(openPR) Till (7) hockt über sein Heft gebeugt und schreibt mit Wachsmalern Zahlen in sein Heft. Gerade eben war hier noch lautes Klatschen, Hüpfen und Zählen zu vernehmen gewesen. Nun auf einmal konzentrierte Stille. Ein Schultag der zweiten Klasse an der Waldorfschule Bergedorf, deren Unterstufenkonzept auf dem Prinzip des so genannten „beweglichen Klassenzimmers“ beruht.
Konkret bedeutet es, dass die Kinder nicht auf Stühlen, sondern auf Bänken sitzen. Wenn sie malen, wird die Bank zum Tisch, Hockerkissen ersetzen den Stuhl und Lieder, Reime oder das Einmaleins werden im Laufen oder Hüpfen über die Bänke geübt. Bewegung statt Stillsitzen - einer von vielen pädagogischen Ansätzen, die, aus der Waldorfpädagogik stammend, inzwischen auch in der einen oder anderen Grundschulklasse Einzug gehalten haben, vor 25 Jahren aber eher Neuland waren.
Als die Waldorfpädagogik in den 70er Jahren ein Wiederaufleben fand, gründeten damals einige Eltern den Verein zur Förderung der Waldorfpädagogik Bergedorf mit der Intention eine Waldorfschule zu etablieren. Nach einer Spielgruppe und einem Waldorfkindergarten entstand so 1985 auf dem Gelände der ehemaligen "Schule Am Brink" die Rudolf-Steiner-Schule Bergedorf. Im September 1985 nahmen 96 Grundschüler der Klassen 1 bis 4 an von Eltern selbst gezimmerten Tischen Platz. Ziemlich bald wurden die zwei aus dem Jahr 1856 stammenden alten Schulgebäude der ehemaligen Rektor-Ritter-Schule dazu gewonnen, die vom Bezirk Bergedorf angemietete Hasse-Aula wurde vom Schulverein restauriert und ist seitdem Mittelpunkt von Monatsfeiern, Theateraufführungen und Konzerten.
Inzwischen besuchen knapp 390 Schüler die Schule, die 2001 um einen Neubau erweitert wurde.
Die Gründereltern sind gegangen, mit ihnen das beinahe altruistische Engagement, mit dem sich das riesige Projekt einer Schulgründung nur realisieren lässt. Die nachkommenden Eltern sind nicht alle überzeugte Anthroposophen. „Das ist hier auch keine Voraussetzung“, so Geschäftsführer Thomas Schramm, „Waldorfschule basiert auf den pädagogischen Erkenntnissen Rudolf Steiners, Begründer der Anthroposophie. Es wird hier aber niemandem irgendeine Weltanschauung verkauft.“ Ziel sei es, das Kind in seinen Fähigkeiten zu bestärken, Gemeinschaftssinn zu fördern und ihm angstfreies Lernen zu ermöglichen.
Handwerklicher und musisch-künstlerischer Unterricht nimmt bei Waldorfschulen einen zentralen Teil des Lernkonzeptes ein. Ungewohnt ist der so genannte Epochenunterricht für Fächer wie Deutsch, Geschichte, Erdkunde oder Physik. Hier werden die Kinder im Hauptunterricht drei Wochen lang in einem Fach unterrichtet. Auf diese Weise kann laut Aussage der Waldorfpädagogen das Kind in das Thema eintauchen, es abschließen und „verdauen“.
Theateraufführungen, Achtklassarbeiten, Oberstufenprojekte wie derzeit das Bootsbauprojekt nehmen einen wichtigen Platz im Schulgeschehen ein.
Die Klassen sind groß, zwischen 30 bis 38 Schüler finden sich in Unter- und Mittelstufe. Dies hänge, so Geschäftsführer Schramm, nicht nur damit zusammen, dass die Klassen einzügig seien, dahinter stünde auch ein pädagogisches Konzept, die Klasse in den sozialen Kompetenzen und Temperamenten der Kinder breit aufzustellen, damit sich eine homogene Gemeinschaft entwickeln könne. Grundsätzlich würden dafür nach dem zweistündigen Hauptunterricht die Klassen für den Fachunterricht in zwei bis drei Gruppen geteilt.
Waldorfschulen sind als Schulen freier Trägerschaft in Form eines Schulvereins organisiert. Sie unterstehen der Aufsicht der jeweiligen Landesschulbehörde, sind aber in personellen und pädagogischen Bereichen eigenständig. Die Oberstufe der Waldorfschule Bergedorf besitzt seit 2006 auch eine staatlich anerkannte Studienstufe mit Profiloberstufe.
Einen Direktor gibt es nicht, dafür einen Vorstand aus Eltern und Lehrern und einen Geschäftsführer. Alle Eltern und Lehrer sind Mitglieder des Schulvereins, Gemeinschaft ist daher auch eine existentielle Sache.
Für Elke Fritzsche-O’Connell, Mutter von zwei Kindern in der 6. und 10. Klasse, ist das in Ordnung: „Wir fühlen uns wohl hier. Man nimmt als Eltern aktiv am Schulgeschehen teil, es ist wie in einer großen Familie.“
Der Tag der offenen Tür mit vielen Ausstellungen, Infoständen, Anschauungsunterricht und Mitmachzirkus Ubuntu findet am Samstag, den 25.9. von 9 bis 13.30h statt. Eltern, die Interesse haben, auch Quereinsteigereltern, können sich informieren, Kinder finden derweil Betreuung an den Spielständen und im Mitmachprogramm des Zirkus, der noch vor seiner Winterpause eine letzte Vorstellung an der Schule gibt.
Ehemalige sind herzlich eingeladen, am Freitag, den 24.9., um 17.00h zum EHEMALIGENTREFF in das Oberstufenhaus der RSS Bergedorf am Brink 7 zu kommen. Fragen gerne an











