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Die Eisenbahn nach Lhasa: Ein Werkzeug des kulturellen Genozids

05.11.200613:35 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft

(openPR) In seinem Newsletter "Human Rights Update" August veröffentlichte das Tibetischen Zentrum für Menschenrechte und Demokratie, Dharamsala, die Schilderung eines Mönches, der vor kurzem aus Tibet floh, der Auswirkungen der neuen Eisenbahn auf die Stadt Lhasa, hier folgt eine Übersetzung seines Berichts:



Ganz im Sinne der mit dem Bau und dem Start der Qinghai-Tibet-Eisenbahn einhergehenden massiven Propagandakampagne sprach der chinesische Präsident Hu bei der Eröffnungszeremonie am 1. Juli 2006 "nicht nur von einer großartigen Leistung in der chinesischen Eisenbahngeschichte, sondern auch von einem echten Wunder in der Geschichte des weltweiten Eisenbahnbaus".

Hu betonte, die Eisenbahn werde den Tibetern Fortschritt und wirtschaftlichen Wohlstand bringen. Die chinesische Regierung sieht in ihr einen Schlüsselfaktor für den Fortschritt, welcher der wirtschaftlichen Entwicklung in Tibet und anderen westlichen Regionen Chinas einen entscheidenden Impuls verleihen wird. Wie jedoch ein vor kurzem im Exil eingetroffener Mönch dem TCHRD gegenüber ausführte, brächte die Eisenbahn für die tibetische Bevölkerung hauptsächlich Nachteile mit sich und führe zu einer dauerhaften Schädigung der tibetischen Gesellschaft. Seine Darstellung widerspricht den Behauptungen der chinesischen Regierung in jeder Hinsicht.

Der 25jährige Mönch Tseten Norbu aus dem ein paar Fahrstunden von Lhasa entfernten Kreis Toelung Dechen berichtete dem TCHRD von den Auswirkungen, welche die Eisenbahn bisher schon auf die Stadt Lhasa und die tibetischen Gesellschaft gehabt hat.

"Nach der Fertigstellung der Qinghai-Tibet-Eisenbahn ließ die chinesische Regierung an alle Regierungsämter in Lhasa sowie an alle Einwohner der Stadt zwei oder drei Flaggen austeilen, die für die Eröffnungszeremonie bestimmt waren. Dazu erging die strikte Anweisung, diese zur Eröffnungsfeier auf den Hausdächern zu hissen. Die Regierungsbeamten warnten die Einwohner, eine Weigerung würde als Geste des Widerstandes und der Revolte gegen das Mutterland betrachtet werden. Weiter hieß es, die Regierung würde folgenschwere Maßnahmen gegen diejenigen ergreifen, auf deren Dächern keine Flaggen zu sehen seien. Daß die tibetischen Einwohner Lhasas schließlich die chinesischen Flaggen auf ihren Dächern anbrachten, wird nur vor dem Hintergrund dieser Zwangsmaßen erklärlich.

Die Tibeter machen sich schon seit langem große Sorgen wegen dieser Eisenbahnlinie. Erst zwei Monate ist es her, daß Passagierwaggons auf dieser Strecke verkehren, und schon bricht eine Flut von Chinesen über Lhasa herein, die sich alle ein besseres Leben in dieser Stadt versprechen. Jeder Zug, der im Bahnhof von Lhasa eintrifft, füllt die Straßen der Stadt mit Chinesen, die hier ein neues Leben beginnen wollen. Die Behörden haben für sie extra Orientierungskurse eingerichtet. Man kann Hunderte chinesischer Siedler mit ihren Schlafsäcken und ihren Habseligkeiten auf dem Rücken auf den Gehsteigen entlang der Hauptstraßen beobachten, die alle auf einen Neuanfang hoffen. Es gibt Unmengen chinesischer Artisten, die Affen, Trommeln und allerlei Gepäck mitgebracht haben und mit ihren Tiere auf den Straßen von Lhasa Tricks vorführen, um sich ein paar Groschen zu verdienen. Auf ähnliche Weise unterhalten chinesische Shaolin-Mönche die Menschen mit ihren Darbietungen in Kampfkunst und Kungfu. Tibet ist nun endgültig dem Bevölkerungstransfer und der Assimilation zum Opfer gefallen. In den letzten Jahren hat die chinesische Regierung den Zustrom von ethnischen Chinesen nach Tibet enorm gefördert.

Öffentliche Transportmittel, Taxis und Rikschas - alles wurde von den chinesischen Migranten usurpiert. Man findet kaum noch Tibeter auf diesem Sektor. Die Hotels und Restaurants befinden sich alle in chinesischer Hand, und eine große Anzahl von jungen tibetischen Männern und Frauen arbeiten für durchschnittlich 400-500 Yuan im Monat als ihre Angestellten. Offiziell als chinesische "Touristen" deklariert, gelangen Unmassen arbeitsloser chinesischer Migranten nach Tibet, von denen viele dem Rotlichtmilieu angehören. In der kurzen Zeit, seit die Eisenbahn nach Lhasa gekommen ist, haben die Diebstähle und Raubüberfälle beispiellos zugenommen. Was den kulturellen Aspekt betrifft, so findet man kaum mehr etwas von dem alten Stadtbild: Lhasa ist nun eine typisch moderne chinesische Stadt geworden, die wuchert und wuchert.

In letzter Zeit ist Mandarin zur allgemeinen Umgangssprache auf den Straßen der Stadt geworden. Junge Leute, Kinder und sogar ältere Menschen durchsetzen die tibetische Sprache nun mit Mandarin Wörtern. Die tibetische Gesellschaft wird von der Vorstellung dominiert, daß Menschen, die kein Mandarin beherrschen, zu Außenseitern werden und jenseits der Mehrheitsgesellschaft und der aktuellen Entwicklungen stehen. Leider ist dies eine Realität. Selbst tibetische Metzger und Fleischverkäufer um den Potala-Palast, den Tsuglag-Khang, den Ramoche Tempel und den Norbulingka sprechen nur noch Mandarin. Sie haben ihre Muttersprache schon fast vergessen. Der große freie Platz vor dem Potala und ebenso der vor dem Tsuglag-Khang sind von Tausenden von Chinesen okkupiert, die von der Eisenbahn hereingebracht wurden. Die chinesische Regierung behauptet, durch die Anwesenheit der vielen Reisenden aus Zentralchina und der ausländischen Touristen, die der Zug ins Land bringt, würden neue Verdienstmöglichkeiten für die Tibeter geschaffen. Nach ihren üblichen Verlautbarungen ist der zu erwartende wirtschaftliche Fortschritt Tibets so sicher wie das Zunehmen des Mondes. Unglücklicherweise hat die chinesische Regierung dieses Ziel bei der Umsetzung ihrer Maßnahmen aus den Augen verloren. Sie ist statt dessen nur noch darauf fixiert, günstige Bedingungen für den Transfer weiterer chinesischer Siedler nach Tibet zu schaffen.

Ich habe selbst beobachtet, daß die Stadt, seit es die Eisenbahn gibt, eine stetige Bevölkerungszunahme verzeichnet. Die chinesische Regierung läßt gegenwärtig zahlreiche Pensionen und Wohnhäuser bauen. Ihre ans Ausland adressierte Propaganda, Lhasa werde zu einer ultramodernen Stadt umgestaltet, ist reiner Betrug und Augenwischerei. Die neuen Wohnviertel sind nur für chinesische Zuwanderer bestimmt, was in krassem Gegensatz zu den Behauptungen in den staatlichen Medien steht. Die neuen Wohnblöcke wurden nicht dazu gebaut, um von Tibetern aus Kham, Amdo und den Dörfern der Umgebung von Lhasa bewohnt zu werden, sondern von chinesischen Migranten.

Die tibetischen Wohnhäuser mit ihrer traditionellen Architektur werden samt und sonders zerstört. An ihrer Stelle schießen überall seltsam anmutende Gebäude aus dem Boden. Wenn wir in Lhasa ankommen, fühlen wir uns nicht mehr in einer tibetischen, sondern wie in einer chinesischen Stadt. Chinesische Händler pflegen, kaum daß sie sich einen Monat in Lhasa aufhalten, die vom Land in die Stadt gekommenen Tibeter übers Ohr zu hauen, indem sie ihnen in China produzierte Uhren von schlechter Qualität zu überhöhten Preisen anbieten und erklären, diese seien im Ausland hergestellt worden. Wenn die Tibeter schließlich merken, daß sie betrogen wurden, haben sie keine Chance, sich gegen die Chinesen zu wehren. Sie sind in einer vollkommen hoffnungslosen Situation gefangen. Lhasa wird inzwischen komplett von den hereinströmenden Chinesen dominiert, und da diese in der Überzahl sind, können die Tibeter es nicht wagen, sich zur Wehr zu setzen. Sie fürchten, daß sie sich bald wie in einem fremden Land vorkommen werden, obwohl es doch ihr eigenes ist. Sie haben aber keine Wahl und müssen sich still verhalten. Wer weiß, vielleicht wird die Eisenbahn Tibet doch noch wirtschaftlichen Fortschritt bringen?

Selbst, wenn dies der Fall sein sollte, müßte die von den Chinesen behauptete Entwicklung und der vermeintliche wirtschaftliche Aufschwung Tibets mit gravierenden Langzeitfolgen und dem Niedergang unserer altehrwürdigen Kultur bezahlt werden. Heute sieht man an jeder Straßenecke junge Leute, Chinesen ebenso wie Tibeter, die ohne jegliche Scham ihre Gefühle öffentlich zur Schau stellen, indem sie sich in aller Öffentlichkeit küssen und umarmen. Das kann ich selbst bezeugen. Ein solch unsittliches und schamloses Benehmen gab es früher in Tibet nicht, aber unter dem negativen Einfluß der Chinesen sieht man heutzutage immer mehr junge Tibeter, die deren schändliches Benehmen nachahmen und sich umarmen. Infolge der Qinghai-Tibet-Eisenbahn wird die einzigartige und kostbare Kultur der Tibeter, durch die sich seit Jahrhunderten ihre Identität und ihr Land definiert haben, dem Untergang preisgegeben. Und dieser kulturelle Genozid wird nicht zu stoppen sein. Wenn man sich die Trends und Veränderungen, die in letzter Zeit in der tibetischen Gesellschaft stattgefunden haben, anschaut, bleibt kaum Raum für Zweifel hinsichtlich der negativen Konsequenzen und dem Schaden, welche diese Eisenbahn für die tibetische Identität und Kultur gebracht hat.

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