(openPR) Am Chiemsee liegt traumhaft schön eine Klinik, in der Menschen Hilfe suchen, die psychisch am Ende sind. Die meisten, die hierher kommen, sind Lehrer. Bis zu 500 sind es im Jahr. Daneben viele Polizisten. Was auffällt: Sie alle sind öffentlich Bedienstete.
Ein Blick in die Klinik für Psychosomatik am Chiemsee spricht Bände. Aus dem ganzen Bundesgebiet und auch aus NRW kommen die Menschen nach Priem, weil sie krank sind. Doch muss man gar nicht so weit reisen, um zu sehen, dass etwas schief läuft im Öffentlichen Dienst: Eine eben erst erschienene Studie des Instituts für Gesundheitsforschung der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen zeigt, dass im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung mehr als doppelt so viele Erzieherinnen und Erzieher ein deutlich erhöhtes Stressniveau aufweisen. Ein Fünftel der befragten Personen leidet so schwer unter den starken beruflichen Stressbelastungen, dass sie nach wissenschaftlicher Erkenntnis als Hochrisiko-Gruppe für Burnout angesehen werden müssen. Jeder vierte Erzieher fühlt sich durch die Arbeit oft überlastet und sorgt sich darum, den Arbeitsanforderungen noch gerecht werden zu können.
Lehrer machen sich klein, bis sie zusammenbrechen
Lärm, schlechte Arbeitsbedingungen und - besonders in der Winterzeit - Mehrarbeit durch Krankheitsvertretung oder die Vertretung schwangerer Kolleginnen. Es gibt viele Bereiche, in denen kann die Arbeit nicht liegen bleiben, bis kranke Kollegen wieder am Platz sind. Die Schule ist ein Beispiel dafür. Fällt ein Kollege aus, wird nach dem Vertretungsplan die Lücke geschlossen. "Das lässt sich nicht anders machen als durch Mehrarbeit anderer Lehrkräfte", sagt Matthias Kürten, Landessprecher der Arbeitsgemeinschaft der Junglehrerinnen und Junglehrer im Verband Bildung und Erziehung, AdJ im VBE. Neben Stress und Lärm belastet die Lehrer häufig die zunehmende Aggression von Eltern. Verbale Attacken gegen Lehrkräfte sind noch der harmlosere Fall, manchmal kommt es zu tätlichen Übergriffen.
Daneben sind es noch ganz andere Dinge, die der Gesundheit in Schulen und auch Kindergärten alles andere als zuträglich sind: "Teambesprechungen auf zugigen Fluren oder im - auch noch von anderen Lehrkräften frequentierten - Lehrerzimmer sind keine Seltenheit. Bei Besprechungen mit Kollegen/innen aus dem Klassenteam müssen wir häufig mangels anderer Möglichkeiten auf die Klassenräume ausweichen", sagt Matthias Kürten. Doch das Sitzen auf viel zu kleinen Kinderstühlen macht dauerhaft nicht nur der Wirbelsäule zu schaffen, es gibt auch ein komisches Bild ab, wenn sich Erwachsene auf Kindermöbel ferchen.
Jeder Fünfte geht krank in die Pension
Sich klein zu machen hinter den Bedürfnissen anderer gehört bei der Entscheidung für solche Berufe scheinbar dazu. Drohende Eltern und respektlose Kinder gehören zum Alltag, Zappelphillippe ruhig halten zu können ebenso. Fördern und lehren, zeitnah Klassenarbeiten korrigieren und vieles mehr erzeugen Druck. Das hat Folgen: Jeder dritte Lehrer leidet an Schlafstörungen, hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin herausgefunden. Jeder Fünfte geht krank in die Pension. Die Belastungssituation ist nicht nur im Lehrerberuf immens.
Krankenkassen belegen kranke Situation im Öffentlichen Dienst
Ähnlich ist die Situation in anderen Berufen des Öffentlichen Dienstes: bei der Polizei etwa oder selbst in den Kommunalverwaltungen. Überproportional oft fallen Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes wegen psychischer Erkrankungen aus, so offenbart es der DAK-Gesundheitsreport 2013. Während es im Schnitt aller Branchen 204 Fehltage gab, waren es in der öffentlichen Verwaltung 269. Arbeitsverdichtung und Konkurrenzdruck gehören zu den Gründen dafür. Ähnliches offenbaren Auswertungen der Techniker Krankenkasse.
Hohe Ausfallquoten im Landesdienst
Auch in der Landesverwaltung NRW könnte es besser laufen. Dort ist der Krankenstand 2012 gestiegen, ergibt sich aus einem Bericht des Innenministeriums, der der dbb jugend nrw vorliegt. Die Beschäftigten fehlen im Schnitt fünf Tage länger wegen Krankheit als die anderer Berufe. Mit dem Alter nehmen die Ausfallzeiten zu, Langzeiterkrankungen werden häufiger. Ausgerechnet im nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium gibt es die höchsten Ausfallquoten, dem folgt das Familienministerium. Die Situation bei den Landesbeschäftigten in den Universitätskliniken ist gleichermaßen kritisch. Hier herrscht seit Jahren ein ausgeprägter Fachkräftemangel. Und diejenigen, die fleißig ihren Dienst tun, leiden unter der dünnen Personaldecke - genau wie die Patienten selber.
Polizeidienst geht in die Knie
Ein internes Dokument aus dem Düsseldorfer Innenministerium zeigt, wie es um die Hüter des Gesetzes steht. Knapp 3.900 der insgesamt 39.000 Polizisten waren 2011 mehr als 31 Tage krankgeschrieben, weiß der Spiegel zu berichten. Jeder zehnte Polizist ist dauerkrank. Elf Prozent der Ordnungshüter sind verwendungseingeschränkt einsetzbar. Sie dürfen nicht mehr im Schichtdienst arbeiten oder auf der Straße - geschweige denn mit einer Schusswaffe.
Den Standesbeamten kann man nicht mal eben ersetzen
Manche Kommunalverwaltungen stehen vor dem Kollaps, weil in einigen Ämtern 20 Prozent der Mitarbeiter fehlen. Einen Mitarbeiter des Grünflächenamtes könnte man unter Umständen auf dem freien Markt einkaufen, einen Standesbeamten aber wohl kaum. "Die Top drei der Krankheiten fallen auf Muskel- und Atemwegserkrankungen sowie psychische Krankheiten", zitiert Christian Dröttboom, Vorsitzender der komba jugend nrw, aus dem Gesundheitscheck der AOK. Auch diese Erhebung zeichnet ein Bild vom angeschlagenen Öffentlichen Dienst. Viele leiden unter Schlafstörungen, Erschöpfung oder gar Burnout. Doch es gibt scheinbar einige Kommunen, die das Problem erkannt haben und dagegen etwas tun: "In Bonn gibt es Vorkehrungen wie Massagestunden für die Mitarbeiter", erklärt Dröttboom. Seine Fachgewerkschaft drängt darauf, in Hinblick auf Überlastungserkrankungen von Seiten des Arbeitgebers präventiv tätig zu werden.
Schon junge Beschäftigte an der Grenze der Belastbarkeit
"Die Zahlen aus den unterschiedlichsten Beschäftigungsbereichen des Öffentlichen Dienstes zeigen, dass viel mehr zum Schutz der Mitarbeiter getan werden muss", erklärt Jano Hillnhütter, Vorsitzender der dbb jugend nrw. Auf Kommunen, aber auch Landesbetriebe kommen immer mehr Aufgaben zu. Schichtdienst und Mehrarbeit fordern ihren Tribut. Junge Beschäftigte seien vom Alter her vielleicht belastbarer, doch führt für sie die ständige Angst darüber, ob sie übernommen werden oder nicht, zu besonderen Belastungen. "Mancher engagiert sich besonders eifrig und stellt sich für Mehrarbeit und Sonderprojekte zur Verfügung, um Punkte zu sammeln und irgendwann einen unbefristeten Vertrag unterzeichnen zu können. Das aber geht oft nicht spurlos an der Gesundheit vorbei", so Hillnhütter. Was grundsätzlich fehlt sind intelligente Mittel, die dazu beitragen, die Bremse zu ziehen, um weitere Einsparungen bei den Personalkosten zu verhindern.












