(openPR) Oft ziehen sich die Schulprobleme schon über Jahre hin. Der Wechsel in ein Internat stand vielleicht auch bereits mehrfach zur Diskussion. Aber man scheute die Trennung vom Elternhaus oder vom Freundeskreis, vertraute auf Nachhilfe und die Versprechungen des Nachwuchses, sich nun endlich auf den Hosenboden zu setzen, oder man hoffte, die Ausgaben für einen Internatsaufenthalt doch noch aufschieben zu können. Nun ist man also wieder in derselben Situation wie im Vorjahr: Nichts ist besser geworden, sondern es wurde kostbare Zeit vertan. Der Problem-druck zwingt zu einer Entscheidung.
Selbst bei dringendem und kurzfristigem Handlungsbedarf sollten Eltern einen kühlen Kopf bewahren und die Konzepte der Internate sehr kritisch prüfen. Denn nicht jede Einrichtung eignet sich für jedes Kind. Das pädagogische Angebot sollte auf die individuelle Problemlage und den Betreuungsbedarf des Kindes möglichst gut abgestimmt sein.
Flucht ins Irrationale
Doch bei einem Großteil der Ratsuchenden, die sich nun sehr spät (und manchmal leider auch schon zu spät) und unter hohem Zeitdruck nach einem geeigneten Internat umschauen, besteht ein merkwürdiger Hang zur Irrationalität. Statt konkrete Vorstellungen und Anforderungen für die Internatsauswahl zu formulieren, flüchten sie in Vereinfachungen und vage Hoffnungen. Auf ihre Erwartungen angesprochen, beginnt fast jede Antwort mit dem modalen Umstandswort "vielleicht": Vielleicht wird das Kind wieder Spaß am Lernen haben, weil geniale Lehrer es mitreißen und begeistern. Vielleicht wird man sich in deutlich kleineren Klassen seiner Schwierigkeiten individueller annehmen. Vielleicht werden nun die Hausaufgaben zuverlässig erledigt, weil laut Tagesplan des Internats jeden Nachmittag „Studierzeit“ angesagt ist. Vielleicht sorgen vielfältige Freizeitaktivitäten dafür, dass das Kind nicht auf dumme Gedanken kommt. Vielleicht findet das Kind im Internat nettere Freunde, die keinen schlechten Einfluss ausüben. Vielleicht, vielleicht, vielleicht...
Insider wissen, dass solche Vorstellungen häufig Illusion bleiben, weil in den Internaten auch nur mit Wasser gekocht wird.
Sachfremde Auswahlkriterien
Vielfach wird die Internatsauswahl zu sehr von sachfremden Erwägungen bestimmt. Nicht die Qualität und die Plausibiliät eines pädagogischen Konzepts entscheiden, sondern das äußere Erscheinungsbild, der Prestige-gewinn durch soziale Exklusivität, die gebotenen Standortvorteile und Freizeitattraktionen, die verkehrsgünstige Lage und anderes mehr.
Gerade verwöhnte und statusorientierte Kinder und Jugendliche möchten bestehende Unzulänglichkeiten kompensieren, indem sie in einem prächtigen Schloss herumstolzieren, das einen „guten Namen“ hat.
Und die Ansprüche steigen oft proportional zur Höhe der Kostensätze. Man erwartet einen „Mehrwert“. Was in der wohnortnahen öffentlichen Schule quasi umsonst zu haben ist, reicht nicht mehr aus. Kein Witz, sondern ein Originalzitat aus einem Beratungsgespräch: "Wat kostet denn so'n Hauptschulinternat? Wie - so teuer? Nä, dann nehmen wir Realschule!"
Pädagogische Korruption wird nicht selten stillschweigend vorausgesetzt, gerade (aber nicht nur) bei Privatschulen. Vor allem die teuersten Institute sind immer spendenhungrig. Und hat man nicht schon gehört, dass der Unternehmersohn aus dem Bekanntenkreis trotz Hauptschulempfehlung plötzlich Ansichtskarten aus einem privaten Internatsgymnasium schreibt und der Stammhalter des Klinikchefs bei einem Realschulabschluss mit Notendurchschnitt 3,7 dann doch "zur Probe" in der Oberstufe von Schloss XY gelandet ist? Manche Eltern fragen ganz direkt (wörtliches Zitat), "wo das geht".
Die Medizin muss bitter schmecken
Oft genug ist der Wechsel ins Internat nicht mit der Einsicht verbunden, die dort gegebenen Möglichkeiten für einen Neuanfang zu nutzen. Stattdessen lebt man nach der Maxime: "Alles soll besser werden, aber nichts soll sich ändern!"
Die bittere Medizin, die oftmals allein noch helfen würde, möchten auch die verwöhnenden Eltern ihrem Nachwuchs nicht zumuten. Also wird ein „Deal“ eingefädelt: Das Kind lässt sich gnädig breitschlagen, vom „Hotel Mamma“ ins Internat umzuziehen. Dafür wird die Auswahlentscheidung ihm allein überlassen. Es darf sich das „schönste“ aussuchen, also im Endeffekt dasjenige, das die größten Freiheiten, den größten Spaß und das attraktivste Animationsprogramm verheißt und dessen Lehrer immer freundlich und bei der Notengebung „menschlich“ sind.
Wer wirklich eine nachhaltige Verbesserung der Situation seines Kindes anstrebt, wird sich über derlei Wünsche hinwegsetzen. Nicht das „edelste“ Internat ist das beste, sondern unter Umständen gerade das unbequemste oder zumindest am wenigsten luxuriöse. Denn zumindest bei Lern- und Verhaltensproblemen geht es nicht um „schöner Lernen“, sondern um pädagogische Maßnahmen, die zu größerer Zuverlässigkeit, einer besseren Arbeitshaltung und langfristig zu einer grundlegenden Änderung der Lebenseinstellung des jungen Menschen führen. „Per aspera ad astra“, sagt der Lateiner. Will heißen: Nur durch Mühsal gelangt man zu höheren Zielen.












