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Fortschreiten heißt immer auch Weggehen

16.04.201518:42 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft
Bild: Fortschreiten heißt immer auch Weggehen
Unbedingtes individuelles Grundeinkommen, eBook, ISBN 978-3-943788-18-1, 9,95 Euro
Unbedingtes individuelles Grundeinkommen, eBook, ISBN 978-3-943788-18-1, 9,95 Euro

(openPR) Diese Feststellung von Prof. Querulix (Volksmund tut Weis- und Wahrheit kund) erinnert an das Janusgesicht des Fortschritts. Obwohl in erster Linie emotional positiv besetzt und als gut geheißene, auch wünschenswerte Entwicklung betrachtet, hat Fortschritt – das zeigt die historische Erfahrung – keinesfalls immer und ausschließlich positive Wirkungen auf das Lebensglück der Menschen. Oft paaren sich im Fortschritt Nutzen und Schaden, Glück und Unglück, Reichtum und Elend.



Auf der diesjährigen Hannover Messe geht es um die Idee der „Industrie 4.0“. Leitthema ist die digitale Vernetzung der Produktion. Damit setzt die Technik zu einem Quantensprung ihrer Entwicklung an. Die Geschichte der Menschheit mahnt allerdings, nicht zu vergessen, daß es dem Menschen als Kulturwesen nicht weiterhilft, wenn sich das räuberische Rudeltier nur noch schärfere Klauen zulegt. Fortschritt sollte dem Menschen dienen, möglichst allen Menschen, und er sollte wenigstens nicht allzu viele Nachteile mit sich bringen.

Überwiegend vollzieht sich Fortschritt lautlos in kleinen und kleinsten Schritten. Wie nützlich und praktisch sind zum Beispiel die vielen elektronischen Helferlein, die uns heute in so gut wie allen Lebensbereichen zur Verfügung stehen. Wer heute schon das Rentenalter erreicht hat, weiß diesen Fortschritt zu schätzen, den Erfindungsgeist und Ingenieurkunst zustande gebracht haben. Er weiß aber auch, auf welche „Errungenschaften“ er ohne weiteres verzichten könnte, ohne an Lebensqualität einzubüßen. „Fortschritt nennen wir vor allem die Vermehrung der Unnötigkeiten, von denen wir glauben, daß sie Notwendigkeiten seien“, meint Prof. Querulix zu diesem Aspekt des Fortschritts.

Elektronische Datenverarbeitung und Steuerungen sowie das Internet sind zweifellos große Errungenschaften der Menschheit. Beim genaueren Hinsehen und kritischen Nachdenken werden aber auch die Gefahren bewußt, die diese Spielart des Fortschritts mit sich bringt.

Während die größte Gefahr des Vordringens elektronischer Steuerungen in unseren Lebensalltag bis vor wenigen Jahren allenfalls in ihrer unnötigen, überflüssigen Nutzung bestand, der jeder leicht aus dem Weg gehen konnte, werden wie heute zunehmend unausweichlich mit problematischen, ja besorgniserregenden Auswirkungen konfrontiert. Dazu trägt entscheidend die Möglichkeit der Vernetzung bei.

Fast schon gewöhnt sind wir die Jagd der Ölkonzerne auf die Geldbörsen der Autofahrer. Mittels elektronisch vernetzter Technik variieren sie in Sekundenschnelle und verblüffend gleichgerichtet die Kraftstoffpreise, ohne damit gegen Gesetze zu verstoßen. Fortschrittliche Profitmaximierung auf Kosten der Kunden, die keine Zeit haben, immer wieder nach den günstigsten Preisen zu suchen. Man stelle sich vor, das Beispiel würde Schule machen?

Die größten Gefahren drohen aus der Monopolisierung von Netzen und aus ihrer Anfälligkeit für Störungen und kriminelle Handlungen. Der Angriff auf den französischen Sender TV 5 Monde hat erneut gezeigt, wie groß der Leichtsinn und die Sicherheitslücken sind. Die mit der Vernetzung durch das Internet verbundenen Gefahren werden heute immer noch weitgehend unterschätzt, obwohl sie uns von den Kriminellen beinahe täglich vor Augen geführt werden. Die Produktionssteuerung der meisten Betriebe ist heute immer noch unzureichend geschützt. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann nicht nur Spione diese Chance für sich nutzen, sondern in größerer Zahl auch Kriminelle, die Beute machen oder Schaden anrichten wollen. Gegen das, was diese künftig an Schäden verursachen können, ist der Diebstahl von Kreditkartendaten eher harmlos. Auf der letzten Interpol-Konferenz wurde der Schaden durch Cyberkriminalität auf mehrere hundert Milliarden Euro jährlich geschätzt.

Was könnten Kriminelle in Zukunft anrichten, wenn sie zum Beispiel in die Steuerungstechnik selbstfahrender Autos eingriffen? Heute schon haben sie keinerlei Probleme, die Elektronik von Autos zu manipulieren, um sie zu stehlen. Was könnten sie anrichten, wenn sie in die Steuerungstechnik künftiger „smarter“ Wohnungen eingriffen? In den harmlosesten Fällen würden sie bei Starkregen Dachluken öffnen und Häuser unter Wasser setzen, im Sommer die Heizung hochdrehen oder die Kühlschränke von im Urlaub befindlichen Hauseigentümern massenhaft verderbliche Waren bestellen lassen. Diebe könnten ohne schweres Gerät auch in elektronisch gut gesicherte Wohnungen eindringen. Durch ferngesteuerte Elektrogeräte könnten Brände verursacht werden.

Daß solche Eingriffe heute nicht verhindert werden können, zeigt die Kriminalstatistik. Doch was soll’s. Wer braucht diese Technik wirklich?

Anders sieht das bei Produktionsanlagen aus. Vernetzung kann dort außer beträchtlichen Kostenvorteilen erheblichen Nutzen bringen. Aber auch sie sind in höchstem Maße gefährdet. Mit welchen Folgen ist zu rechnen, wenn es dagegen keinen ausreichenden Schutz gibt? Die bisherigen Erfahrungen mit Hackerangriffen offenbaren Schutzlosigkeit, teils aus Nachlässigkeit, teils aus Leichtsinn, teils aus Unvermögen. Ob es überhaupt ausreichende Sicherheit geben kann, wäre auch noch zu klären.

Die Probleme der Netzsicherheit und des Datenschutzes müssen endlich auch mit ausreichenden – nicht von Lobbys aufgeweichten oder vollkommen unwirksam gemachten – gesetzlichen Mitteln angegangen werden. Elektronische Bauteile können (und werden?) heute schon zum Nachteil der Käufer und Nutzer auf eine bestimmte Funktionsdauer begrenzt. Lebenszyklusoptimierung. Geräte funktionieren dann nicht mehr, obwohl sie technisch in einwandfreiem Zustand sind. Dadurch läßt sich der Absatz sichern, nur leider nicht die Einkommen derer, die auf Grund künstlich herbeigeführter Unbrauchbarkeit eigentlich unnötige Neuanschaffungen finanzieren müssen. Zusätzliche Gefahren bestehen in der Möglichkeit, Informationen, zum Beispiel über Zeitpunkt, Art und Häufigkeit der Nutzung ohne Wissen ihrer Urheber und Eigentümer auszulesen und die gewonnenen Daten dann gegen deren Interessen zu nutzen. Wie sorglos die Menschen in dieser Hinsicht sind, zeigt die unkritische Nutzung sozialer Netzwerke.

„Der Fortschritt ist eine Veranstaltung, bei der die Schädigung Unbeteiligter billigend in Kauf genommen wird“, gibt Prof. Querulix zu bedenken. Das gilt für die Kunden, die Anwender und Verbraucher. Das gilt aber auch für die Arbeitskräfte, von denen – entgegen vollmundiger Ankündigungen von Lobbyvertretern – langfristig viel weniger als heute gebraucht werden. Denn die höhere Produktivität verlangt mehr Absatz, und der erfordert eine entsprechend Kaufkraft.

Betrachtet man Menschen, die geradezu verzückt mit ihrem Smartphone kommunizieren, erscheint die Möglichkeit ihrer Fernsteuerung über die Smartphones nicht weit hergeholt. Das Internet eignet sich nicht nur bestens zur Information, sondern ebenso gut zur Manipulation. Je länger die Menschen auf Empfang sind, desto größer ist die Chance, sie zu erreichen. Sogar gut informierte und kritische Geister haben es nicht immer leicht, die elektronisch verbreitete Spreu vom Weizen zu trennen. Es wird Zeit, daß Erziehung und Bildung die Menschen besser auf den bedachtsamen, souveränen und kritischen Umgang mit vernetzten elektronischen Systemen und den von ihnen verbreiteten Informationen vorbereiten.

Durch die zunehmende Nutzung von elektronischen Eingabe- und Lesegeräten verlernen Menschen das Schreiben mit der Hand. Deshalb wurde schon überlegt, in der Schule nicht mehr Schreibschrift, sondern nur noch Druckschrift zu lehren. Auch eine Anpassung des Menschen an die Technik, die in diesem Fall vermutlich tolerabel ist, aber zeigt, daß der gleiche Fortschritt, den die Menschen verursachen, auch auf sie zurückwirkt.

Die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Elektronifizierung und Vernetzung werden erst ansatzweise begriffen. Dabei wäre es dringend erforderlich, daß die Politiker sich bereits jetzt überlegen, wie sie damit umgehen wollen. Denn „das Dilemma des Fortschritts der Produktionstechnik besteht darin, daß er den Menschen zwar als Arbeitskraft zu ersetzen vermag, nicht aber zugleich auch als Konsumenten“, gibt Prof. Querulix zu bedenken. Den Verbrauchern immer unverschämter die Tasche greifen zu wollen hat ja nur Sinn, wenn die gierigen Hände dort auch genügend Geld vorfinden.

Es scheint, daß die Nutzungsmöglichkeiten von Elektronik und vor allem vernetzter elektronischer Systeme die Menschheit künftig vor ähnlich existenzielle Herausforderungen stellen wird wie bei der Industrialisierung vor 150 Jahren. Es sieht ganz so aus, als wäre die Politik ebenso unfähig wie damals, langfristige Entwicklungsstrategien im gesellschaftlichen Konsens und unabhängig von den Sonderinteressen starker Lobbys zu entwickeln. So treiben wir wieder dahin mit unklaren Zukunftsperspektiven. Statt Unsicherheit und diffuse Ängste vor Huxleyschen und Orwellschen Szenarien zu erzeugen, muß die polit-ökonomische Klasse endlich die berechtigten Belange der übrigen Bevölkerung wahrnehmen und in ihrem Handeln berücksichtigen.

Leider ist nicht erkennbar, daß der Mensch, vor allem wenn er mit viel Macht und Geld ausgestattet ist, vernünftiger und moralisch reifer wird. „Nicht die Intelligenz beherrscht den Menschen, sondern der Wille, dem die Intelligenz nur dient. Man kann deshalb auch nicht die Intelligenz zum Maßstab nehmen für den moralischen Fortschritt des Menschen“, mahnte der Historiker Heinrich von Treitschke schon vor 150 Jahren.

Wenn technischer Fortschritt das Dasein der Menschheit verbessern soll, muß er sich am Allgemeinwohl orientieren und das allgemeine Wohl fördern. Davon sind wir noch weit entfernt und gerade dabei, die Distanz für immer mehr Menschen zu vergrößern statt sie zu verringern. Aufgabe der Politik ist es, dafür zu sorgen, daß technischer Fortschritt sozial verträglich und im Konsens erreicht wird. Denn wirklicher Fortschritt, Fortschritt im Sinne eines kulturellen Voranschreitens der Menschheit ist nur das, was die individuelle Lebenssituation aller Menschen zu verbessern in der Lage ist und sie als gleichberechtigte Individuen achtet und fördert. Technischer Fortschritt zur alleinigen Befriedigung seiner Protagonisten und zur noch gnadenloseren Durchsetzung des Primats des Profits führt zum sozialen Niedergang und zerstört den sozialen Frieden.

Über die notwendigen Reformen von Staat und Gesellschaft, die technischen Fortschritt zugunsten der gesamten Bevölkerung ermöglichen und sicherstellen, müssen sich die politisch Verantwortlichen endlich Klarheit verschaffen. Die ohne Aussicht auf ein gutes Ende andauernde und wahrscheinlich in einer Weltwirtschaftskrise mündende Finanzkrise sollte die Motivation dazu kräftig steigern. Denn Katastrophen bieten die größten Chancen für grundlegende Veränderungen – auch gegen die Sonderinteressen der Profiteure des Status quo.

Anregungen dazu gibt es zum Beispiel in der Studie „Unbedingtes individuelles Grundeinkommen in Gestalt einer negativen Einkommensteuer - Kernstück einer unvermeidlichen Radikalreform unserer Gesellschaft“. Eine lebenslängliche Einkommenssicherung für die gesamte Bevölkerung ist in dieser Studie Mittelpunkt und Eckpfeiler einer grundlegenden sozialen und politischen Reform. Die Studie (ISBN 978-3-943788-18-1, eBook (PDF), 79 S., ist für 9,95 Euro beim eVerlag READ – Rüdenauer Edition Autor Digital (www.read.ruedenauer.de) und in allen guten (Internet-)Buchhandlungen erhältlich.

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