(openPR) Bonn/Hamburg – Der Schritt von der klassischen Industriegesellschaft zur Informations- und Hochtechnologiegesellschaft will in Deutschland nicht so recht gelingen. Bundeskanzler Schröder erklärte 2004 zum "Jahr der Innovation", doch die Resultate sind noch mager. Zumindest reden alle über den schönen neuen Begriff. In diesem Land wird nicht etwa zu wenig geforscht. Es ist eher so, dass sich das Ansehen der hiesigen Wissenschaftler und ihr berufliches Fortkommen oft an der Anzahl der Publikationen und Forschungsanträge misst. Doch dies dürfe kein Selbstzweck sein, schreibt das Wirtschaftsmagazin Brandeins http://www.brandeins.de. Hierzulande kranke das System von Wissenschaft und Forschung daran, dass viele gute Ideen nicht vermarktet werden. Die Patentanmeldung allein reicht nicht aus.
Bildungs- und Forschungspolitiker preisen häufig Geld als Schlüssel für mehr Innovation an. Brandeins liefert einige Zahlen, die Bulmahn und Co. skeptisch stimmen sollten. Deutschlands renommierteste Forschungseinrichtung, die Max-Planck-Gesellschaft http://www.mpg.de, hat einen Jahresetat von 1,3 Milliarden Euro. Eine Milliarde berappt allein der Steuerzahler. Die Garching Innovation GmbH http://www.garching-innovation.de ist für die kommerzielle Vermarktung der Ideen zuständig, die von den 22.000 Max-Planck-Forschern ausgebrütet werden. Im Jahr 2003 hat sie mit ihren 17 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von nur 17,2 Millionen Euro erzielt. Ein groteskes Missverhältnis, so die Meinung von Kritikern.
Nach Ansicht von Brandeins sieht der deutsche Forscheralltag meistens folgendermaßen aus: "Ein Wissenschaftler will einen Nobelpreis. Er forscht in konzentrischen Kreisen um sein Problem und sammelt dabei auch noch das letzte wissenschaftliche Gänseblümchen am Wegesrand auf. Seine Ergebnisse behält er zunächst für sich, meldet aber kein Patent an, sondern veröffentlicht ein profundes Papier in den gehobenen Wissenschaftsmagazinen wie ‚Natur‘ oder ‚Science‘. Wenn das nicht für den Nobelpreis reicht, dann vielleicht für eine C4-Stelle. Die Statistiken stimmen sowieso: Fast zehn Prozent aller wissenschaftlichen Publikationen weltweit kommen aus Deutschland. Das klingt toll, doch ist genau betrachtet eher das Gegenteil: Denn publizierte Ideen stehen weltweit zur freien Verfügung, Patente können nur auf Erfindungen angemeldet werden, die noch nicht veröffentlicht wurden."
Die Analyse der Misere fällt eindeutig aus. In Deutschland mangelt es an Institutionen, Kapitalgebern und Beratern, "die den Prozess von der Idee bis zur Rechnungsstellung für ein Produkt systematisch vorantreiben". Die Initiative "Partner für Innovation" von Bundesregierung, deutscher Wirtschaft und verschiedenen Wissenschaftsträgern soll Forschern und Entwicklern aus kleinen und mittelständischen Unternehmen die Möglichkeit bieten, die Forscherluft in wissenschaftlichen Einrichtungen zu schnuppern. Umgekehrt sollen Wissenschaftler in diesen Firmen hospitieren, um ihr Wissen bei der Entwicklung von Produkten einzubringen. Doch es gibt noch mehr zu tun: Deutschland fehle es an Forschern und Finanzen für die Forschung, so das Hamburger Wirtschaftsmagazin. Vor der Wiedervereinigung investierten Staat und Wirtschaft drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in Forschung und Entwicklung. Im internationalen Vergleich befand man sich damit in der Spitzengruppe. Und obwohl der Kanzler 2004 zum Jahr der Innovation ausrief, sieht die Praxis anders aus. Heute investiert Deutschland nämlich nur noch 2,5 Prozent des BIP in Forschung und Entwicklung. In den USA sind es 2,7 Prozent – bei einer weitaus größeren Volkswirtschaft -, in Japan drei Prozent und in Schweden sogar 4,3 Prozent. Auch in Deutschland sei das Geld da, so ein Innovationsforscher. Doch hierzulande verballert man lieber sechs Milliarden Euro in die umstrittene Eigenheimförderung.
Außerdem gehen dem Land die Forscher aus. Rund 20.000 deutsche Wissenschaftler arbeiten momentan an amerikanischen Universitäten. Deutsche Forscher kassieren dann, wenn sie die besten Förderungsanträge schreiben. Das Resultat sei dabei eher zweitrangig. In den Vereinigten Staaten hingegen müsse selbst ein Nobelpreisträger nachweisen, wie weit er in einem Forschungsjahr mit seiner Arbeit gekommen sei. Den Saarbrücker Professor August-Wilhelm Scheer, der ein erfolgreiches Software-Unternehmen gegründet hat und den saarländischen Ministerpräsidenten in Innovationsfragen berät, also den Spagat zwischen Wissenschaft und Praxis gemeistert hat, zitiert Brandeins mit einer ketzerischen Frage: "Gewinnt – zum Beispiel – die Max-Planck-Gesellschaft eigentlich genug Nobelpreise für die 1,3 Milliarden Euro, die ihr jährlich zur Verfügung stehen?"










