openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Abschreckende Wirkung von Whistleblowing

04.10.201715:00 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung

(openPR) Wirtschaftswissenschaftler untersuchen Effekte auf Steueroasengeschäfte

---
Whistleblower helfen nicht nur, unmoralische oder kriminelle Handlungen offenzulegen, sondern auch, Täter abzuschrecken. Dafür haben Niels Johannesen von der Universität Kopenhagen und Tim Stolper vom Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen am Beispiel von Datenlecks rund um Bankgeschäfte in Steueroasen deutliche Hinweise gefunden. Die Ökonomen stellten fest, dass infolge des ersten öffentlich bekannt gewordenen Datenlecks bei der Liechtensteiner LGT-Bank auch Schweizer Banken, die in Geschäfte mit grenzüberschreitender Steuerhinterziehung involviert waren, signifikante Kursverluste hinnehmen mussten. Zudem gingen die Bankeinlagen in Steueroasen im Vergleich zu Bankeinlagen in Hochsteuerländern um mehr als zehn Prozent zurück.



Whistleblower entwenden vertrauliche Informationen, um strafbare Handlungen wie Steuerhinterziehung zu enthüllen. Dafür gelten sie mitunter „als Helden unserer Zeit“, so etwa Alfred de Zayas, UN-Sonderberichterstatter für die Förderung einer demokratischen und gerechten internationalen Ordnung. Diese positive Sicht auf die Enthüller impliziert, dass Whistleblowing nicht nur Anstoß für Sanktionen gegen einzelne Kriminelle gibt, sondern dass das Offenlegen unerwünschten Verhaltens auch integres Verhalten fördert. Die empirischen Resultate von Niels Johannesen, Associate Professor an der Universität Kopenhagen, und Tim Stolper, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, stützen diese Hypothese.

Für ihre Analyse untersuchten Johannesen und Stolper die Entwicklung in der Schweiz, dem weltweit größten Finanzplatz für die grenzüberschreitende Vermögensverwaltung. Die Ökonomen beobachteten, wie die Aktienkurse von Schweizer Banken, die in Offshore-Steuerhinterziehungsgeschäfte verstrickt waren, auf insgesamt 13 öffentlich bekanntgewordene Datenlecks reagierten. Die Haupterkenntnis der Ökonomen speist sich aus Analysen zur sogenannten Liechtensteiner Steueraffäre, dem ersten bekanntgewordenen Datenleck einer in Steueroasengeschäfte verstrickten Bank. Ein Mitarbeiter der Liechtensteiner LGT-Bank hatte Kundendaten kopiert und sie später an den deutschen Bundesnachrichtendienst verkauft. Die Liechtensteiner Steuer-CD brachte im Jahr 2008 den Skandal um den ehemaligen Postchef Klaus Zumwinkel ins Rollen und rückte in den folgenden Wochen rund 800 weitere Verdächtigte in das Visier der Behörden.

Datenleck senkte Gewinnerwartung

Die Untersuchung von Johannesen und Stolper ergab, dass sich die Aktienkurse von Schweizer „Steuerhinterziehungs-Banken“ in den zehn Handelstagen vor dem LGT-Leak unauffällig verhielten. In den ersten beiden Tagen nach den Enthüllungen fielen die Kurse jedoch marktbereinigt um 1,1 Prozent; in den vier darauffolgenden Tagen um insgesamt 2,2 Prozent und damit statistisch signifikant. Banken, die halfen, Geld vor den Finanzbehörden zu verheimlichen, mussten offensichtlich durch das Datenleck aus der LGT-Bank eine deutliche Senkung der Gewinnerwartungen hinnehmen.

Entsprechend der Theorie effizienter Finanzmärkte, wie sie Wirtschaftsnobelpreisträger Eugene Fama aufgestellt hat, reflektieren die Aktienkurse stets die verfügbaren Informationen und spiegeln den Nettobarwert der erwarteten zukünftigen Gewinne wider. Sie steigen, wenn es neue positive Informationen über zukünftige Gewinne gibt, und fallen, wenn neue negative Informationen auftauchen. Wendet man diese Theorie auf die Befunde von Johannesen und Stolper an, lässt sich also ein Rückgang der Aktienkurse genau zu dem Zeitpunkt des Datenlecks dahingehend interpretieren, dass die Finanzmärkte einen Rückgang der zukünftigen Gewinne aus kriminellen Offshore-Geschäften erwarteten.

Da es sich bei der Liechtensteiner Steueraffäre um das erste öffentlich gewordene Datenleck handelte, hatten Steuerhinterzieher und ihre Helfershelfer – so die Interpretation der Forscher – das Risiko, das von Datenlecks ausgeht, bis dato noch nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt. Die erstmalige Wahrnehmung des Risikos eines Datenlecks oder zumindest die Wahrnehmung eines gestiegenen Risikos beeinflusste demzufolge Angebot und Nachfrage nach Steueroasengeschäften und minderte die erwarteten Gewinne der Offshore-Dienstleister.

Diese Erkenntnis wird durch die Ergebnisse weiterer Analysen von Johannesen und Stolper gestützt. So erlitten Schweizer Banken, die in keinem Zusammenhang mit der Offshore-Steuerhinterziehung standen, keine Kursverluste. Außerdem ist anzunehmen, dass die US-Behörden zunächst gegen jene Banken ermittelten, bei denen sie die stärkste Verstrickung in Offshore-Steuerhinterziehungsgeschäfte vermuteten oder die deutlichsten Anzeichen dafür sahen, und dass die Anleger auf den Aktienmärkten ähnliche Vermutungen anstellten. Im Einklang damit steht die Erkenntnis, dass die Aktienkurse von Geldinstitutionen, gegen die später durch US-Behörden strafrechtlich ermittelt wurde, deutlicher sanken (6,1 Prozent in vier Tagen nach dem Datenleck) als die Aktienkurse der Banken, die sich infolge dessen selber anzeigten (1,2 Prozent in vier Tagen). Weiterhin stellten die beiden Ökonomen fest, dass Banken, die in der Folge überdurchschnittlich hohe Strafen bezahlen mussten, höhere Kursverluste hinnehmen mussten (3,2 Prozent in vier Tagen) als Banken, deren Strafzahlungen unter dem Median lagen (1,4 Prozent in vier Tagen).

Bankeinlagen in Steueroasen gingen weltweit zurück

Ferner stellten Johannesen und Stolper fest, dass später aufgedeckte Steueroasengeschäfte, etwa die Swiss Leaks im Jahr 2009 oder die Panama Papers im Jahr 2016, die Kursentwicklungen der Banken nicht mehr signifikant beeinflussten. Auch dieses Ergebnis stützt die Hauptthese der Wissenschaftler: Nach dem Bekanntwerden des ersten Datenlecks haben die Besitzer illegaler Konten und Briefkastenfirmen sowie ihre Helfer auf Bankenseite ihre Erwartungen angepasst, also das Risiko einkalkuliert, dass ihre kriminellen Machenschaften enthüllt werden. Die Aktienkurse fielen, weil neue negative Informationen zur Preisbildung beitrugen. Die im Anschluss bekannt gewordenen Datenlecks stellten keine neue Information in Bezug auf das Entdeckungsrisiko dar.

Schließlich untermauerten Johannesen und Stolper ihre Hypothese zum abschreckenden Effekt des Whistleblowings noch mit Statistiken der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. So sanken unmittelbar nach dem Datenleck der LGT-Bank internationale Bankeinlagen in Steueroasen im Vergleich zu Bankeinlagen in Nicht-Steueroasen-Ländern weltweit um mehr als zehn Prozent. Das lässt darauf schließen, dass es sich bei den von den Ökonomen identifizierten Effekten des Whistleblowing nicht um ein reines Finanzmarktphänomen handelt. Stattdessen hatten die Enthüllungen tatsächlich reale Konsequenzen, nämlich eine abschreckende Wirkung auf Steuerhinterzieher und deren Helfershelfer.

CM/MEZ

Ansprechpartner:

Tim Stopler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, München
Telefon:+49 89 24246-5344
E-Mail: E-Mail

Christa Manta
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, München
Telefon:+49 89 24246-5411
E-Mail: E-Mail

Originalpublikation

Johannesen, N, and T B M Stolper (2017)
The deterrence effect of whistleblowing – an event study of leaked customer information from banks in tax havens
Working Paper of the Max Planck Institute for Tax Law and Public Finance No. 2017-4
https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2976321

Weitere Informationen:
- https://www.mpg.de/steuern - Steuern, die sich in Luft auflösen

Quelle: idw

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 972287
 203

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Abschreckende Wirkung von Whistleblowing“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Bild: Infektiöses Protein zeigt sich von seiner guten SeiteBild: Infektiöses Protein zeigt sich von seiner guten Seite
Infektiöses Protein zeigt sich von seiner guten Seite
Stress-Sensoren erhöhen Überleben von Hefe-Zellen --- Prionen sind sich selbst vermehrende Proteinaggregate, die zwischen Zellen übertragen werden können. Pathologische Prionen gelten als Auslöser für BSE in Rindern und die menschliche Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Auch neurodegenerative Erkrankungen wie ALS werden mit der Ansammlung von prionenartigen Proteinen in Verbindung gebracht. Die Region innerhalb dieser Proteine, die für die Aggregatbildung verantwortlich ist, wird als Prionendomäne bezeichnet. Trotz der großen Rolle, die diese in m…
Bild: Einzelner Transkriptionsfaktor für idiopathische Lungenfibrose verantwortlichBild: Einzelner Transkriptionsfaktor für idiopathische Lungenfibrose verantwortlich
Einzelner Transkriptionsfaktor für idiopathische Lungenfibrose verantwortlich
Geringe FoxO3-Aktivität programmiert Bindegewebszellen um und löst die Erkrankung aus --- Die molekularen Zusammenhänge der Lungenfibrose sind bislang noch wenig bekannt. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim konnten nun zeigen, dass eine zu geringe Aktivität eines als FoxO3 bezeichneten Transkriptionsfaktors bei der Entstehung der Erkrankung eine wichtige Rolle spielt. In Untersuchungen an Mäusen ließ sich die Krankheit aufhalten, wenn die FoxO3-Aktivität pharmakologisch gesteigert wurde. Die W…

Das könnte Sie auch interessieren:

Bild: Europa braucht mehr WhistleblowingBild: Europa braucht mehr Whistleblowing
Europa braucht mehr Whistleblowing
Europäische Whistleblower-Organisationen „Whistleblower-Netzwerk e.V“, „Freedom to care“ und „Explisit“ fordern mehr Whistleblowing für Europa. Whistleblowing findet in Europa zu selten statt - mit fatalen Folgen: Korruption bleibt unentdeckt, Lebensmittelskandale häufen sich, Umweltschäden werden vertuscht und es kommt zu vielen vermeidbaren Unfällen. …
Bild: Mikrochip gegen FahrradklauBild: Mikrochip gegen Fahrradklau
Mikrochip gegen Fahrradklau
… Codenummer aus Autokennzeichen des Wohnortes, Straßenkennzahl, Hausnummer und Initialen des Eigentümers nicht mehr. Eine zweite Codierung müsste her. Unbestritten ist jedoch die abschreckende Wirkung der Fahrradcodierung. Manches codierte Fahrrad, das trotzdem einem Fahrraddieb zu gut gefallen hat, konnte dadurch schon dem Eigentümer wieder zugeführt …
Pressemitteilung zum ersten Urteil in der Steueraffäre ,Lichtenstein'
Pressemitteilung zum ersten Urteil in der Steueraffäre ,Lichtenstein'
… muss nicht ins Gefängnis, andererseits sehr hoch, der Verurteilte wird mit 7,5 Millionen Bußgeld empfindlich in seinem Geldbeutel getroffen. Damit scheint das Urteil eine abschreckende Wirkung zu verfolgen. Anderen Spitzenverdienern wird mit diesem außergewöhnlichen Urteil klar gemacht: sie können in unserem Lande nicht machen, was sie wollen. Das …
Bild: Werden Ärzte künftig Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaften?Bild: Werden Ärzte künftig Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaften?
Werden Ärzte künftig Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaften?
… Betrugs sind“, so eine aktuelle Mitteilung in der Ärzte Zeitung (27.09.07) >>> http://www.aerztezeitung.de/docs/2007/09/27/168a1402.asp?cat=/geldundrecht/recht Kurze Anmerkung (L. Barth): Ob ein Whistleblowing in der Ärzteschaft zu den gewünschten Erfolgen wird, steht nachhaltig zu bezweifeln an. Problematisch scheint insbesondere zu sein, …
Fünf Jahre Whistleblower-Netzwerk e.V.
Fünf Jahre Whistleblower-Netzwerk e.V.
… Akademie in Iserlohn ist der gemeinnützige Verein stetig gewachsen und hat derzeit über 70 Mitglieder, die als Fachleute oder Privatleute die Bedeutung von Whistleblowing erkannt haben und sich gemeinsam für dessen Förderung einsetzen. Im Laufe seines Bestehens konnte Whistleblower-Netzwerk e.V. bereits einen nicht unerheblichen Beitrag dazu leisten, …
Bild: Einbrecher lieben die DunkelheitBild: Einbrecher lieben die Dunkelheit
Einbrecher lieben die Dunkelheit
… Nachtstunden aus. 61% der rund 110.000 Einbrüche in Wohnungen und Häuser finden im Schutz der Dunkelheit statt. Dabei könnten selbst einfache Sicherheitsvorkehrungen abschreckende Wirkung zeigen. Auf dem neu gestalteten Verbraucherportal www.vds-home.de können Sie sich über einen sinnvollen Einbruchschutz informieren. Sie können sich selbst davon überzeugen, …
Bild: Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte/Faires Gerichtsverfahren für Whistleblowers/Globaler PräzedenzfallBild: Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte/Faires Gerichtsverfahren für Whistleblowers/Globaler Präzedenzfall
Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte/Faires Gerichtsverfahren für Whistleblowers/Globaler Präzedenzfall
… legte Beschwerde gegen die SCHWEIZ am 14. Aug. 2019 beim EGMR ein, um eine Präzedenfall zur Anwendung des Prinzips faires Gerichtsverfahren bei Whistleblowing einzufordern! ------------------------------ Crowdfunding Initative Whistleblowing in der Schweiz als globaler Präzedenzfall mit globaler Wirkung. Es geht darum, am EGMR ein Urteil einzufordern, um …
Bild: Mikrochip gegen FahrradklauBild: Mikrochip gegen Fahrradklau
Mikrochip gegen Fahrradklau
… Codenummer aus Autokennzeichen des Wohnortes, Straßenkennzahl, Hausnummer und Initialen des Eigentümers nicht mehr. Eine zweite Codierung müsste her. Unbestritten ist jedoch die abschreckende Wirkung der Fahrradcodierung. Manches codierte Fahrrad, das trotzdem einem Fahrraddieb zu gut gefallen hat, konnte dadurch schon dem Eigentümer wieder zugeführt …
Bild: Ihr Wissensvorsprung: LegalTegrity Whistleblowing Event am 01.12.2022Bild: Ihr Wissensvorsprung: LegalTegrity Whistleblowing Event am 01.12.2022
Ihr Wissensvorsprung: LegalTegrity Whistleblowing Event am 01.12.2022
… für die Umsetzung haben! Auch das ab Januar 2023 geltende Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz schreibt ein "Beschwerdeverfahren" vor. Doch Hinweisgebersysteme beziehungsweise internes Whistleblowing sind nicht nur wichtig, um regulatorische Anforderungen zu erfüllen. Neben diesen "Pflichtübungen" dienen sie Unternehmen als Kommunikationskanäle für Mitarbeitende …
Zu viele offene Fragen bei Whistleblowing
Zu viele offene Fragen bei Whistleblowing
Anlässlich des weltweiten UN-Anti-Korruptionstages am 9. Dezember 2013 weist der Berufsverband DIE FÜHRUNGSKRÄFTE – DFK auf die ungeklärte Rechtslage im Zusammenhang mit Whistleblowing in den deutschen Unternehmen hin. Wer als Arbeitnehmer auf Rechtsverstöße seines Unternehmens aufmerksam machen möchte, kann die Rechtsfolgen seines Tuns oft überhaupt …
Sie lesen gerade: Abschreckende Wirkung von Whistleblowing