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Letzter DDR-Gesundheitsminister behandelt heute Patienten

16.10.200714:03 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft

(openPR) Neu-Ulm - Liegt es an der stimmigen Gestik und Mimik oder an der klaren Wortwahl, die einfach keine Interpretationen zulässt? Das Bild eines Berufspolitikers will auf Prof. Dr. Jürgen Kleditzsch nicht passen. Dabei war der Mediziner, der heute mit seiner Frau Hannelore eine privatärztliche Praxisgemeinschaft im schwäbischen Gerlenhofen (Kreis Neu-Ulm) betreibt, einst als erster und letzter frei gewählter Gesundheitsminister der DDR ein hoher Politiker. „Mein Vorteil war, dass ich politisch unbelastet und kein Jurist oder gelernter Politiker, sondern Fachmann war“, beschreibt der 63-Jährige die Hintergründe seiner ungewöhnlichen Politikkarriere.



Kleditzsch ist kein Typ, der seine Emotionen raus lässt. Über seinen kometenhaften Aufstieg als Politiker sagt er ruhig: „Ich war überrascht und erfreut.“ Von heute auf morgen drehte er mit am großen Rad: Als im November 1989 ein politisch unbelasteter Fachmann für das Amt des ersten Bezirksarztes – vergleichbar mit einem Landesgesundheitsminister – gesucht wird, fällt die Wahl auf den Professor, der als Hochschullehrer an der Akademie Dresden lehrte und die Abteilung für Physiotherapie und Orthopädie leitet. Es war das erste Mal für Kleditzsch, dass ihm die Mitgliedschaft bei der CDU nicht nur Nachteile bescherte, sondern sogar als Sprungbrett diente.

Bis dahin hatte sein politisches Engagement für ihn und seine Familie nur negative Konsequenzen gehabt, wie etwa, dass die Kleditzsch-Kinder nicht studieren durften, was sie wollten. „Die Parteizugehörigkeit und der Beruf der Eltern war sogar in den Klassenbüchern unserer Kinder vermerkt“, erinnert sich der Kleditzsch. In die Praxis seiner Frau, ebenfalls eine Medizinerin, seien sogar vorgebliche Patienten gekommen, um sie auszuhorchen. Trotz des spürbaren Drucks ist für Kleditzsch eine Mitgliedschaft in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) nie in Frage gekommen: „Wir waren kirchlich erzogen, alle unsere Kinder sind konfirmiert.“

Durch seine Arbeit und Fachkompetenz als Bezirksarzt machte sich der Mediziner schnell einen Namen und wurde bei den Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990 zum Spitzenkandidaten der Liste 6 aufgestellt. Nach dem überraschend hohen Wahlsieg ist er plötzlich Minister für Gesundheitswesen im Kabinett von Lothar de Maizière. Kurze Zeit später, als die SPD aus der Regierung ausstieg, bekam er auch den Bereich „Arbeit und Soziales“ dazu und mutiert so zum Superminister, der sich mit einem Berg von Herausforderungen konfrontiert sieht: „Ich habe mich für ein neues gemeinsames deutsches Gesundheitswesen eingesetzt, das die Vorteile aus Ost und West vereint.“

Als positive Beispiele des Gesundheitswesens der ehemaligen DDR nennt Kledisch: „Die gut funktionierende Verzahnung zwischen stationärem und ambulantem Sektor, die vorbildliche Versorgung bestimmter Patientengruppen, wie zum Beispiel Diabeteskranke und das gut umgesetzte Impfsystem.“ Auch für die Polikliniken in der DDR machte er sich stark. Doch die Kompetenzzentren mit Fachärzten, Apothekern und Medizintechnikern, werden schließlich gegen den Willen des Gesundheitsministers zerschlagen.

Als es um die Kandidatur für den ersten Einheits-Bundestag geht wird Kleditzsch als „Laienschauspieler“ und „Blockflöte“ in die Ecke gestellt und bekommt auf der CDU-Liste nur einen hinteren Platz. Bis heute findet er den Begriff ungerechtfertigt: „Man kann mir doch nicht vorwerfen, die gleichen Töne von mit gegeben zu haben, wie die Mitglieder der SED.“ Wegen der „Zwänge der Parteien und dem Erstarren in Strukturen“ zieht sich Kleditzsch aus der Politik zurück und macht sich selbständig. Bei der medizintechnischen Industrie wird er zu einem gefragten Berater. Unter anderem leitete er bis Mitte dieses Jahres als geschäftsführender Gesellschafter zusätzlich die Geschicke im ambulanten Reha-Zentrum Dresden-Strehlen. Zuletzt ist Kleditzsch auch aus der CDU ausgetreten. „Von der Konzeptlosigkeit in der Gesundheitspolitik war ich enttäuscht.“ Wie die CDU reagiert hat? „Gar nicht“, sagt Kleditzsch. Dafür hätten ihn andere Parteien erfolglos zu einer Mitgliedschaft überreden wollen.

In die Privatpraxis des letzten DDR-Gesundheitsministers kommen Patienten aus ganz Deutschland und sogar der Schweiz. Sie wollen mit dem Rauchen aufhören, kontrolliert Gewicht verlieren, ihre Kopfschmerzen oder ihren Tinnitus loswerden. Dafür bietet Kleditzsch unter anderem Akupunktur, eine Sauerstofftherapie und eine bioenergetische Funktionsdiagnostik an. Nur die wenigsten wissen von der politischen Vergangenheit ihres Arztes, der zusammen mit seiner Frau in seiner Freizeit gerne Bildungsreisen unternimmt oder mit seinem Dackel Karlchen spazieren geht. „Die Zeit als Politiker war für mich sehr interessant und wichtig für meinen Erkenntnisprozess“, sagt Kleditzsch versöhnlich. Regen Kontakt pflegt er noch zu Klaus Reichenbach, dem ehemaligen Minister im Amt des Ministerpräsidenten de Maizière. „Ein wirklich guter Freund.“

(Internet: Prof. Dr. Jürgen Keltisch: www.praxis-kleditzsch.de)

Alexander Hauk
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