(openPR) Summer School zeigt Fortschritte des EU-Projekts TOLERAGE bei Entwicklung einer „Schluckimpfung“ gegen Arteriosklerose / Aktuelle Übersichtsartikel erschienen
Obergurgl (5.10.2011) Rauchen, hohes Cholesterin, Bluthochdruck , Diabetes, Infektionen und andere Risiken tragen zur „Gefäßverkalkung“ bei, wie die Arteriosklerose im Volksmund heißt. Diese sehr unterschiedlichen Einflüsse haben erstaunlicherweise alle eine ähnliche Wirkung: die Verhärtung und Verengung von Blutgefäßen, die zu Schlaganfall und Herzinfarkt führen kann. Es muss also einen gemeinsamen Auslöse-Mechanismus geben, der –unabhängig vom jeweils wirksamen Risikofaktor- immer ähnlich abläuft. Ist dieser bekannt, können neue Strategien zur Vorbeugung oder Heilung entwickelt werden.
Fest steht mittlerweile, dass die Krankheit zu Beginn nicht etwa eine passive Verkleisterung der Gefäße mit Blutfetten oder eine mechanische Kalk-Ablagerung ist. Es handelt sich vielmehr im Anfangsstadium um eine Entzündung, also eine aktive Immunreaktion, mit der sich der Körper vor einer scheinbaren Gefahr zu schützen versucht. Was sie auslöst und wie sie sich weiterentwickelt, war Thema der TOLERAGE Summer School „Inflammation and Cardiovascular Disease“, die dieser Tage in Obergurgl, Tirol, stattfand. Das EU-Forschungsprojekt TOLERAGE wird von Georg Wick, emeritierter Professor für Pathophysiologie und Immunologie am Biozentrum der Medizinischen Universität Innsbruck, koordiniert und vom Forschungsdienstleister CEMIT administrativ gemanagt.
„Wenn man als Pathologe Immunzellen im Gewebe findet, fragt man sich immer: Was lockt die dort hin?“, beschreibt Wick die Ausgangssituation, die Suche nach dem Antigen, das die Entzündung auslöst. Er und seine Mitarbeiter haben in den letzten Jahren ein Modell der Arteriosklerose-Entstehung entwickelt, das kürzlich in zwei Übersichtsartikeln beschrieben wurde (1), (2). Demnach haben alle bekannten Risikofaktoren eines gemeinsam: Sie stressen die Zellen der Gefäß-Innenwände. Diese reagieren, indem sie das Hitzeschock-Protein 60 (hsp60) an ihre Oberfläche bringen, wo es aber nicht hingehört. Hitzeschockproteine sind normalerweise im Zellinneren. Die T-Zellen des Immunsystems werden davon angelockt, halten sich mit Hilfe von sogenannten Adhäsionsmolekülen, die gleichzeitig mit den Hitzeschockproteinen auftauchen, an der Gefäßwand fest und wandern schließlich in diese ein: es kommt zur Entzündung. Zwar erkennt das Immunsystem normalerweise, dass es überreagiert und beruhigt sich wieder, wenn der Gefäß-Stress aufhört. Bleibt er aber über Jahre oder gar Jahrzehnte bestehen, entwickelt sich die Krankheit weiter: aus der chronischen Entzündung entsteht eine Arteriosklerose.
Den Schutz vor Bakterien gibt es nicht umsonst
Dabei sind Hitzeschockproteine eigentlich keine Bösewichte: sie sind sogar sehr nützlich und schützen Proteine im Zellinneren. Menschen haben allerdings kein Exklusivrecht an dieser praktischen Erfindung der Natur: Hitzeschockproteine gibt es schon seit 2,5 Milliarden Jahren. Bakterien verfügen über Hitzeschockproteine, die den menschlichen recht ähnlich sind. Das Immunsystem hat es also nicht leicht: Einerseits muss es ständig alarmbereit sein, wenn Hitzeschockproteine auftauchen -es könnte sich ja um einen Krankheitserreger handeln-, andererseits darf es bei körpereigenen nicht überreagieren. Im Alter funktioniert die Unterscheidung zwischen „selbst“ und „fremd“ häufig nicht mehr so gut: Arteriosklerose ist eine Alterserkrankung. Wick bringt es auf die einfache Formel: „There is no free lunch – es gibt nichts umsonst. Wenn wir unsere Arterien ein Leben lang schlecht behandeln, bezahlen wir den an sich nützlichen Schutzmechanismus des Immunsystems später mit Arteriosklerose.“
Im Rahmen des EU-Forschungsprojekts TOLERAGE wird versucht, die Immunreaktion im Alter wieder zu normalisieren. Das Immunsystem soll lernen, die körpereigenen Hitzeschockproteine wieder zu tolerieren und nicht länger mit einer Entzündung zu bekämpfen. Dies soll durch eine „Schluckimpfung“ erreicht werden, die das Immunsystem nicht aufstachelt, sondern besänftigt. Bei Mäusen funktioniert diese Tolerantmachung bereits: Werden sie mit hsp60 gefüttert, bleiben sie vor Arteriosklerose verschont.
Allerdings soll die Immunreaktion gegen bakterielles hsp60 erhalten bleiben. Also haben die TOLERAGE-Forscher im nächsten Schritt nur diejenigen Teile des Proteins ausfindig gemacht, die die T-Zellen bei der Arteriosklerose-Entstehung anlocken. Nur gegen jene Teile darf geimpft werden, damit die nützliche Immunantwort auf Infektionen erhalten bleibt. Die Teilstücke sind nun bereits für Maus und Mensch charakterisiert und in größeren Mengen hergestellt. Derzeit laufen die Impfexperimente bei den Mäusen. Sind sie erfolgreich, wäre der Schritt in eine klinische Studie beim Menschen der nächste Schritt. Das wollen die TOLERAGE-Forscher in einem Folgeprojekt durchführen.
(1) Curr Opin Lipidol. 2011 Oct;22(5):327-34. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21881502
(2) Arterioscler Thromb Vasc Biol. 2011 May;31(5):960-8 http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21508342
Links:
Summer School: http://www.icvd.eu
TOLERAGE: www.tolerage.eu
Labor Wick: http://www.laborwick.com/pages.php?page=1
Hintergrund TOLERAGE Summer School
Den Zusammenhang zwischen kardioavaskulären Erkrankungen und Entzündung genauer zu erforschen, ist ein brandaktuelles Thema und zieht viele junge Wissenschaftler an. An sie richtete sich die Summer School „Inflammation and Cardiovascular Disease“, die vom 29.9. bis 2.10. im Universitätszentrum Obergurgl, Tirol, stattfand. Sie bot nicht nur Vorträge, sondern auch ausgiebige Diskussionen mit internationalen Fachleuten, Klinikern und Industrievertretern. Wissenschaftler, die in das Fachgebiet einsteigen, oder die eine neue Kooperation eingehen wollen, konnten sich während der Veranstaltung umfassend informieren und Kontakte knüpfen. Die Summer School fand im Rahmen des EU-Forschungsprojekts TOLERAGE statt und wurde auch von der Europäischen Arteriosklerose-Gesellschaft und vom Land Tirol unterstützt. Es nahmen etwa 60 Teilnehmer teil, unter anderem aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, Italien, Finnland, Schweden, Russland, den Niederlanden und Rumänien.
The European Atherosclerosis Society: http://www.eas-society.org/
Land Tirol: www.tirol.gv.at
Universitätszentrum Obergurgl: www.uz-obergurgl.at/

















