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Doppelmoral des Westens schadet dem Demokratisierungsprozeß Chinas

01.08.200813:54 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft
Bild: Doppelmoral des Westens schadet dem Demokratisierungsprozeß Chinas
Prof. Fang Weigui, Beijing © Civilisations Matter Society 2008
Prof. Fang Weigui, Beijing © Civilisations Matter Society 2008

(openPR) (Berlin/Peking, CM 1.8.2008) Die Scheinheiligkeit des Westens und die Anwendung zweierlei Maßstäbe bei der Beurteilung eines Landes, „je nach dem, um wen es gehe“, hat der in China lebende und in Erlangen habilitierte Wissenschaftler Fang Weigui in einem Interview gegenüber Civilisations Matter angeprangert. Unlautere Motive wie man im Westen zu diesem Zeitpunkt China degradiert, werden inzwischen selbst bei kritischen Internetnutzern in China unterstellt. "Als jemand, der in China mehr oder weniger auch ein Andersdenkender ist, muss ich sagen: man kann seine Wertvorstellungen nicht auf diese Art und Weise exportieren." Der Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Peking beschäftigt sich mit mit neuen Medien und veröffentlicht international über das "digitale Sein" im Reich der Mitte.



Nach dem Ende des Kalten Krieges bestehe jetzt die Gefahr, dass eine andere Art bilateraler „Kalter Krieg“ kommt. Dieser sei sowohl in Europa als auch in China seit Monaten bereits spürbar. Junge Chinesen hätten bislang den Westen bewundert und fühlten sich jetzt enttäuscht. "Die häufigste Antwort auf die Nachricht, dass ein Staatsoberhaupt nicht zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele kommt, ist übrigens: ohne ihn? Na, umso besser!" Ein interkultureller Dialog, den die Realpolitik nicht leisten könne, müsse breite Bevölkerungsschichten einbeziehen. Es wird Jahre dauern, bis Chinesen den Westen wieder so sehen wie noch vor einem halben Jahr.


INTERVIEW MIT DEUTSCHLAND-CHINA EXPERTEN FANG WEIGUI

Fang Weigui ist seit 2006 Professor für Komparatistik an der Beijing Normal University.
Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Vergleichende Literaturwissenschaft, moderne chinesische Kultur und Literatur, Sprachwandel des Chinesischen (historische Semantik) sowie das Internet in China.
Fang hat sich im Jahr 2002 in Erlangen mit einer Studie zur chinesischen republikzeitlichen Literatur habilitiert. 2004 veröffentlichte er das Buch mit dem Titel „Das Internet und China. Digital sein, digitales Sein im Reich der Mitte“.

Sandra Dietmers: Herr Fang, was hat sich in den letzten dreissig Jahren zwischen China und Europa verändert?

Fang Weigui: Sehr viel. Vor 30 Jahren studierte kaum ein Chinese in Europa. Als ich vor 22 Jahren nach Deutschland kam, sah man nur selten auf der Straße chinesische Gesichter. Heute aber sieht man fast überall chinesische Touristen. Und auch in Peking habe ich unter meinen Studenten Europäer. Das heißt, dass man sich in den letzten 30 Jahren näher gekommen ist.
Dank vielfältiger persönlicher Kontakte und auch wegen den neuen Medien haben sich nicht wenige Europäer und Chinesen doch recht gut kennen gelernt. Und noch etwas: Vor 30 Jahren, also direkt nach der Öffnung Chinas, war Europa für viele Chinesen nicht nur ungemein faszinierend, sondern regelrecht bewundernswert. In gewissem Sinne ist das vielleicht heute noch so. Aber man ist andererseits auch kritischer geworden und sieht inzwischen: Europa ist auch kein Paradies.
Ganz stark verändert haben sich in dem genannten Zeitraum natürlich die Wirtschaftsbeziehungen. Fast alle Konzerne und auch eine Reihe von mittelgroßen Firmen haben inzwischen eine Repräsentanz in China.

Sandra Dietmers: Welche Konfliktfelder sind vom Tisch und welche hinzugekommen?

Fang Weigui: Vom Tisch ist der Kalte Krieg. Hinzugekommen ist die Gefahr, dass eine andere Art bilateraler „Kalter Krieg“ kommt, den man in den letzten Monaten hüben wie drüben spürt. Wie sehr man ideologisch fixiert sein kann, sieht man nicht nur an der chinesischen Führung oder in Bezug auf die normale Bevölkerung in China. Manche Rechthaber in Europa leiden anscheinend an derselben Krankheit.
Ich war vor zwei Monaten kurz in Deutschland, habe auch ferngesehen und dabei feststellen müssen, wie selbstsicher manche im Hinblick auf chinesische Fragen sind. Ich musste manchmal lachen. Leider. Als jemand, der in China mehr oder weniger auch ein Andersdenkender ist, muss ich sagen: man kann seine Wertvorstellungen nicht auf diese Art und Weise exportieren. Ich muss auch sagen, dass hier viele gute Kollegen von mir das ähnlich sehen.
Auch unter den kritischen Internet-Nutzern bei uns vermutet man ziemlich übereinstimmend unlautere Motive, wenn man im Westen zu diesem Zeitpunkt China degradiert. Zwar ist der Nationalismus hierzulande recht stark ausgeprägt. Doch das ist nicht der einzige Grund für die Skepsis bezüglich der Motive der derzeitigen westlichen Medien-Schelte.
Wie vom Westen schon seit längerem das Thema der Menschenrechte immer wieder, wenn es um China geht, auf die Tagesordnung gesetzt wird, dass wird leider nicht nur vom „Mann auf der Straße“, sondern auch von vielen Intellektuellen oftmals als scheinheilig angesehen. Denn man sieht einfach die zwei Maßstäbe des Westens, die – je nachdem, um wen es geht – in der Welt angelegt werden. Das ist wohl der springende Punkt. Und so glaubt man eher an Interessenpolitik. Und das schadet der Sache, schadet dem Demokratierungsprozess in China.

Sandra Dietmers: Worin sehen Sie Ansätze zu ihrer Behebung - Was sollte sich Ihrer Meinung nach ändern?

Fang Weigui: Ändern sollte man viel, kann aber vielleicht nicht so viel ändern. In dieser Hinsicht bin ich pessimistisch. Denn viele außenpolitische Angelegenheiten sind innenpolitisch motiviert. Das sieht man nicht nur im amerikanischen Wahlkampf.

Sandra Dietmers: Wie sieht die chinesische Bevoelkerung Europa?

Fang Weigui: Im Moment sehr schlecht - wegen der Olympischen Spiele, wegen der Tibet-Frage. Junge Chinesen bewundern eigentlich den Westen; leider, denken sie jetzt, der Westen will nur sabotieren.

Sandra Dietmers: Haben sich durch Vorbereitungen der Olympischen Spiele die Beziehungen verbessert oder verschlechtert? Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Fang Weigui: Verschlechtert auf jeden Fall. Ich habe in anderen Zusammenhängen von einem chinesischen Ressentiment, das seit ca. 150 Jahren besteht, gesprochen. Das ist in gewissem Maße heute auch noch zu spüren, aber nicht mehr so stark wie früher. Man weiß, wie viel ein Ereignis wie die Olympischen Spiele für ein Land bedeuten, wie wichtig z.B. selbst die Fußballweltmeisterschaft für Deutschland war. Den Fackellauf in Paris, oder die zahlreichen montierten Bilder in den westlichen Medien wird man hier nicht so leicht vergessen. Die Bilder verletzten die ganze Nation, und das hat mit Vernunft und ruhiger Emotion nicht mehr viel zu tun.
Eine ähnliche Reaktion könnte man sich auch in einem Land im Westen, dem derart mitgespielt würde, gut vorstellen. Was man in den Medien wahrnahm, war ansonsten auch eine hervorragende Gelegenheit für viele, die Pressefreiheit im Westen zu interpretieren. Und die Initiative eines Boykotts in China kam dann ganz und gar von den einfachen Leuten. Die häufigste Antwort auf die Nachricht, dass ein Staatsoberhaupt nicht zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele kommt, ist übrigens: ohne ihn? Na, umso besser!

Sandra Dietmers: Arbeiten die Berufspolitiker in Europa und China wirkungsvoll am Dialog und in welchem Maße geben sie bürgerschaftlichem Engagement Chancen in der überfälligen Verständigung zwischen den Kulturen?

Fang Weigui: Ich würde sagen, die Tagespolitik oder überhaupt, jede Art von Realpolitik versteht nicht viel von Verständigung zwischen den Kulturen. Geopolitische Ziele und Wirtschaftsinteressen sind da viel wichtiger. Man spricht doch auch nicht andauernd über Menschenrechtsfragen - nur ab und zu, nämlich dann, wenn es dem eigenen Wirtschaftsinteresse nicht schadet und wenn die Innenpolitik es erfordert. Das Spiel kennen viele Berufspolitiker.
Was das bürgerschaftliche Engagement betrifft, kann ich nur sagen, dass man von der chinesischen Regierung nicht viel an Impulsen, die zu seiner Stärkung beitragen würden, erhoffen kann. Und die Massen? Ich fürchte, es wird Jahre dauern, bis die Chinesen den Westen wieder so sehen wie noch vor einem halben Jahr.

Sandra Dietmers: Was erwarten Sie von dem geplanten Herbstsymposium der Berliner Gesellschaft für Interkulturellen Dialog in China?
Sehr wichtig, zu diesem Zeitpunkt – und natürlich nicht nur zu diesem Zeitpunkt. Aber ein interkultureller Dialog, wie wir ihn brauchen, beschränkte sich nicht bloß auf die Intellektuellen, welche die Aufklärung für ihre Aufgabe halten. Er wendete sich auch an diejenigen, die „ohne Grund nicht denken“, um hier mit Benjamin zu sprechen. Er müsste also breite Bevölkerungsschichten erreichen und einbeziehen.

Das Interview führte Sandra Dietmers, Civilisations Matter Society am 1. August 2008

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