(openPR) Gefragte Forschungsobjekte
Kinder als ErforscherInnen der Räume und Grenzen ihrer Lebenswelt standen im Fokus des soeben abgeschlossenen Projektes „Grenzgänge. Feldforschung mit Schüler_innen“. Seine vielfältigen Ergebnisse könnten auch zur Bearbeitung schulpolitischer Themen beitragen. Gefördert wurde die Forschungsunternehmung im Rahmen von "Sparkling Science", einer Initiative des Wissenschaftsministeriums.
Grenzen und Grenzüberschreitungen dominieren nicht nur die derzeitigen Nachrichtensendungen. Sie sind auch in unserem Alltag allgegenwärtig und müssen immerzu neu ausgehandelt werden. Soziale Positionierungen entstehen entlang von Kategorien wie Geschlecht, Sprache, sozialer Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit oder kognitiver, sozialer oder körperlicher Fähigkeiten.
Ein Jahr lang beleuchteten 9- bis 13-Jährige diese Kategorisierungen und erforschten die Räume, die sich zwischen den verschiedenen Grenzen, in ihrem Schulalltag in der Lernwerkstatt Brigittenau und in ihrer Freizeit, für sie ergeben.
Ihre Feldforschung bietet Antworten zu wichtigen schulpolitischen Fragen: Wie kann man mit unterschiedlichen Hintergründen umgehen? Welche Potenziale haben die unterschiedlichen Formen von Mehrsprachigkeit? Wie werden Geschlechtergrenzen inszeniert und sanktioniert? Oder wie wird Inklusion in der Schulklasse verhandelt?
Wurden dazu bisher vor allem Fakten über SchülerInnen erhoben, definierten diese nun die wichtigsten Fragestellungen aus ihrer Sicht. Während die Kinder mit dem partizipativen Ansatz neue Techniken und Kompetenzen lernten und ihre Handlungsspielräume erweiterten, können Wissenschaft und Schulpolitik die gewonnenen Erkenntnisse und Einblicke in soziale Hintergründe und Lebensrealitäten für soziale und bildungspolitische Entwicklungen nutzen.
Begleitet wurden die jungen Forschenden von der Soziologin Veronika Wöhrer, der Kultur- und Sozialanthropologin Teresa Wintersteller, der Politologin Doris Arztmann, der Kunstvermittlerin Karin Schneider und der Soziologin Doris Harrasser. Dabei konnten diese auf die Erfahrungen des Vorgängerprojektes Tricks of the Trade zurückgreifen. Sie haben in der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen bestehende Methoden der empirischen Sozialforschung sowie der partizipativen Forschung adaptiert und einige Verfahren neu entwickelt.
Kindgerechte Forschungsprozesse
Grenzgänge unterteilte sich in zwei Forschungszyklen: Während des ersten Forschungssemesters konzentrierten sich die Forschungsgruppen auf den Schulkontext: „Machen Unterschiede ein ‚Wir’ kaputt?“, „Sprachen in unserer Schule“ oder „Was bedeutet ‚dumm‘ oder ‚cool‘ sein?“ waren gemeinsam gefundene Forschungsfragen. Probleme des Schulalltags am Beispiel des Mensa-Essens oder Probleme mit Buben- und Mädchenfreundschaften wurden ebenfalls untersucht. Im zweiten Forschungssemester lag der Fokus der Projekte auf Freizeitkulturen: Zu Fußball, Comics und Vorlieben von Menschen in Wien bildeten sich drei größere Forschungsgruppen.
Je nach Forschungsprojekt kamen unterschiedliche sozialwissenschaftliche Methoden zum Einsatz: Mit Hilfe von selbst erstellten Interviewleitfäden, standardisierten Fragebögen, Krisenexperimenten, Internetrecherchen, Teilnehmenden Beobachtungen und ExpertInneninterviews sammelten die SchülerInnen Informationen, besprachen und analysierten sie gemeinsam.
Ergebnisse
Auch das Buch „Partizipative Aktionsforschung mit Kindern und Jugendlichen. Von Schulsprachen, Liebesorten und anderen Forschungsdingen“ das die Erfahrungen und Erkenntnisse aus den beiden Sparkling Science Projekten Grenzgänge und Tricks of the Trade versammelt, entstand unter der Mitarbeit einiger SchülerInnen. Die im Herbst erscheinende Publikation bringt Sozial- und BildungswissenschafterInnen die Möglichkeiten Partizipativer Sozialforschung mit Kindern und Jugendlichen näher. Diskurs- und Forschungsstränge aus der deutsch- und englischsprachigen Aktionsforschung, der Schulforschung, der LehrerInnenforschung, der Kindheitsforschung, der Forschung mit und von Kindern (research with children und children’s research) werden hier zusammengeführt. Anhand konkreter empirischer Beispiele wird das Potenzial von partizipativer Forschung mit Kindern und Jugendlichen im Schulkontext aufgezeigt.
Mit ihrer Forschungsarbeit gewannen die Kinder Selbstbewusstsein und Selbständigkeit. Viele Forschungsschritte gingen von ihnen aus und manchmal griff der Forschungseifer auch auf die Freizeit über. So manche, die dem Unterricht sonst eher passiv folgten, fanden beim Forschen neue Möglichkeiten, sich einzubringen.
Durch Grenzgänge, das vom Wissenschaftsministerium im Rahmen der Förderschiene Sparkling Science mit 187000 Euro gefördert wurde, haben die Sozial- wissenschafterinnen nun ein besseres Verständnis von Grenzziehungsprozessen im Bereich Geschlecht, Migration und Inklusion bei 9- bis 13-Jährigen.
Die neu entwickelten Forschungsmethoden sind in einem Handbuch versammelt und können so in der Kinder- und Jugendbetreuung Anwendung finden. Mit den darin entwickelten Methoden können auch bei Untersuchungen anderer sozialer Institutionen, die Stimmen, Meinungen und Ideen von Personen mit nicht gesicherter Schreib- und Lesekompetenz, hörbar und sichtbar werden.
Es wurde insgesamt deutlich, dass die forschenden Kinder, die involvierten Schulen und die Wissenschaft davon profitieren, wenn Kinder nicht nur als soziale AkteurInnen, sondern auch als fähige ErforscherInnen ihrer Umwelt ernst genommen werden.
Literatur: Wöhrer, Veronika / Wintersteller, Teresa / Schneider, Karin / Harrasser, Doris / Arztmann, Doris: Sozialwissenschaftlich Forschen mit Kindern und Jugendlichen. Handbuch für begleitende Erwachsene. Frei erhältlich unter research.science.co.at/node/64
Wöhrer, Veronika / Arztmann, Doris / Wintersteller, Teresa / Harrasser, Doris / Schneider, Karin: Partizipative Aktionsforschung mit Kindern und Jugendlichen. Von Schulsprachen, Liebesorten und anderen Forschungsdingen. Erscheint im Herbst 2016 bei Springer VS.
Von den Jugendlichen gestaltete Homepage des Vorgängerprojektes www.tricksofthetradeproject.info









