(openPR) Mit einem Mitarbeiterstab reist die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Karin Evers-Meyer, durch die Bundesländer. Das Motto der Tour: "Selbstbestimmt leben: Persönliches Budget" (budget-tour.de). Nach Berlin und Hamburg folgte gestern Schwerin.
Seit dem 1. Juli 2004 wird das Persönliche Budget als neues Instrument im Bereich der Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen in acht deutschen Modellregionen erprobt. Was viele noch nicht wissen: Ab 1. Januar 2008 hat jeder Mensch mit einer Behinderung nach dem Neunten Buch Sozialgesetzbuch (SGB IX) einen Rechtsanspruch darauf. Der Personenkreis ist relativ groß. So leben in Deutschland etwa 6,6 Millionen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung (Behinderungsgrad über 50 Prozent). In Mecklenburg-Vorpommern sind es etwa 250 000. "Dazu kommt noch eine erhebliche Anzahl von Menschen, die noch keinen Antrag auf Feststellung einer Behinderung gestellt haben", erklärte Sozialminister Erwin Sellering zur Eröffnung der Informationsveranstaltung im Berufsbildungs- und Technologiezentrum (BTZ) der Schweriner Handwerkskammer.
Nach dem bisherigen Modell erhalten Behinderte vor allem Sach- und Dienstleistungen. Mit dem persönlichen Budget oder eingängig "mit dem Geld in der Hand", wie es Karin Evers-Meyer verdeutlichte, "bestimmen sie, wer, ihnen wann, wo und wie hilft." Kurz um: Mit diesem Geld können behinderte Menschen sich als Käufer, Kunden oder Arbeitgeber eigenverantwortlich für individuelle Unterstützungsleistungen entscheiden. "Mit dieser Leistungsform wird das klassische Leistungsdreieck zwischen Leistungsträger, Leistungsempfänger und Leistungserbringer aufgelöst." Damit erhalten die Budgetnehmer Wahlmöglichkeiten und Mitspracherechte. "Sicherlich, ein selbstbestimmtes Leben ist nicht immer der einfachste Weg", so Karin Evers-Meyer. Andererseits hob sie hervor: "Selbstbestimmung und Teilhabe sind Menschenrechte. Fremdbestimmung kontakariert dieses Recht." Dennoch: "Wer das persönliche Budget nicht will, für den bleibt alles wie bisher", erklärte Karin Evers-Meyer.
Nach Ansicht von Dr. Johannes Schädler vom Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste der Universität ist das traditionelle Hilfesystem veraltet. "Die Kosten dafür sind relativ hoch. Dennoch ist das gut angelegtes Geld. Aber die Frage ist, ob die konzeptionelle Grundlage noch stimmt. Und da gibt es relativ hohes Unbehagen." Entsprechend nahm er kein Blatt vor den Mund, prangerte den Zuwachs der Arbeitsplätze in Werkstätten für Behinderte (WfB) an. Dort seien etwa 250 000 Menschen beschäftigt. Auch im Bereich "Wohnen in Heimen" gebe es diese Dynamik. Aktuell lebten 200 000 Menschen in Heimen, 38 000 seien unter 60 Jahre alt. "Wollen wir das, ist das die richtige Antwort auf Menschen mit Behinderungen?", fragte Schädler, und merkte an: "Das Hilfesystem entspricht nicht mehr dem Stand des Wissens über gute Hilfen." In diesem Kontext stehe nun das Persönliche Budget. "Es ist mit hohen Erwartungen verbunden", sagte Schädler. Dazu zitierte er den ehemaligen Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Karl Hermann Haack: "Die flächendeckende Einführung Persönlicher Budgets ist ein starkes Steuerungsinstrument gegen die Beharrungskräfte des Systems."
Wie das Verfahren ablaufen soll, gibt die Budgetverordnung vor. Doch mit der Umsetzung hapert es. Eine Ursache sieht Johannes Schädler in der komplizierten Vorschrift und in dem zunächst noch "unspezifischen" Hilfebedarf des potentiellen Budgetnehmers. Unter dem Strich: "Das örtliche Hilfesystem muss das Regelwerk lernen." So muss kein Antragsteller mehr von einer Stelle zur anderen gehen. Infrage kommt nur ein Leistungsträger (z.B. Krankenkasse, Arbeitsagentur, Sozialhilfeträger, Rententräger) oder eine gemeinsame Servicestelle, die die individuellen Hilfen in den Bereichen Wohnen, Arbeit, Freizeit und Gesundheit koordiniert und diese in der Regel für ein Jahr bewilligt. Auf jeden Fall soll das "persönliche Geld" oder der Gutschein eine gleichberechtigter Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am alltäglichen Leben ermöglichen, so Frank Seifert, Budgetnehmer und Budgetberater vom Beratungszentrum "Selbstbestimmt Leben" in Rostock.
Dazu liegen im Rahmen der Modellerprobung einige Erfahrungen vor. Auf der Webseite von Lichtblick-Newsletter finden Sie nach diesem Beitrag einige ausgewählte Beispiele und Informationen.
http://www.lichtblick-newsletter.de/ticker2576_07.html













