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Handbuch erschienen: "Citizen Science – Gemeinsam Forschen"

(openPR) Aktuell gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz mehr als 300 Citizen-Science-Projekte, Tendenz steigend. Viele der Vorhaben sind in den Natur-, Gesundheits- und Umweltwissenschaften angesiedelt, doch auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften hat bürgerwissenschaftliche Forschung eine lange Tradition, etwa in Museen, Bibliotheken, Archiven und Wissenschaftsläden. Und auch das gesellschaftliche Interesse an der Teilhabe an Wissenschaft ist groß: So vermeldet das Wissenschaftsbarometer 2024, dass in Deutschland 43 Prozent der Befragten gerne einmal in einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt mitforschen würden. Damit offenbart sich ein riesiges Potenzial, bei der Beschaffung dringend benötigter Forschungsdaten mitzuhelfen. Prof. Aletta Bonn, eine der Herausgeberinnen des Buchs und Biologin an UFZ/iDiv/Universität Jena, sieht darüber hinaus weitere Mehrwerte, etwa den Bildungsaspekt. „Bei den Teilnehmenden entwickelt sich durch die Einbindung in die Forschung oft ein deutlich vertiefteres Verständnis als beispielsweise durch einen Vortrag und sie ändern möglicherweise ihr Umweltverhalten. Zudem wird das Vertrauen in die Wissenschaft gestärkt“, sagt sie.

Mehr als 90 Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Forschungsraum haben nun ihre Erfahrungen aus Citizen-Science-Projekten zusammengetragen, kuratiert durch sieben Herausgeberinnen und Herausgeber verschiedener wissenschaftlicher Einrichtungen – dem UFZ, dem iDiv, der Universität Oulu (Finnland), dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, der Universität Zürich, der Universität für Bodenkultur Wien und der Geschäftsstelle der Helmholtz-Gemeinschaft.

Das Handbuch stellt aktuelle Fallbeispiele und Forschungsansätze vor und beantwortet zentrale Fragen der Praxis: Wie beteiligt und organisiert man Freiwillige in einem Citizen-Science-Projekt? Wie lassen sich die Daten sichern und managen? Welche rechtlichen und ethischen Aspekte sollten beachtet werden? Welche neuen Technologien und KI-Anwendungen können genutzt werden? Wie kann Citizen Science in Wissenschaft, Bildung und politische Entscheidungsprozesse integriert werden? „Wir wollen mit dem Handbuch allen, die Lust auf Citizen-Science-Projekte haben, Tipps und Tricks an die Hand geben, wie diese gelingen können“, sagt Aletta Bonn.

Deshalb bietet das Buch im ersten Kapitel sogenannten „Gelingungsfaktoren“ einen breiten Raum. Eine der wesentlichen Herausforderungen ist das Community Management, also die Frage, wie sich unterschiedliche Denk- und Handlungsmuster von Bürger:innen, Wissenschaftler:innen und weiteren Stakeholdern im Forschungsprozess zusammenbringen lassen – und zwar von der Projektkonzeption, der Ansprache und Gewinnung von Bürgerforschenden über deren Aus- und Weiterbildung bis hin zu deren Betreuung und Anerkennung für deren Engagement. Wichtig ist dabei beispielsweise, mit gesellschaftlichen Partnern zusammenzuarbeiten, die eine hohe fachliche Kompetenz mitbringen. Im bundesweiten Projekt FLOW erfassen beispielsweise rund 1.000 Teilnehmende aus Umweltverbänden und Anglervereinen gemeinsam mit Schüler:innen und anderen Gruppen in kleineren Fließgewässern standardisiert Daten zur Gewässerstruktur, zur Wasserqualität und zu wirbellosen Tieren. Mithilfe eines Bioindikators lassen sich so Rückschlüsse auf die Pestizidbelastung der Bäche in Deutschland ziehen. Einen weiteren Ansatz verfolgt das UFZ im seit mehr als 20 Jahren laufenden Tagfalter-Monitoring-Deutschland, in dem bundesweit mehr als 500 qualifizierte Ehrenamtliche Tagfalter auf ausgewählten Strecken erfassen und ihre Beobachtungen in eine online-Plattform eintragen. Es hat seitdem nicht nur viele wertvolle Informationen über die Schmetterlingswelt geliefert – sondern auch dazu, wie Landnutzung und Klimawandel den Zustand der Natur insgesamt verändern.

Weitere Kapitel des Handbuchs thematisieren fachliche Anwendungsfelder für Citizen Science wie neuerdings die Geschichtsforschung, die Kunst oder die Medizin sowie potenzielle Techniken, Instrumente und Werkzeuge und deren Integration in Forschung und Bildung. „Wichtig ist die wertschätzende Verankerung im Wissenschaftssystem mit Reputationskriterien und guten Rahmenbedingungen“, sagt Prof. Thora Herrmann von der Universität Oulu (Finnland). Einer der entscheidenden Aspekte ist dabei die Datenqualität: Viele Citizen-Science-Projekte haben den Anspruch, mit den Ehrenamtlichen neue Daten für die Wissenschaft zu gewinnen. „Deshalb braucht jedes Citizen-Science-Projekt genauso wie ein herkömmliches Forschungsprojekt das passende Versuchsdesign“ ergänzt Thora Herrmann. Projekte sollten klar festlegen, wie die Daten erhoben, auf ihre Plausibilität geprüft sowie über Datenplattformen aufbereitet und archiviert werden.

Das Handbuch richtet sich an Menschen in Verbänden, Museen, Bibliotheken, NGOs, Bildung- und Forschungseinrichtungen sowie interessierte Einzelpersonen, die Citizen-Science-Projekte planen, aufbauen oder umsetzen möchten. Zudem enthält es wertvolle Impulse für Mitforschende von Citizen-Science-Projekten sowie für Wissenschaftler:innen in Forschungsorganisationen, die sich mit Fragen der Bürgerbeteiligung in wissenschaftlichen Prozessen auseinandersetzen.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Aletta Bonn
Department Biodiversität und Mensch an UFZ / iDiv
E-Mail

Originalpublikation:
Thora Herrmann, Miriam Brandt, Daniel Dörler, Florian Heigl, Christin Liedtke, Mike Martin, Aletta Bonn (Hrsg): „Citizen Science – Gemeinsam forschen! Ein Handbuch für Wissenschaft und Gesellschaft“, Springer Verlag Berlin, Heidelberg, https://doi.org/10.1007/978-3-662-69703-0

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