(openPR) Wer zu dem Thema „Internate und Drogen“ im Internet recherchiert, stößt immer wieder auf erschreckende Berichte wie den nachfolgend zitierten Foren-Beitrag:
„Lol, ich war bis vor kurzem auf einer absoluten Drogenschule. Ich weiß ja nicht ob ihr schon mal was von einer "Steinmühle" gehört habt, auf jeden Fall war das vor ein paar Jahren noch eine Schule, wo sogar Heroin gedealt wurde und in ganz Mittelhessen dafür bekannt war.
Die Schule ist gleichzeitig ein Internat, wo die krankeste Scheiße abläuft / ablief... ich war bis vor kurzem noch ein externer Schüler, d.h. nicht auf diesem Internat, aber auf der Schule, die dranhängt. Was ich da als von meinen Internatskollegen mitbekommen habe, war nicht mehr feierlich. Die Begründung war bei den Leuten immer, dass das Internat ja so langweilig sei und man dementsprechend ja gar nicht drum rum kommen könnte sich mit Chemie und anderen Drogen wegzuschießen. Naja, bei dieser Schule hat mich nichts mehr gewundert... das ist ne Privatschule wo fast nur durchgeknallte Freaks und mega Bonzen vertreten sind. Diese Schule kam mir jeden Tag vor wie ein Irrenhaus. Ich bin so froh, dass ich mich dort abgemeldet habe und bald mein Fernstudium beginne.“
Viele Eltern haben sich mit dem Risiko Drogenkonsum im Internat offensichtlich abgefunden. Dort sei es eben, hört man immer wieder, wie überall. Den offenen Umgang mit dem Drogenproblem scheint mancher Experten sogar für ein Qualitätskriterium zu halten. „Wenn gesagt wird, dass es nie Probleme mit Drogen oder mit dem Rauchen gibt, hätte ich Bedenken““, antwortet da der unabhängige Internatsberater Peter Giersiepen in einem Interview der ZEIT vom 16.02.2006 auf die Frage: Wann würden Sie von einem Internat abraten?
Ein bizarrer Standpunkt. Aber vielleicht soll hier nur zum Ausdruck gebracht werden, dass gute Internate sich der Drogenrealität offen stellen, um geeignete Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.
Genau das ist inzwischen die neue Botschaft, mit der die Internate ihre durch mancherlei Skandale beunruhigte Kundschaft überzeugen wollen: Wir tun was!
Aber was wird getan? Dem Problem, das man offensichtlich pädagogisch nicht lösen kann, rückt man jetzt mit technischem Gerät zu Leibe. Nobel-Internate wie das Institut auf dem Rosenberg im schweizerischen St. Gallen oder die Landerziehungsheime „Landheim Schondorf“ und „Schloss Salem“ werden zu Hochsicherheits-Zonen ausgebaut oder mit Testgeräten aufgerüstet.
"Es gibt da über 50 Kameras. Du kannst nichts unbeobachtet tun", zitiert die „Berliner Zeitung“ die Ex-Rosenbergerin Chiara Ohoven. "Sie haben da wirklich 250 pubertäre, sehr wohlhabende Kiddies, die eine Menge Scheiße im Hirn haben.“
„In Schondorf“, heißt es in einem Bericht des Magazins FOKUS vom 13.09.06, „steht in jedem Wohntrakt ein Alkomat. Stich- und Verdachtsproben werden im Wochentakt vorgenommen. Das Gleiche gilt für Haar- und Urintests auf Drogen, die zusätzlich am ersten Schultag angewandt werden, um zurückliegenden Konsum offen zu legen. Bei schwerwiegenderen Fehltritten wie Alkoholmissbrauch, Diebstahl oder Sex mit Mitschülern droht Entlassung.“
Der ehemalige Leiter von Salem, Bernhard Bueb, erklärte in einem Interview der Züricher „Weltwoche“ (Ausgabe 05/2007), man sei vor zehn Jahren in Salem mit den Drogenproblemen nicht mehr fertig geworden. Doch dann habe man Drogentests eingeführt. Jeden Abend bestimme der Leiter der Mittel- und Oberstufe per Los, wer am nächsten Morgen um halb sieben eine Urinprobe abgeben müsse. Die gehe dann ins Labor, und wenn sie positiv sei, müsse der Betroffene sofort die Schule verlassen.
Erwischt werde inzwischen maximal ein Schüler pro Jahr. Man teste auf fünf Elemente, habe aber noch nie etwas anderes gefunden als Hasch. „Die Schüler wissen ganz klar: Das hat keinen Sinn. Aus demselben Grund haben wir auch Alkoholtestgeräte eingeführt.“
Kann man das glauben? Klare Antwort: Nein! Denn vor zehn Jahren, als man nach heutiger Aussage mit dem Drogenproblem nicht mehr fertig wurde, hat man diese Tatsache öffentlich vehement bestritten. Warum sollte man den aktuellen Aussagen nun plötzlich vertrauen?
Der Beweis: In der Talkshow "Menschen bei Maischberger" (Sendetermin 09.02.2010) musste sich Bernhard Bueb von Gangsta-Rapper Bushido ("Ich kenne viele Damen aus Salem!") sagen lassen, dass er genug über Salem wisse, um zu beurteilen, dass ein paar Stichproben überhaupt nichts nützten, um den Drogenkonsum zu unterbinden. Wenn Pädagogengeschwätz auf Wirklichkeit trifft.
Der so medienwirksam inszenierte Feldzug gegen die Drogenflut im Internat beruhigt ohnehin nur diejenigen, die sich unbedingt beruhigen lassen wollen. Der Alt-Salemer und langjährige Fernseh-Kommissar Jochen Senf dagegen reagierte angewidert. Sein Kommentar zu einer Doku-Soap des TV-Senders „arte“ über sein altes Internat im Berliner „Tagesspiegel“:
„In der Tat spielt der Unrat in dieser Doku eine große Rolle: Langes Palaver über Müll in den Zimmern, dann ein eitler Soapauftritt eines darstellungsbegabten Englischlehrers, und dann der absolute Hammer: Eine Mentorin überprüft Schülerinnen mit einem Blasgerät auf Alkohol hin. Entwürdigend. Die Privilegierten unter Polizeiaufsicht. Eine einzigartige pädagogische Bankrotterklärung .“
Zu der pädagogischen Bankrotterklärung gesellt sich oft genug die technische und danach die juristische. Drogentests sind nach Auffassung zahlreicher Experten alles andere als zuverlässig und können überlistet werden. Gerichtsverwertbar sind ohnehin nur Bluttests, die aber aus Kostengründen nicht angewandt werden. Zudem stellen verdachtsunabhängige Kontrollen einen massiven Eingriff in Persönlichkeitsrechte dar und sind von daher juristisch höchst angreifbar.
Alle in Internaten angewandten Testverfahren – gleich ob zum Nachweis von Alkohol, Canabis oder anderen Stoffen – sind mehr oder weniger umstritten. Klagen Eltern gegen eine Verwarnung oder gar einen Rausschmiss ihres Kindes, haben sie gute Chancen, sich gegen das Internat durchzusetzen.
Wenn stolz darauf verwiesen wird, dass regelmäßig auf vier oder fünf Substanzen getestet werde, können Drogenexperten nur lachen. Der Kampf gegen die Drogenszene gleicht nämlich dem Wettlauf zwischen Hase und Igel. Immer neue Stoffe tauchen auf, deren Erwerb zum Teil nicht einmal illegal ist, weil die rauscherzeugende Wirkung noch nicht allgemein bekannt ist.
Dies gilt zum Beispiel für die unter dem Namen "Liquid Ecstasy" oder "Vergewaltigungsdroge" bekannte Designerdroge GBL. Der synthetische Stoff wird meist unterschätzt, denn der Erwerb ist legal. Tatsächlich geht von GBL eine erhebliche Suchtgefahr aus. Der Entzug ist schwierig. Im niederbayrischen Pfarrkirchen wurden erst kürzlich 12 Schüler des GBL-Konsums überführt und mussten das staatliche Internat verlassen.
Die Zahl der neuen Drogen steigt von Jahr zu Jahr. Die Drogenbeob-achtungsstelle der EU hat z.B. im Jahr 2009 genau 24 neue Suchtmittel verzeichnet. 2008 waren es erst 13. Alle neuen Drogen sind synthetisch hergestellt. Sehr verbreitet sind synthetische Cannabinoide, die als "legal euphorisierende Mittel", als Tees und Räucherpulver über das Internet vertrieben werden, wo man den Handel kaum kontrollieren kann.
Die meiste Furcht vor den Ergebnissen eines Drogentests haben ohnehin nicht die Schüler, sondern die pädagogischen Mitarbeiter in den Internaten. Denn für den Fall, dass eine große Zahl von Eleven des Drogenkonsums überführt wird, droht Internatsleitern und Erziehern der Verlust des Arbeitsplatzes, obwohl diese den Drogenkonsum ihrer Schützlinge im Regelfall gar nicht verhindern können. Und ist man dann tatsächlich gezwungen, gegen eine erhebliche Zahl von Drogenkonsumenten unter den jugendlichen Inter-natsbewohnern vorzugehen, hat man eine Front militanter Eltern gegen sich, die nicht einsehen wollen, warum sie für Fehltritte ihrer Kinder zur Verantwortung gezogen werden, die nach ihrer Ansicht schließlich das Internat hätte unterbinden müssen.
Besonders aufgebracht reagiert die Kundschaft auf das Fortbestehen der Zahlungspflicht nach einer fristlosen Kündigung durch das Internat. So drohen den Internaten endlose Prozesse, Beschwerden bei der Heimaufsicht, rufschädigende Pressekampagnen hohe Verluste durch Schülerrückgang. Grund genug, das Thema Drogen nach wie vor unter den Teppich zu kehren.
Ein besonders anschauliches Beispiel dafür, dass der Kampf der Internate gegen den Drogenkonsum ihrer Schülerinnen und Schüler schier aussichtslos ist, bot vor einiger Zeit das Landschulheim Burg Nordeck - wie Salem, Schondorf oder die Steinmühle Mitglied der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime.
Zwei Tage vor Weihnachten 2006 wurden aufgrund der Ergebnisse eines Drogentests unter den SchülerInnen 19 von seinerzeit 68 Mädchen und Jungen des Internats verwiesen. Auch der Leiter des Internats, der den Drogentest veranlasst hatte, erhielt kurioserweise die fristlose Kündigung.
Die Eltern der betroffenen Schüler einschließlich des Elternbeirats liefen Sturm gegen die Massenkündigung. Mit Verdächtigungen gegenüber dem Vorstand des Schulträgervereins, dem vorgeworfen wurde, mit dem Vertrauensarzt des Internats „familiär verbandelt“ zu sein, ging man massiv zum Gegenangriff über und verlangte gar eine Entschuldigung der Schule gegenüber den Schülern. Am Ende wurden dreizehn der neunzehn gekündigten Drogenkonsumenten wieder aufgenommen. Nicht als Eingeständnis eigenen Fehlverhaltens, sondern, wie die Schulleitung ausdrücklich verlautbarte, weil „man [...] den Kindern [habe] helfen wollen“. Gleichzeitig gelobte die Drogenbeauftragte des Internats öffentlich die Schließung rechtlicher Lücken und den Verzicht auf das von den Eltern beanstandete Testverfahren. Künftig werde man den gas-chromatografischen Test anwenden. Hierbei handelt es sich um ein Verfahren, mit dem bereits nach kürzester Zeit kein sicherer Nachweis eines Drogenkonsums mehr möglich ist.
Wer angesichts eines solchen juristischen und pädagogischen Desasters glaubt, die Internate könnten ihre Eleven ernsthaft vom Drogenkonsum abschrecken, leidet an Realitätsverlust. Natürlich wünschen sich alle Beteiligten (bis auf die Drogen konsumierenden Internatsschüler selbst) drogenfreie Internate. Aber es gibt zu viel Doppelbödigkeit, um dieses Ziel in gemeinsamer Kraftanstrengung von Pädagogen und Eltern durchzusetzen:
1) Die Eltern schicken Kinder ins Internat, die aufgrund der oft desolaten familiären Verhältnisse, erzieherischer Defizite (siehe Verwöhnung und Vernachlässigung) oder Bindungs- und Beziehungsstörungen in besonderem Maße suchtanfällig sind oder bereits in erheblichem Umfang Drogen konkonsumieren. Dabei spielen Nikotin und Alkohol eine größere Rolle als illegale Drogen. Erstere werden von Gesundheits- und Suchtexperten als die größere Gefahr eingestuft, aber gerade von Elternseite immer noch verharmlost.
2) Eltern sind nur so lange für „hartes Durchgreifen“ gegen Drogenkonsum, wie die eigenen Kinder nicht betroffen sind. Ist dies der Fall, werden pädagogische Maßnahmen der Internate mit allen juristischen und „diplomatischen“ Mitteln bekämpft oder unterlaufen.
3) Die Internate sind abhängig vom Geld der Privatzahler, Spender und Gönner. Dies zwingt immer wieder zu „pädagogischer Korruption“. Letztlich wird nur dasjenige Maß an Konsequenz in Drogenfragen herrschen, das man sich wirtschaftlich auch leisten kann.
4) Internatspädagogen sind keine Suchtexperten und der Erfindungsreichtum jugendlicher Drogenkonsumenten ist grenzenlos. Die Internate laufen der Entwicklung ständig hinterher. Wo die eine Drogenszene ausgetrocknet wird, entsteht gleich nebenan eine neue.
5) Flächendeckende und juristisch wasserdichte Drogentests sind zu teuer und organisatorisch zu aufwändig. Und es gibt sehr viele Tricks, Stichproben zu entkommen. So viele Tests, so viele Schlupflöcher.
Das Thema Drogen im Internat wird uns also weiter beschäftigen und damit ein echter Dauerbrenner bleiben – wie seit Jahrzehnten.












