Tibet] zu tun. Auf Grund meiner damaligen Äußerungen beschuldigten sie [die Ankläger] mich der Vorbereitung von Aktivitäten für die Unabhängigkeit Tibets.
2) Ich hatte vor, ein Buch über tibetische Geographie zu schreiben. Obwohl ich noch nicht einmal damit angefangen hatte, beschuldigten sie mich, ich hätte Staatsgeheimnisse ans Ausland weitergegeben. Wie absurd, sie brachten meine Absicht, so ein Buch zu schreiben, mit separatistischen Aktivitäten in Verbindung! Als der italienische Philosoph [Filippo Giordano] Bruno 1600 sagte, daß die Sonne das Zentrum des Universums sei, erzürnte sich die Kirche in Rom und ließ ihn hinrichten. Ich fühle mich wie er.
3) Sie hörten auf das, was ein paar Leute behaupteten und prüften überhaupt nicht die Tatsachen. Meine Verurteilung stellt daher einen Rechtsbruch und einen ungesetzlichen Machtmißbrauch dar.
Als ein Repräsentant der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen [der UN-Sonderberichterstatter für Folter Manfred Nowak]* am 26. und 27. November 2005 in Lhasa war, verlegten sie mich an einen anderen Ort und versteckten mich dort, weil sie befürchteten, er könnte mit eigenen Augen sehen, wie die Lage tatsächlich ist. Aus diesem Grunde hatte ich keine Möglichkeit, irgend jemandem mitzuteilen, daß das gegen mich gesprochene Urteil ungerecht ist. Wahrscheinlich haben meine Kampagnen für den Schutz der tibetischen Antilope und für die Freiheit der Liebe in den nomadischen Regionen [Tibets] sie dazu veranlaßt, mich der Aktivitäten für die Unabhängigkeit zu bezichtigen. Ich bin der Auffassung, daß eine Verurteilung zu zehn Jahren Haft wegen Bildungsarbeit in Sachen Umweltschutz, Gesundheitsversorgung von Frauen, Familienplanung, individueller Gesundheitsfürsorge und Hygiene, Förderung und Schutz der Naturwissenschaften in der heutigen Zeit etwas recht Befremdliches ist.
Obwohl sie [die chinesische Regierung] mich meiner Freiheit beraubt hat, kann sie mir nicht meine Überzeugung nehmen, daß die Aufklärung der Menschheit in Sachen Umweltschutz und Gesundheitsversorgung von Frauen notwendig ist. Sie können mich töten, aber meine Liebe zur Naturwissenschaft können sie nicht abtöten. Ich glaube, daß Umweltschutz, der Schutz der Mütter [Frauen] und die Förderung der Naturwissenschaften ein gemeinsames Anliegen der gesamten Menschheit sind und an dieser Überzeugung werde ich festhalten.
Ich hoffe, die zuvor genannten Organisationen werden meine Ausführungen der gebührenden Erwägung unterziehen und mir zu Hilfe kommen.
Aus dem Gefängnis
Dolma Kyab
30. November 2005“
*Dr. Manfred Nowak, der UN-Sonderberichterstatter über Folter und andere grausame, unmenschliche und erniedrigende Maßnahmen oder Bestrafungen war vom 20. November bis zum 2. Dezember 2005 in China. Während seiner Mission besuchte er auch drei Gefängnisse in Tibet:
- Lhasa-Gefängnis Nr. 1 (Besuch am 26. November 2005)
- TAR-Gefängnis, auch unter dem Namen Drapchi bekannt (Besuch am 27. November 2005)
- Qushui-Gefängnis (Besuch am 27. November 2005)







