(openPR) In den USA hat die FED die Finanzkrise für beendet erklärt; sie kauft keine Anleihen mehr und erhöht Schritt für Schritt die Leitzinsen. Wahrscheinlich dämmert es den Notenbankern allmählich, daß man sich die Munition für die kommende Weltfinanz- und Wirtschaftskrise sparen muß. Die Europäische Zentralbank ist noch lange nicht soweit, hat aber immerhin schon beschlossen, die Käufe von Staatsanleihen einzustellen und nur noch auslaufende Papiere durch neue zu ersetzen. Der Leitzins soll aber bis weit ins kommende Jahr hinein noch nicht erhöht und der Negativzins für Einlagen soll beibehalten werden.
EZB-Präsident Draghi weiß, daß er die Vermögenspreisblasen nicht einfach mit einem Nadelstich beseitigen kann, ohne die sich bereits abzeichnende autonome „Lösung“ der aufgeschobenen Finanzkrise sofort auszulösen. Er weiß aber auch, daß er die Blasen nicht ewig prall halten kann. Die Zeit der Blasenökonomie wird unweigerlich ihrem Ende entgegen zu gehen. Die Frage, ob das geordnet oder ungeordnet geschehen wird, ist müßig. Ein kontrolliertes Luftablassen aus den Blasen an den Anleihen-, Aktien und Immobilienmärkten ist ganz unwahrscheinlich. Es wird deshalb eines wohl gar nicht mehr so fernen Tages wieder einmal heißen: Rette sich, wer kann. Zahlreiche Letzte werden wie gewöhnlich die sprichwörtlichen Hunde beißen. Unter den Blaseninvestoren und nimmersatten Kreditnehmern werden viele Opfer zu beklagen und mit erheblichen Kollateralschäden wird zu rechnen sein. Auf der anderen Seite werden die jahrelang durch Minimal- und Negativzinsen benachteiligten Sparer aufatmen, wenn die Zinsen (vielleicht sogar rasanter als erwartet) wieder steigen und die Enteignung der Unschuldigen zugunsten der Schuldigen endlich zuende geht.
Die sozialen Folgen der expansiven Geldpolitik in Form von Kreditausweitung sind nicht zu übersehen: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird dadurch beträchtlich vergrößert und die bestehenden Ungleichheiten werden weiter verstärkt. Bisher verschließt die Politik vor dieser Tatsache die Augen. Hoffen wir, daß sie aufwacht, bevor die traditionellen Parteien Europas in den kommenden Jahren vollends marginalisiert werden. Denn die Betroffenen Mitbürgerinnen und Mitbürger merken sehr gut, daß und zu wessen Gunsten sie „bluten“ müssen.
In den USA steigen die Zinsen bereits auf breiter Front und die Zinsstrukturkurve wird flacher. Das heißt, die Zinsen von kurz- und langfristigen Anleihen gleichen sich immer mehr an. In den USA ist das bereits sehr gut zu beobachten. Es könnte sogar dazu kommen, daß die Zinsen für kürzer laufende Anleihen über die für länger laufende Anleihen steigen. Eine solche inverse Zinsstruktur verrät regelmäßig zögerlichere Kreditgewährung durch die Banken und ging historisch betrachtet fast immer einer konjunkturellen Rezession voraus.
Die Normalisierung der aus dem Ruder gelaufenen Finanzwirtschaft – so sehr sie auch zu begrüßen ist – birgt angesichts des Zustandes der Finanzmärkte große realwirtschaftliche Gefahren. Nach Abzug der Inflationsrate nicht selten fast kostenlose Kredite haben Investitionen provoziert, die sich unter normalen Umständen nicht rechnen. Steigende Zinsen bedeuten aber steigende Kosten für die Kreditnehmer. Schuldner, die sich durch die niedrigen Zinsen zur Aufnahme hoher Kredite für Investitionen verlocken ließen, die sie unter normalen Umständen gar nicht unternommen hätten, können dadurch in große Schwierigkeiten kommen. Deshalb wäre es geradezu ein Wunder, wenn die gigantischen Vermögenspreisblasen nur ganz allmählich und „kontrolliert“ Luft ließen. Realistischer ist es, davon auszugehen, daß sie platzen und eine verheerende Kettenreaktion auslösen werden: Kreditausfälle bringen Kreditgeber in Bedrängnis und die müssen wiederum ihre Kreditengagements reduzieren oder Zinsen erhöhen, um finanzielle Engpässe zu vermeiden, was weitere Schuldner in Schwierigkeiten bringt.
Nicht zu vergessen ist der gigantische Derivatebestand, der inzwischen das Weltsozialprodukt übersteigen soll. Diese Wetten auf Kurse, Kursbewegungen und Kursrelationen von so gut wie allem, was man sich denken kann, hat der erfolgreiche Investor, Warren Buffett, einmal als das „Massenvernichtungsmittel der Finanzindustrie“ bezeichnet. Wenn die bevorstehende „Lösung“ der Finanzkrise diese Zeitbombe aus Wertphantasien aktiviert, wird unter den Investmentbankern Heulen und Zähneklappern sein.
Von steigenden Zinsen sind nicht nur private Investoren betroffen, sondern auch Staaten mit ihren Schulden. Die EZB will ihre Aufkäufe von Staatsanleihen zum Jahresende einstellen. Geringere Nachfrage nach Staatsanleihen, vor allem solcher von Schuldnern mäßiger Bonität, führt zu sinkenden Kurse und damit steigenden Renditen. Die Neuverschuldung vieler Staaten wird sich deshalb künftig verteuern, was wiederum die Haushalte der Staaten besonders belastet, die ohnehin schon bis zur Halskrause in Schulden stecken – Italien zum Beispiel.
In der Währungsunion wird per 1. Januar 2019 routinemäßig der Verteilungsschlüssel für die Anleihekäufe angepaßt. Dieser wird aus der Bevölkerungszahl und der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) der Mitgliedsländer gebildet. Zum Stichtag ergibt sich daraus eine Veränderung, die nicht unproblematisch ist. Während Deutschland um 1,2 Prozentpunkte höher gewichtet wird, verlieren zum Beispiel Italien 1,0 und Spanien 0,5 Prozentpunkte. Die Folge davon ist, daß die EZB in diesem Umfang von Deutschland mehr und von Italien und Spanien weniger Anleihen aufkaufen darf und Letztere deshalb selbst für die Refinanzierung der nicht mehr aufgekauften Anleihen sorgen müssen. Das könnte vor allem das extrem verschuldete Italien in noch größere Schwierigkeiten bringen und die latente Krise der Währungsunion wieder aktualisieren.
Die deutsche Regierung hat derzeit so viel Geld zur Verfügung wie nie. Aber was fangen die Politiker damit an? Zukunftsinvestitionen? In der Bildung dominiert das Abitur-Light. Scheinbildung, die nicht wirklich gebraucht wird. Die Verkehrsinfrastruktur Deutschlands ist hoffnungslos überlastet und in weiten Teilen marode. Blinde Bauwut zerstört ganze Stadtbilder und bisher gesunde Wohnumgebungen. Über Fachkräftemangel jammern diejenigen am meisten, die selbst keine Fachkräfte ausbilden. Andere Unternehmen befördern ältere Fachkräfte vorzeitig in den Ruhestand und stellen dafür schlecht ausgebildeter und unerfahrener (aber kostengünstigere!) Ersatzkräfte ein – wenn sie überhaupt die Arbeitsplätze wieder besetzen. Die Personalkosten sollen sinken, aber alle negativen Folgen für die Qualität der Unternehmensleistung tragen die Kunden.
Mit Abgasmanipulationen betrügen Vorstände und Aufsichtsräte großer Automobilhersteller ihre Kunden, um sich ihre Taschen noch mehr füllen zu können. Solche erbärmlichen Profitjäger sollen unsere Jugend in die Zukunft führen? Ich kenne keine intelligenten und informierten Jugendlichen, die glauben, daß solche Figuren Deutschlands Zukunft sichern können. Auch die Politiker sind keine Vorbilder. Sie faseln viel von Zukunft, tun aber nichts, um den Menschen, von deren Arbeit sie selbst und ihre zunehmende Zahl von Mit- und Zuarbeitern in den Ministerien sehr gut leben, ebenfalls eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen.
Die Ärmeren Deutschen zahlen – weil sie es nicht besser wissen (wollen) oder weil es ihnen egal ist? – relativ mehr Steuern als die Reicheren, wenn man die Gesamtbelastung des verfügbaren Einkommens mit Einkommen- und Verbrauchssteuern sowie Abgaben (z.B. für Rundfunk und Fernsehen) berücksichtigt. Das ist nichts weniger als skandalös. Die Altersarmut nimmt im an Reichen so reichen Deutschland kontinuierlich zu und die Regierung – gleich, ob christliche oder soziale Demokraten das Sagen haben – sieht nur zu. Die Politiker sind ja prächtig versorgt, warum sollten sie sich Sorgen machen? Einem OECD Rentenbericht von Ende 2017 ist zu entnehmen, daß Deutschland bei der Rentenhöhe – gemessen in Prozent des durchschnittlichen Nettoverdienstes – mit 50,5% auf Platz 24 von 28 Plätzen steht. Der EU-Durchschnitt beträgt 70,6%. Zypern kommt auf 82,6% und selbst die Griechen kommen auf 53,7%!
Was ist das für eine grandiose Steuer- und Sozialpolitik! Aber die Einkommensverteilung in Deutschland ist ja bereits chronisch asozial. Wie sollte da die zunehmende Zahl von Rentnerinnen und Rentnern hoffen, die nur mit zusätzlicher Sozialhilfe über die immer teureren Runden des wirtschaftlichen Überlebens kommen? Das sich an ihrer prekären Lage nichts ändert, dafür stehen CDU/CSU, FDP und SPD gleichermaßen. Auch von den GRÜNEN und der AfD haben die Benachteiligten nichts zu erwarten und die LINKE versteht es einfach nicht, eine überzeugende sozialdemokratische Politik anzubieten, obwohl sie damit angesichts des Versagens der SPD eine einmalige Chance hätte. Fazit: Es gibt in Deutschland derzeit weder einen erkennbaren Willen noch ein belastbares Konzept für eine nachhaltige Beseitigung der kontinuierlich zunehmenden sozialen Schieflage.
Die Krise, an deren Beginn wir erst stehen, wird nicht planvoll gelöst werden. Sie wird sich autonom lösen. Politiker scheinen vollkommen hilflos und begnügen sich damit, weiterhin die alten Mängel zu verwalten, allenfalls dadurch beunruhigt, daß ihnen die Wähler davonlaufen. Interessierte Kreise der Finanzwelt, die eigentliche Herrscher über das Schicksal der Völker, werden alles tun, um die Blasen möglichst lange noch einigermaßen stramm zu halten. Was am Ende einer Lösung für die große Mehrheit der Menschen herauskommt, kann niemand wissen.
Prof. Querulix beobachtet und kommentiert seit vielen Jahren mit wachsender Sorge um Frieden, Freiheit und das allgemeine Wohl der Menschheit das fragwürdige Treiben der Menschentiere, insbesondere das ihrer Alphas. Seine Beobachtungen dokumentiert und kommentiert er in der eBook-Reihe „Tacheles“, in der bisher 7 Bände erschienen sind. Der jüngste trägt den Titel: „Rien ne vas plus – Wohin treibt die Menschenwelt?“ (ISBN 978-3-943788-43-3). Wie seine 6 Vorgänger ist auch dieser Band in allen gut sortierten Buchhandlungen zum Preis von 9,95 Euro zu haben.
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