(openPR) Türkei / Deutschland
Die Story ist schnell erzählt: Ein junger Bochumer Medienunternehmer fragt sich, wie er seiner kleinen Firma mehr Aufmerksamkeit verschaffen kann. Das Konzept ist einfach gestrickt: Bekannten Persönlichkeiten wird eine Auszeichnung zuteil, die ihnen im Rahmen einer Galaveranstaltung verliehen wird.
Als Beweis für ihre Auszeichnung erhalten sie einen Pokal. Der besteht aus einem schwarzen Stück Steinkohle, das in einer Bleiglaskugel verschlossen auf einem Kristallglassockel ruht, circa 25 Zentimeter hoch und über 2 Kilogramm schwer. Dazu eine pseudo-philosophische Deutung: „Der Preis ist nach dem Steiger benannt, einem Aufsichtsbeamten, der nach Bergbautradition besonders für Tugenden wie Geradlinigkeit, Offenheit, Menschlichkeit und Toleranz steht." (So nachzulesen auf der Homepage zum Steiger Award.)
Natürlich soll das Ganze den Ideenstifter nichts kosten. Also holt er sich noch ein Nobelhotel für die Übernachtungen und ein Autohaus für die Transfers ins Boot. Den Rest der Finanzierung übernehmen die ausgewählten Gäste, die für schlappe 175 Euro an der festlichen Galaveranstaltung inclusive Cocktail Empfang und Gala-Dinner teilnehmen dürfen.
Letztes Jahr gab es dafür zum Beispiel Mini-Fleischbällchen im Sesammantel oder kleine Burger mit Ziegenkäse und Cranberries. Abgerundet wurde das „Menü" mit Mascarpone-Williams-Birnenmousse samt Mandel-Krokant. (So berichtet von welt-online am 20.03.2011.)
DIE SACHE HAT EINEN HAKEN
Eigentlich sollte man die Story damit enden lassen, gäbe es in diesem Jahr nicht erheblichen Trouble. Auf der Homepage zu dem Steiger Award lesen wir: „Der Preis wird Personen verliehen, die geradlinig ihren Weg verfolgen und dabei nach den Grundwerten der Steiger handeln. Diese sind Offenheit, Menschlichkeit, Geradlinigkeit, Toleranz." Lassen wir einmal die Frage unbeantwortet, warum Auserwählte überhaupt zur Verleihung des Preises kommen, hat der doch kaum Außenwirkung und ist zudem ohne jeden finanziellen Anreiz ausgestattet.
Einen Haken hat der Steiger Award und der sollte nachdenklich machen: Niemand weiß, wie und durch wen die Auswahl der Geehrten zustande kommt. Doch wie auch immer die Auswahl erfolgt, steht der Veranstaltung in diesem Jahr handfester Ärger ins Haus.
Ausgerechnet der Politiker, der immer von Pressefreiheit, Menschenrechten und Demokratie redet, aber in seinem Land seit längerem in die andere Richtung rudert, soll den Preis in der Kategorie Europa erhalten: Recep Tayyip Erdogan, Parteichef der AKP und Ministerpräsident der Türkei seit 2003.
PROTESTE ZU ERWARTEN
Mehrere türkische Vereinigungen, die vermutlich mehrere hunderttausend Türken in Deutschland vertreten, haben für den Veranstaltungstag (17. März 2012) Demonstrationen angekündigt. Der Zentralrat der Armenier in Deutschland hat zudem in einem offenen Brief an die diesjährigen Preisträger des Steiger Award appelliert, ihre Auszeichnung nicht anzunehmen. Und die Preisträger früherer Jahre werden gebeten zu prüfen, ob sie ihre Preise zurückgeben.
Verständlich sind die Proteste allemal. Denn in der Türkei zeichnen sich seit Erdogans „Herrschaft" immer deutlicher Entwicklungen ab, die mit Offenheit, Menschlichkeit und Toleranz nichts zu tun haben. So erfüllt Erdogan nur einen Teil des Satzes, der ihn für den Steiger Award qualifizieren würde: seinen Weg verfolgt er geradlinig. Allerdings nicht zum Wohle seines Landes und seiner Bürger, sondern seiner selbst Willen!
Bleibt jetzt abzuwarten, ob der Steiger Award noch eine Zukunft hat. Eine Idee, die 2005 entstanden ist „aus Privatinitiative und dem Wunsch der kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Förderung der Region" (so auf der Homepage des Steiger Award nachzulesen). Fragt sich, ob der Preis vielleicht doch nur der persönlichen Ziele von Sascha Hellen dienen soll. 1977 in Bochum geboren, Medienberater und Geschäftsführer der Hellen Medien Projekte GmbH.
Fazit: Mit der Entscheidung, Erdogan den Steiger Award in der Kategorie Europa verleihen zu wollen, hat sich Sascha Hellen mit seiner Marketingidee selbst disqualifiziert. Zudem beleidigt er damit die in früheren Jahren mit dem Steiger Award ausgezeichnete Persönlichkeiten!
Literaturhinweis zum Thema:
Jürgen P. Fuß,
Erdogan - ein Meister der Täuschung, 2011,
ISBN-13: 978-3937820163
Aktuelle Informationen zur Türkei:
www.atr-zeitung.com













