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Der vielfach Unverstandene – Claus Jacobi über Axel Springer

22.09.200512:52 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft

(openPR) Bonn/ München - An Axel Springer scheiden sich die Geister. Selbst zwanzig Jahre nach seinem Tod gilt er einigen Unverbesserlichen nur als Kommunistenfresser und Feind der revoltierenden Studenten von 1968. Mit Klischeevorstellungen lebt es sich vielleicht einfacher. Pünktlich zum Jubiläum legt Claus Jacobi nun eine „Biographie aus der Nähe“ vor. Der Autor war Chefredakteur von Spiegel und Welt am Sonntag, Redaktionsdirektor der Bild-Zeitung und Herausgeber der Welt. Sein süffig geschriebenes Buch bemüht sich um faire Darstellung und umschifft die Klippen der Vorurteile. Doch eine wissenschaftliche Biographie ersetzt Jacobis Buch nicht; dafür fehlt es dem smarten Biographen an Tiefgang. Auf jeden Fall ist diese Lebensbeschreibung aber ein Korrektiv zu dem unsäglichen Machwerk von Michael Jürgs, das unter dem reißerischen Titel „Der Fall Axel Springer“ bereits Mitte der neunziger Jahre auf den Markt gekommen ist.



Jacobi teilt Springers Leben in die vier Jahreszeiten ein, in Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Dabei räumt er den zahlreichen Frauengeschichten von „AS“ - so Springers verlagsinternes Kürzel – viel Raum ein. Hier liegt die Stärke des Verfassers. Jacobi berichtet über Springers Neigung zu den schönen Dingen, über dessen enges Verhältnis zu seiner Mutter und seine esoterischen Launen. Derjenige, der sich stärker für die politische und publizistische Linie des Verlags und die prägenden Journalisten interessiert, wird daher enttäuscht sein. Deutlich wird dies zum Beispiel an dem Journalisten Matthias Walden, den AS als eine Art Nachfolger oder Nachlassverwalter des eigenen journalistischen Erbes eingeplant hatte. Das Schicksal machte diesem Plan einen Strich durch die Rechnung, da Walden ein Jahr vor Springer, nämlich 1984, noch recht jung an Krebs starb. Es wird dem hervorragenden Stilisten und noblen Menschen Walden nicht gerecht, wenn Jacobi über ihn schreibt: „Walden war höflich, gebildet und gescheit, er dachte scharf, wenn auch nicht unbedingt tief.“ Oder: „Zehrer hatte politische Gedanken in Springers Hirn gepflanzt, Walden brachte Springers politische Gedanken zu Papier. Es war seine besondere Begabung, schnell, prägnant und geschliffen genau das zu formulieren, was Springer sagen wollte. Dass Waldens Schmeicheleien bei Springer stärkeren Anklang fanden als andere, lag – so analysierte Ernst Cramer – ‚sicher nicht zuletzt daran, dass Walden von seinen Schmeicheleien selbst auch überzeugt war.“


Diese lapidaren Sätze liest man mit Missvergnügen, da Walden auch schon an anderer Stelle Unrecht widerfahren ist. Er brachte jedoch eine Überzeugungsstärke und journalistische Meisterschaft mit sich, wie sie nur wenigen Springer-Leute zueigen war. Vielleicht liegt diesen verletzenden Sätzen auch nur zugrunde, dass sich Walden und Jacobi nicht verstanden haben. Wer weiß es schon. Auf jeden Fall wirkt das Ganze nicht sehr nobel; eine Haltung, die den als Eugen von Sass in Dresden geborenen Walden immer ausgezeichnet hat.

Doch nun zum Kern: Der Biograph hat fleißig das Unternehmensarchiv des Springer-Verlages geplündert und zitiert eifrig aus manchen Schriftstücken, manchmal übereifrig und zu ausgiebig. Doch seine Darstellung gewinnt vor allem daher an Leben und Farbe, dass er den in Hamburg geborenen Pressemagnaten seit Mitte des 20. Jahrhunderts kannte. Über diesen Vorteil dürfte kein Historiker oder Medienexperte verfügen, der eine wissenschaftliche Biographie über Springer schreiben sollte. Jacobis Biographie, die ja keinen wissenschaftlichen Anspruch erfüllen soll, sondern sehr persönlich gehalten ist, hätte man sich an der ein oder anderen Stelle kämpferischer gewünscht. Denn die andere Seite nutzt weiterhin jedes Mittel der Agitation. Ein Fernsehbeitrag über Jacobis Springer-Biorgaphie beschränkte sich im Wesentlichen auf die Lesart, der Pressezar sei ein erzkonservativer Gegner der Studenten-Bewegung gewesen, in dessen Blättern viele Nazis schreiben durften. Dass kaum ein anderer in der alten Bundesrepublik mehr für ein gutes Verhältnis zwischen Deutschland und Israel getan hat, blieb unerwähnt. Dass die in den sechziger Jahren entfachte „Enteignet Springer“-Kampagne zu wahren Hass-Ausbrüchen führte, erwähnten die Fernsehjournalisten selbstverständlich auch nicht. Das wäre ja keine kritische Berichterstattung. In Wahrheit aber musste sich Axel Springer mit Leibwächtern umgeben. Seine Häuser wurden zur Zielscheibe von Brandanschlägen, von den Angriffen auf Springer-Mitarbeiter und die Verlagshäuser ganz zu schweigen.

Vor kurzem sagte der linke österreichische Schriftsteller Robert Menasse sinngemäß zu seinem Schriftstellerkollegen Peter Schneider, er sei von einem Autor von Welt zu einem Welt-Journalisten degeneriert. Abgesehen davon, dass diese Polemik blanker Unsinn ist, findet sich vielleicht auch hier ein Körnchen Wahrheit. Denn viele derjenigen, die noch vor Jahren zum Springer-Boykott aufriefen, verdienen heute ganz gern ein paar Zusatz-Brötchen, indem sie zum Beispiel für die Welt schreiben. Insbesondere die Welt war nicht immer vor opportunistischen Anbiederungen an den Zeitgeist gefeit, die manchen Stammleser vor den Kopf gestoßen haben, dem der Sinn eben nicht nach einer linken oder liberalen, sondern nach einer konservativen Zeitung mit liberaler Ausrichtung in der Wirtschaftspolitik steht. Mit dem neuen Chefredakteur Roger Köppel scheint das Flagschiff des Springer-Konzerns wieder auf einem guten Kurs zu sein. Es fragt sich nur, ob Springers berühmte Verlagsgrundsätze heute noch eine Mehrheit in der deutschen Bevölkerung fänden. Das unbedingte Eintreten für die deutsche Einheit ist mittlerweile historisch geworden. Ob eine Mehrheit der Deutschen noch so entschieden wie Springer für eine Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes, die Ablehnung jeglicher Art von politischem Extremismus, ein gutes transatlantisches Verhältnis und die freie Marktwirtschaft eintritt, daran darf zumindest gezweifelt werden.

Jacobis Buch darf heiß empfohlen werden. Die Ignoranten werden es sowieso nicht lesen, weil es ihnen die Augen öffnen und Vorurteile korrigieren dürfte.


Claus Jacobi: Der Verleger Axel Springer. Eine Biographie aus der Nähe. Herbig: München 2005, 352 S., 24 Euro, ISBN 3-7766-2440-X

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