(openPR) LIEBENAU – Vor genau 70 Jahren, am 1. Juli 1940, wurden zum ersten Mal Bewohner der Stiftung Liebenau zum "Gnadentod" abgeholt. 501 Menschen mit Behinderung kamen in den Gasmordanstalten Grafeneck und Hadamar ums Leben. Als Mahnung dafür, dass diese nie mehr geschehe, setzte die Stiftung Liebenau am 1. Juli 2010 einen "Liebenauer Stolperstein".
Einzelkämpfer
Die Stiftung Liebenau feiert in diesem Jahr ihr 140-jähriges Bestehen. Sie kann stolz zurückschauen. Oft Einzelkämpfer, oft alleingelassen, hat sie sich immer für die Belange von Menschen mit Behinderung eingesetzt. So auch im zweiten Weltkrieg. Mit Listen für Arbeitseinsätze in der Landwirtschaft wollte die Stiftung, damals unter Direktor Josef Wilhelm, ihre Bewohner vor dem Euthanasieprogramm unter Adolf Hitler schützen. Es ist ihr nur in wenigen Fällen gelungen.
Zeitzeugen
501 Bewohner der Stiftung sind der Euthanasie zum Opfer gefallen. "Heute, fast auf den Tag genau vor 70 Jahren, wurde mein Großvater als lebensunwertes Leben mit dem grauen Bus zum Sterben abgeholt", erinnerte Anton Dietenmeier in seinem Grußwort. Er ist Vorsitzender der Angehörigenvertretungen in Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung in Baden-Württemberg und kam in Begleitung eines Zeitzeugen, seines Onkels. Mit Hilfe einer Ordensschwester in Rosenharz ist der 86-Jährige nur knapp dem Gasmordtod entkommen. Der Onkel war sichtlich gerührt. Mit einer knappen Handbewegung wischte er die Tränen unter seiner dunklen Sonnenbrille weg. Ein Schweigen legte sich über die Besucher, spürbar die Ahnung einer Angst, die damals über der Stiftung Liebenau schwebte.
Mahnende Worte
"Vieles hat sich in der Behindertenhilfe getan", lobte Dietenmeier und erinnerte an übervolle Schlafsäle. Sein Grußwort war einer Mahnung gleich. 2000 erst wurden die Belange von Menschen mit geistiger Behinderung in das Sozialgesetzbuch aufgenommen und die seit März 2009 gültige UN Behindertenrechtskonvention ist noch nicht abgeschlossen. "Es geht immer ums Geld", so Dietenmeier. "Waren nicht auch bei der Begründung des Euthanasieprogramms die Kosten ein wichtiges Argument, die lebensunwertes Leben der Gesellschaft aufbürdet?" Er begrüßte den Liebenauer Stolperstein: "Er soll nicht nur ein dauerhaftes Zeichen gegen das Vergessen sein, sondern uns allen ein Stein der Anregung und des Anstoßes sein, an dem unser Fuß immer hängen bleiben sollte, wenn er in die falsche Richtung gehen will."
Alle Menschen sind gleich wert
"Hitler hat Männer, Frauen und Kinder vergasen lassen", erinnerte Scarlett Schäfer vom Heimbeirat der St. Gallus-Hilfe. Die junge Frau von der Grünlandgruppe der Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Rosenharz fühlt und spricht für Ihresgleichen: "Es darf kein Gras über die Sache wachsen und der Stolperstein erinnert uns daran." Sie forderte auf, die richtigen Politiker zu wählen, damit so etwas nie wieder geschieht. Denn "alle Menschen sind gleich wert." Brigitte Sauter-Servaes vom Angehörigenbeirat der St. Gallus-Hilfe ermutigte zum Ehrenamt. Sie weiß: "Um eine adäquate Altersvorsorge oder die stark reduzierten öffentlichen Sozialleistungen bewältigen zu können, muss es uns gelingen, auch künftige Generationen in die ehrenamtliche Behindertenarbeit einführen zu können."
Gutes Miteinander
Pfarrer Dieter Worrings, ehemaliges Vorstandsmitglied der Stiftung Liebenau und heute Vorsitzender des Freundeskreises der St. Gallus-Hilfe, segnete den Stolperstein. Der Stein aus schwarzem Granit bilde eine Einheit mit dem Gedenkstein in der Kirche. Dort sind alle Namen der Menschen eingemeißelt, "denen Leben und Lebensrecht abgesprochen wurden", so Pfarrer Worrings. Vorstand Dr. Berthold Broll ist zuversichtlich, lobte die Kommunen für ein gutes Miteinander: "Wir sind Partner." Ambulante Dienste und betreutes Wohnen ermöglichen immer mehr Menschen mit Behinderung im eigenen Heim zu leben. Der Stein am Eingang zum Schloss der Stiftung Liebenau solle zum Innehalten anregen und zum Nachdenken: "Was können wir für Menschen mit Behinderung tun und verändern?"












