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Wohin mit der ganzen Freizeit? – Vision einer Gesellschaft ohne Arbeit

12.05.200615:27 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft

(openPR) Bonn/Berlin – Die meisten Menschen in den westlichen Gesellschaften definieren sich über ihre Arbeit. In einem Land wie Deutschland, wo es seit ungefähr drei Jahrzehnten eine relativ hohe strukturelle Arbeitslosigkeit gibt, kann diese Einstellung zu einem gravierenden gesellschaftspolitischen Problem werden. Wer keine Arbeit hat, zählt nichts, so lautet die Devise. Die Folgen sind schwerwiegend: Manche Arbeitslose finden sich ab, richten sich in ihrem Schicksal ein und begründen eine Dynastie von Sozialhilfeempfängern. Andere Dauerarbeitslose verlieren sich in Depression, Alkoholismus und Einsamkeit. Die Zahl derjenigen, die auch die zehnte Weiterbildungsmaßnahme, das fünfte Bewerbungstraining und die x-te Computerschulung mit Optimismus absolvieren, dürfte eher gering ausfallen.



Kaum jemand glaubt ernsthaft daran, dass in naher Zukunft ein Abbau der Massenarbeitslosigkeit in Deutschland denkbar ist. Doch nur wenige wagen die Behauptung, dass sich die Bürger der Bundesrepublik auf Dauer mit diesem Zustand abfinden müssen, dass Politik und Wirtschaft machtlos sind und kein Patentrezept vorliegt. Der immer noch relativ üppig bemessene Sozialstaat hat die fünf Millionen Arbeitslosen und ihre Familien hier zu Lande befriedet. Sie gehen nicht auf die Straße, und es hat auch den Anschein, als würden sich die Gewerkschaften lieber um die Privilegien der Arbeitsplatzbesitzer als um die Anliegen der Joblosen kümmern.

Vorschläge jenseits des Mainstream sind Mangelware. Ökonomen, Unternehmensberatern und Politikern traut man sie nicht mehr zu. Fast vergessen ist auch, dass es Aufgabe der Philosophen sein könnte, mit unkonventionellen Ansichten an die Öffentlichkeit zu treten. Zu oft bemisst sich die Arbeitsleistung der Geisteswissenschaftler in Deutschland darin, Aktenberge vor sich herzuwälzen und Fußnoten gespickte Schwarten vorzulegen, die nur das müde Interesse der missgünstigen Kollegen finden.

Es ist sicher auch ungewöhnlich, wenn in der Kundenzeitschrift der Kette DM-Drogerie Markt http://dm-drogeriemarkt.de ein Interview mit dem Soziologen und Philosophen Wolfgang Engler zu lesen ist, der seit Oktober 2005 als Rektor der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch http://www.hfs-berlinde in Berlin amtiert. Doch dass sich in den Spalten der Kundenzeitschrift Alverde + A Tempo ein leibhaftiger Philosoph findet, ist eigentlich gar nicht so ungewöhnlich. Denn Engler und den Gründer und Chef der Drogeriemarktkette DM verbindet ein Gedanke: Sie sprechen sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus, das von der Arbeit entkoppelt werden solle. Die Suprematie der Arbeit im Denken der Menschen ist noch gar nicht so alt. „Erst der industrielle Kapitalismus hat uns an die Vorstellung gewöhnt, dass, wer keine Arbeit hat – im Sinne von Erwerbsarbeit – irgendwie kein vollwertiges Leben führt“, so Engler. Die vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte hätten aber gezeigt, dass das Phänomen der Massenarbeitslosigkeit weder durch einen Konjunkturaufschwung noch durch Ankurbelung der Wirtschaft im Osten nach der Wiedervereinigung gelöst werden könne.

Engler gewinnt den bisherigen staatlichen Angeboten wie der Sozialhilfe oder dem Arbeitslosengeld II nichts Positives ab: „Sinnvoll wäre stattdessen ein bedingungsloses Bürgergeld, das nicht sehr viel höher als die gegenwärtige Unterstützung sein müsste, aber den Einzelnen nicht kontrolliert und in eine potenziell demütigende Situation bringt.“ Manchem Arbeitslosen wird durch den Kopf gehen: „Wohin mit der ganzen Freizeit?“ Bisher setzte die gesellschaftliche Konvention den aktiven mit dem arbeitenden Menschen gleich. Nicht zuletzt die Diskussion über das Elterngeld hat gezeigt, dass sich fortschrittlich dünkende Politikerinnen wie Ursula von der Leyen nur die Erwerbsarbeit von Frauen als Arbeit anerkennen. Eine Frau, die sich um die Erziehung der Kinder kümmert, einen Großteil des Haushaltes organisiert und sich vielleicht auch noch ehrenamtlich engagiert, arbeitet demnach nicht. Ob diese Haltung wirklich so fortschrittlich ist, bleibt dahin gestellt.

Doch auch Engler weiß, dass vielen Menschen die Fähigkeit abhanden gekommen ist, kontemplative Fähigkeiten zu entwickeln. Sie können sich nur noch in Gemeinschaft ertragen. Fällt die dauernde Geschäftigkeit weg, geraten sie in eine Sinn- und Lebenskrise. Daher ist auch der mit einem Bürgergeld, dass das eigene Existenzminimum sichert, noch kein Mensch geboren, der mit der freien Zeit kreativ umgeht. Viele Arbeitslose stumpfen ab, sie werden träge und vertrödeln den Tag vor dem Fernseher. Daher plädiert Engler für einen Umbau unseres Bildungssystems: „Das Achten auf eigene Antriebe und Selbständigkeit müsste in Kindertagesstätten, Schulen, weiterführenden Bildungseinrichtungen bis hin zu den Wissenschaften ganz zentral sein – um zu einem Leben ermutigt zu werden, das Inhalt und Sinn findet, auch wenn man keine Erwerbsarbeit hat.“

Oft sei man nicht darauf vorbereitet, mit dem großen Geschenk der freien Zeit etwas anzufangen. Bei der konkreten Ausgestaltung dieser freien Zeit entpuppt sich Engler nach Meinung von Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash http://www.harveynash.de, jedoch als Utopist: „Englers Ideen, die er ja auch in seinem Buch ‚Bürger ohne Arbeit’ ausgebreitet hat, sind sehr originell. Ob sie immer realistisch sind, wage ich zu bezweifeln. Beispielsweise ruft Engler die Arbeitslosen dazu auf, sich in Bürgerinitiativen zu engagieren, ehrenamtlich im Stadtteil mitzuarbeiten oder freie Theatergruppen zu gründen. Leider sind ja viele Menschen arbeitslos, die nur gering qualifiziert sind oder überhaupt keinen ordentlichen Abschluss vorzuweisen haben. Ich bezweifle, ob man deren Lebensqualität wirklich durch den Bezug von Tageszeitungen, Karten für Museen und Theater auf Gutschein und so weiter heben kann.“

Nadolski spielt mit diesen Worten auf den Vorschlag des Rektors der Hochschule Ernst Busch an, neben dem Bürgergeld müsse ein zweiter Fonds aufgelegt werden, der den Menschen die Teilhabe am kulturellen Leben erleichtern solle. Ähnlich fragwürdig findet der Harvey Nash-Berater den Vorstoß, das Modell des Bürgergeldes sei nur kontinental durchführbar: „Wenn Engler sagt, eine entsprechende Sozialcharta könne durchaus eine Motivation zur Annahme der europäischen Verfassung durch die Bevölkerung sein, dann halte ich das für zu verkopft.“ Nadolski findet es nicht richtig, sich fatalistisch damit abzufinden, dass es Millionen von Erwerbslosen gebe. Schließlich zeigten andere Länder, wie man durch wirtschaftliches Wachstum, eine Deregulierung des Arbeitsmarktes, Investitionen in das Bildungssystem und niedrige Steuern zu mehr Beschäftigung komme.

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