(openPR) Kein neues Thema
Die gegenwärtige Diskussion über die Lehrergesundheit insbesondere über psychische Erkrankungen der Lehrkräfte wie z. B. Burnout und Depressionen ist nichts Neues. Im Jahre 2001 trafen sich erstmals auf Initiative des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) in München Arbeitsmediziner, Psychologen, Wissenschaftler, Repräsentanten von Lehrerorganisationen und Politiker zu einem Gespräch zum Thema »Arbeitsbelastung an den Schulen«. Dass sich jemand diesem Thema annahm wurde auch höchste Zeit. Denn im Jahr 2000 war laut statistischem Bundesamt die Dienstunfähigkeitsrate bei Lehrern gemessen in den Jahren 1993 bis 2003 am Höchsten. Es wurde durch mehrere vorgelegte Studien bewiesen, dass sich psychische Leiden bei Lehrern in auffälliger Weise häuften. Rund 50 % der Erkrankten mussten aus gesundheitlichen Gründen zwangspensioniert werden. Von diesen 50 % wiederum litten etwa weitere 50 % an einer psychischen Erkrankung wie Burnout oder Depressionen. Dieses sind alarmierend hohe Zahlen, die zu denken gaben und zum dringlichsten Handlungsbedarf aufforderten. »Es muss endlich Schluss damit sein, dass Schule krank macht«, erklärte BLLVPräsident Albin Dannhäuser in einer Pressemitteilung der BLLV im November 2002. »Es darf nicht sein, dass über die Hälfte aller Lehrerinnen und Lehrer vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheidet, nur weil sie den physischen und psychischen Belastungen unter schwierigen Arbeitsbedingungen nicht bis zum Pensionsalter gewachsen sind.« Es wurde gefordert geeignete Maßnahmen zur Prävention zu schaffen wie z. B. dass Schulpsychologen auch als Ansprechpartner für Lehrer eingesetzt werden. Gerade Politiker sollten mit ins Boot geholt werden, um sich den nach wie vor tabuisierten aber immer wichtiger werdenden Problem der Lehrergesundheit zu stellen. Trotz aller guten Vorsätze passierte im Resultat nicht wirklich viel. Der Bayrische Lehrer- und Lehrerinnenverband gründete die Arbeitsgruppe »ARBIS – Arbeitsbelastung in Schulen«, die im Jahre 2003 in einer weiteren Studie herausfand, dass sich 82,3 % der Lehrer durch ihren Beruf »stark« bis »sehr stark« belastet fühlen. Nur wenige 0,1 % der Befragten fühlten sich nicht belastet. Prof. Dr. med. Andreas Weber fand in einer Studie heraus, dass im Jahre 2003 von Beamten in Bayern 63 % aller Fälle von Dienstunfähigkeit auf Lehrkräfte fielen. In 46 % dieser Fälle wurde die Dienstunfähigkeit auf Grund von psychischer und/oder psychosomatischer Erkrankungen bescheinigt. Weiter belegt die Studie, dass sich die Dienstunfähigkeit im Vergleich mit den Jahren 1985 – 1995 um zwei Jahre nach vorne verschoben hat. Übersetzt heißt das, dass die Erkrankungen deutlich früher aufgetreten sind als vorher. Vor dem Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze werden mehr als 50 % der Lehrkräfte ganze elf Jahre eher in den Ruhestand versetzt. Uwe Schaarschmidt arbeitet in einer Studie heraus, dass ein Drittel der deutschen Lehrkräfte sich »überfordert« fühlt. Jede dritte Lehrkraft gibt an sich »ausgebrannt« zu fühlen.
Geringe Veränderungen trotz bekannter Fakten
Der aktuelle Stand der Dinge wurde intensiv und mehrfach analysiert. Doch was die Länder unternahmen um die Bedingungen an Schulen zu verbessern, ist in der einschlägigen Literatur nicht wirklich sichtbar. Ab dem Jahr 2003 war die Statistik im positiven Sinne rückläufig. Sie viel zwar jedes Jahr etwas besser aus, doch bahnbrechende Präventionsmaßnahmen wurden nicht geschaffen. Im Jahr 2007 gingen nach dem Statistischen Bundesamt rund 9 % mehr verbeamtete Lehrer und Lehrerinnen in den Ruhestand als im Vorjahr. Die Dienstunfähigkeitsrate als Grund für diese Pensionierungen ging jedoch schon wie in den Jahren zuvor weiter zurück. Von 24 % im Vorjahr auf nun 23 %. Dies war der tiefste Stand seit Beginn der Erhebungen im Jahre 1993. Nach einem Spitzenanteil von 64 % Dienstunfähigkeitsrate bei Pensionierungen im Jahre 2000 und einer durchgängig hohen Relevanz der Dienstunfähigkeit in den 90er Jahren, setzte nun der fort dauernde Rückgang der Quote ein. Doch trotz dieser positiven Statistik erkrankten Lehrkräfte dennoch häufiger an psychischen Krankheiten als der Anteil der übrigen Tätigkeitsbereiche der Gebietskörperschaften, deren Anteil nur bei 17 % der Dienstunfähigkeitsrate lag. In einzelnen Bundesländern wie z. B. Berlin stieg der Prozentsatz sogar weiter an. Zehn Jahre nach den alarmierenden Zahlen, hat sich nicht wirklich viel geändert. Lehrkräfte sind weiterhin hohen Belastungen ausgesetzt. Doch um welche Belastungen handelt es sich hierbei überhaupt? Schließlich – so ein weit verbreiteter Irrtum – haben Lehrer und Lehrerinnen doch einen Halbtagsjob und viele Wochen Ferien im Jahr, oder etwa nicht? »Alle denken sie könnten über Schule reden, nur weil sie selbst einmal Schüler waren«, so Ulrich Mumm, Schulleiter des Gymnasium Allee in Hamburg Altona. »Aber Schule sieht heute ganz anders aus als früher.« Die Arbeitsbelastung hat in den letzten Jahren nach wie vor an Ausmaß zugenommen. Die physische und psychische Gesundheit zahlreicher Lehrkräfte ist weiterhin nachhaltig gefährdet. Die zu bewältigende Organisationsstruktur hat zugenommen, die Rahmenbedingungen werden immer schlechter, das Berufsimage nimmt ab, die verschiedenen Qualifikationen führen zur Überforderung. Die Werte haben sich verändert, es liegen deutlich mehr unterschiedliche Erziehungsstiele vor als früher, es gibt kaum soziale Unterstützung, viele pädagogische Defizite werden auf die Schule verlagert, das schlechte Abschneiden bei der PISA Studie und zu guter Letzt, die hohe Belastung der dauerhaften Veränderung im Bildungswesen. Hinzu kommen hohe Klassenstärken, ein wachsender Anteil an verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern, eine hohe Unterrichtsverpflichtung (insbesondere an den Pflichtschulen), ungünstige Altersstrukturen in der Lehrerschaft, allgemeine Erziehungsdefizite in den Familien und somit übersteigerte Erwartungshaltungen an die Lehrkräfte sowie ein Mangel an Instrumenten frühzeitiger Diagnostik und Prävention. Bedenklich ist ebenfalls die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen in Schulen, denen Lehrkräfte ausgesetzt sind. 10-12 % der Grundschulkinder haben Entwicklungsprobleme (im Leistungs-, Wahrnehmungs-, Gefühls- oder Kontaktbereich), im Jugendalter steigt dieser Anteil sogar auf 15–20 %. Weitere 7–10% haben chronische Krankheiten wie z. B. Allergien, Diabetes, Bronchitis, Epilepsie, Krebs oder Herzkrankheiten. Darüber hinaus steigt das Suchtverhalten von Nikotin und Alkohol besorgniserregend an. Haltungs- und Ernährungskrankheiten werden immer häufiger.
Der Pädagoge von heute – längst mehr als ein »Pauker« von anno dazumal
Lehrkräfte müssen heute über den kognitiven Unterricht hinaus »pädagogische Allrounder« sein, die sich um alles kümmern müssen. Oft fehlt es an ausreichender, universitärer Ausbildung mit pädagogisch- didaktischen Unterrichtseinheiten. Die durch Sieland und Schaarschmidt herausgefundenen seelischen Belastungen, die von der befragten Lehrerschaft als besonders intensiv registriert wurden, sind die Kompetenz der Führungspersonen, das Fehlen von Entlastungsstunden, der Erholungswert der Unterrichtspausen, das Klima im Kollegium und die Vereinsamung durch fehlende Supervision. Doch das ist lange noch nicht alles. Zu den übergeordneten, gesellschaftsbedingten und seelischen Belastungen kommen noch die körperlichen und politischen hinzu. So z.B. der Lärm in den Pausen und den Turnhallen, die dazugehörige Stimm- und Sprachbelastung, die Beanspruchung von Skelett und Muskulatur bei einer täglichen Arbeitsbelastung von durchschnittlich 9,25 Stunden täglicher Arbeitszeit. Zu den politisch verursachten Belastungen zählen vor allen Dingen die rechtlichen Rahmenbedingungen, die sich überweigend in die Statistiken der Dienstunfähigkeit mit niederschlagen. Nach diesen festgelegten Rahmenbedingungen kann eine deutsche Lehrkraft erst mit 60 Jahren in den Vorruhestand gehen. In England ist dieses bereits ab 55 Jahren möglich. Deutsche Polizisten, Feuerwehrleute und Angestellte im Vollzugsdienst haben ihre Renten- Altersgrenze mit 60 Jahren bereits erreicht. Wieso ist das bei Lehrkräften erst mit 65 Jahren der Fall? Die Berufszufriedenheit der Lehrkräfte wird durch diese vielen Belastungen und Phänomene reduziert. Es entstehen bedrohliche Situationen, die das Bild der Lehrkraft oft verändern und nicht selten zu psychischen und psychosomatischen Störungen führen.
Motivation ist ein Schlüssel
Vor allem in der seelischen Belastung liegt der Zusammenhang zum Hauptartikel »Schulen im Umbruch: Was Schulen neben kognitiver Stoffvermittlung brauchen« zu sehen: Denn es gibt keine Lehrer- Motivation ohne wertschätzende, zwischenmenschliche Beziehung. Und wie soll diese Beziehung hergestellt werden, bei so viel ausgebrannten Lehrern? Schulqualität und Gesundheitsförderung sind zwei sich ergänzende Ziele. Eine gute Schule muss auch eine gesunde Schule sein. Denn der Erfolg von Schule hängt im Wesentlichen vom Engagement und der Leistungsfähigkeit der Lehrkräfte ab. Gesunde Lehrkräfte sind somit die Voraussetzung für eine funktionierende, erfolgreiche Schule. Es muss ein wechselseitiges Lehrer- Schüler- Verhältnis geschaffen werden, das die Lehrkräfte als auch die Schüler entlastet. Der gemeinsame pädagogische Austausch muss gefördert werden. Gemeinsame Ziele und Werte müssen Länderübergreifend erarbeitet werden. Die erste Voraussetzung hierfür ist eine solide, den Umständen angepasste, universitäre Ausbildung. Denn ein ausgewogenes Lehrkraft- Schüler- Verhältnis kann psychischen Krankheiten vorbeugen und die Zufriedenheit im Beruf wieder herstellen.
Schulen sollten Eigenverantwortung übernehmen
Nicht alle Belastungen sind unvermeidlich und schnell aus der Welt zu schaffen. Manche müssen als Berufseigenschaft hingenommen und akzeptiert werden. Aber viele Belastungen können auch ohne eine kurzfristige Veränderung der beruflichen Rahmenbedingungen und politischen Entscheidungen durch die Schulen selbst aus der Welt geschafft und geändert werden. Schulen müssen sich bewusst dazu entscheiden, ihre Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen. Jede Schule sollte die eigene Schulsituation in einer Standortanalyse evaluieren. Mit dem Ziel Schlussfolgerungen und konkrete Maßnahmen zu entwickeln die die persönliche und die schulische Weiterentwicklung gewährleisten. Lehrer und Schulleiter sollten sich im ersten Schritt gemeinsam an einen Tisch setzen und ins Gespräch kommen. Sie müssen transparent überlegen, was geändert werden kann und muss. Hierbei kommen nicht nur die Belastungen und der Veränderungsbedarf zu Tage, sondern ebenso die vorhanden Stärken und Ressourcen. So können individuelle Lösungsmöglichkeiten entwickelt und umgesetzt werden.
Literatur:
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Statistisches Bundesamt, Versorgungsempfänger des öffentlichen Dienstes, Fachserie 14 Reihe 6.1 Wiesbaden, 2010.
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Weber, Prof. Dr. med. A., Krankheitsbedingter vorzeitiger Berufsausstieg bei Lehrerinnen, Vortrag an der TU Dresden, 2005 (2). http://www.tu-dresden.de/medlefo/dateien/vortrag_weber_20050504.pdf








