(openPR) "Das Denkmal möchte ich noch erleben!", sagte eindringlich Jörgen Fuchs, Psychiater und Psychotherapeut, auf dem gestrigen Schweriner Holocaust-Symposium, das an die NS-Geschehnisse der Schwerkrankenabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Sachsenberg erinnerte. Hinter dem Verlangen, ein Mahnmal zu schaffen, stehen auch die Veranstalter, die Helios Kliniken Schwerin, die Landeszentrale für Politische Bildung, die Vereine Politische Memoriale und Freundeskreis Sachsenberg. Viel zur Aufklärung über die Opfer von Zwangssterilisation und "Euthanasie" in Schwerin haben vor allem Professor Andreas Broocks, Ärztlicher Direktor der Carl-Friedrich-Flemming-Klinik, sein Vorgänger Professor Michael Schmidt-Degenhard, und die Berliner Schriftstellerin Helga Schubert beigetragen.
MfS der DDR hielt Patientenakten unter Verschluss
Unglaublich: Nach dem Ende der Nazizeit blieben im Ministerium für Staatssicherheit der DDR tausende Patientenakten unter Verschluss, darunter 179 vom Sachsenberg. Innerhalb der Forschung galten sie als verschollen. "Nach der Wende 1990 gelangten sie ins Berliner Bundesarchiv", erklärte Helga Schubert. In ihrem Buch "Die Welt da drinnen - Eine deutsche Nervenklinik und der Wahn vom ‘unwerten Leben’" hat sie die Schweriner Akten ausgewertet. Es ist "ein bewegendes und einzigartiges Stück Literatur", heißt es im Vorwort, und weiter: "folgt minuziös den Schicksalen einzelner Opfer vor und nach ihrer Einlieferung in die Klinik, aber auch den Werdegängen der Ärzte - die sich dem Tötungsauftrag verschrieben oder sich ihm widersetzten".
Erbgesundheitsgesetz, Aktion T4 und dezentrale "Euthanasie"
Die Fakten sind bedrückend: Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" ("Erbgesundheitsgesetz") vom 14. Juli 1933 erlaubte die Sterilisation von Schwachsinnigen, Schizophrenen, Epileptikern, Blinden, Tauben, Körperbehinderten und Alkoholkranken auch gegen ihren Willen. Es trat am 1. Januar 1934 in Kraft. Die Idee des Gesetzes war rassistisch. So heißt es in einer Verordnung zum Gesetz: "Ziel der dem deutschen Volk artgemäßen Erb- und Rassenpflege ist: eine ausreichende Zahl Erbgesunder, für das deutsche Volk rassisch wertvoller, kinderreicher Familien zu allen Zeiten ..." Die Folgen: Von 1934 bis 1945 sind aufgrund des "Erbgesundheitsgesetzes" ca. 350 000 Sterilisationen in ganz Deutschland durchgeführt worden. An den Eingriffen starben bis zu 6000 Frauen und 600 Männer. Damit hielt die sozialdarwinistische Vorstellung, dass nur der Stärkste überlebt, Einzug in die offizielle Praxis nationalsozialistischer Gesundheitspolitik. Passend dazu trichterten NS-Standesfunktionäre der "Führerschule der Deutschen Ärzteschaft" in Alt Rehse den rund 40 000 Medizinern das notwendige Rüstzeug in "Rassenhygiene" und "Euthanasie" ein.
Bis 1945 stellte der damalige Schweriner Anstaltsleiter Dr. Fischer über 300 Anträge auf Zwangssterilisation. Rund 900 Männer, Frauen und Kinder fielen in der Klinik der NS-"Euthanasie" zum Opfer. Grundlage dafür bildete Hitlers Erlass vom 1. September 1939, "unheilbar Kranken" den "Gnadentod" zu gewähren. "Allein auf der von Dr. Alfred Leu geleiteten Kinder-Abteilung gab es 430 Todesfälle, von denen mindestens 100 auf aktive Tötungen zurückzuführen sind, an denen Leu unmittelbar beteiligt war", erklärte Professor Andreas Broocks in einem Interview der Schweriner Volkszeitung, das zeitgleich zur Tagung mit dem Beitrag "Vergast, verhungert, eingeschläfert - Ein Symposium erinnert heute an die Opfer von Zwangssterilisation und Euthanasie" veröffentlicht wurde.
Nachweislich sind 275 Menschen aus der Schweriner Anstalt mit zwei Bustransporten der Gemeinnützigen-Krankentransport-Gesellschaft (Gekrat) am 18. Juli und am 1. August 1941 in die Tötungsanstalt Bernburg (Sachsen-Anhalt) verlegt worden. "Von dort gab es keine Rückkehr mehr", sagte Dr. Ute Hoffmann von der Gedenkstätte für Opfer der NS-"Euthanasie" Bernburg. Noch am selben Tag wurden die Schweriner Patienten in der Gaskammer vergiftet, recherchierte Helga Schubert.
Zwischen Januar 1940 und August 1941 kamen im Rahmen der verdeckten "Euthanasie"-Aktion T4 über 70 000 Insassen von Heil- und Pflegeanstalten in den sechs Tötungsanstalten Grafeneck, Brandenburg, Hartheim, Sonnenstein, Bernburg und Hadamar ums Leben. Nach Protesten der Kirchen verfügte Hitler am 24. August 1941 die "offizielle Einstellung" der Aktion, doch sie wütete als dezentrale (wilde) Euthanasie in vielen Anstalten und Kliniken bis Kriegsende weiter. Historiker gehen davon aus, dass im so genannten "Dritten Reich" insgesamt bis zu 300 000 physisch und psychisch Kranke sowie behinderte Kinder - als "lebensunwerte Ballastexistenzen" - dem "Euthanasie"-Programm zum Opfer fielen.
"Sachsenberg-Prozess"
Nach dem Krieg, am 16. August 1946, wurden im so genannten "Sachsenberg-Prozess" drei Stationspfleger und eine Stationsschwester der Schweriner Nervenklinik wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der sowjetischen Besatzungszone zum Tode verurteilt. Die Strafen wurden später in lebenslange Haft umgewandelt. Der Hauptschuldige Dr. Alfred Leu flüchtete Ende April 1945 in Richtung Westen. Alle Verfahren gegen ihn endeten jeweils mit Freispruch. Er konnte unbehelligt als freiberuflicher Nervenarzt und gerichtsmedizinischer Gutachter weiter arbeiten.
Gedenkstätte für die Schweriner Opfer
Die NS-Diktatur liegt heute 62 Jahre zurück. Bemühungen, ein Denkmal für die Schweriner Opfer von "Euthanasie" und Zwangssterilisation auf dem Klinikgelände zu errichten, fanden überhaupt erst nach dem Fall der Mauer eine Basis. Jetzt, wo zum Teil die Opferzahlen und einzelne Namenslisten bekannt sind, ist es an der Zeit, für diese Menschen eine würdevolle Gedenkstätte zu schaffen. Ein Ort der Mahnung und Begegnung, der uns sensibilisiert, sich mit dem schlimmsten Kapitel der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen.
LINKTIPP
Landeszentrale für politische Bildung MV
www.lpb-mv.de
Politische Memoriale e.V.
www.polmem-mv.de
Führerschule der deutschen Ärzteschaft
www.ns-eugenik.de
Gedenkstätte Bernburg
www.gedenkstaette-bernburg.de
BEZ-Appell zum "Erbgesundheitsgesetz"
www.lichtblick-newsletter.de/ticker978_05.html
HELIOS Kliniken Gruppe
www.helios-kliniken.de
Vollständiger Artikel mit Fotos unter:
http://www.lichtblick-newsletter.de/ticker2326_07.html
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