(openPR) MECKENBEUREN-LIEBENAU – Am Holocaust-Gedenktag 2014 erinnerte die Stiftung Liebenau an ihre Opfer der Euthanasie. Diakon Josef H. Friedel vom Kulturkreis Meckenbeuren (Abteilung Heimatgeschichte) dokumentierte die Schicksale der ermordeten Liebenauer Bewohner. In seinem Vortrag "Dem Vergessen entrissen" berichtete er aus seinen Recherchen.
Wenn der Bus kommt
Diakon Josef H. Friedel war von 1974 bis 2002 als Heimleiter beschäftigt und im Pastoralen Dienst der Stiftung tätig. In Gesprächsrunden erinnerten sich Liebenauer Bewohner und Zeitzeugen an das Kriegsgeschehen und ihre Erfahrungen mit der Euthanasieaktion. Was sie berichteten, wurde von den ehemaligen Schwestern des Klosters Reute bestätigt oder korrigiert. Die ersten Transportbusse kamen am 1. Juli 1940 nach Liebenau. Anfangs war es noch ein Vertuschen, ein beschönigendes Verlegen in eine andere Anstalt. Aber bald war den Heimbewohnern und den Mitarbeitern klar, dass es kein Wiedersehen geben wird. "Wer steht heute auf der Liste, wer morgen?" Die Angst lastete auf den Bewohnern, auf den Schwestern, Pflegern und Verantwortlichen der Stiftung Liebenau.
Auf Lügen gebaut
512 Menschen aus der Stiftung Liebenau wurden deportiert. Den NS-Behörden genügten die Diagnosen Epilepsie, Down-Syndrom, Taubheit, Taubstummheit. Mitarbeiterin Susanne Droste-Gräff zitiert zu Beginn der Veranstaltung kommentarlos aus den zeitgeschichtlichen Dokumenten. Eine nachdenkliche Schwere legt sich auf die Zuhörer. Wie ein kalter Schauer rücken die Schicksale der Euthanasieopfer in unmittelbare Nähe. Spürbare Betroffenheit macht sich im Raum breit. Die Lebensgeschichten der Liebenauer Zeitzeugen ermutigten den Diakon zur Spurensuche. Die Liebenauer Deportierten wurden in Grafeneck (Baden-Württemberg) und in Hadamar (Hessen) ermordet. Die offiziellen Todesnachrichten weisen andere Sterbeorte aus. "Dies war Teil der amtlichen Verschleierungstaktik", erklärt Diakon Josef H. Friedel.
Namen und Würde zurückgeben
Sterbenachrichten erreichten die Stiftung über die Angehörigen und nur lückenhaft. Dies erschwerte die Recherche von Josef H. Friedel. In jahrelanger akribischer Kleinarbeit hat er die amtlichen Sterbefallmeldungen und die Elternbriefe gesammelt und gesichtet. In zwei Büchern hat er die Lebensdaten der 512 Opfer dokumentiert. "Er hat den Menschen ihren Namen und ihre Würde zurückgegeben", bestätigt Dr. Berthold Broll, Vorstand der Stiftung Liebenau. Bürgermeister Andreas Schmid schätzt Friedels Engagement: "Es ist wichtig, dass wir die Menschen, die von der Stiftung begleitet werden, wahrnehmen, dass wir nicht vergessen und Verantwortung übernehmen." Am Ende blättern Familienangehörige in den Büchern, suchen die Namen von Verwandten. Noch heute sind einzelne Schicksale ungeklärt.
Historie
Sommer 2004: "Gegen das Vergessen" – eine Ausstellung zu den Verbrechen der Euthanasie, die von der St. Gallus-Hilfe (Stiftung Liebenau) und der Gedenkstätte Grafeneck konzipiert und im Schloss Liebenau gezeigt wurde.
2004 – 2009: Diakon Josef H. Friedel, Leiter Arbeitskreis Heimatgeschichte (Kulturkreis Meckenbeuren), dokumentiert die Schicksale der Liebenauer Euthanasieopfer in einer zweibändigen Denkschrift.
September 2008: Herausgabe der Publikation "Gegen das Vergessen", eine Einordnung in die historischen Zusammenhänge von Josef H. Friedel.
Juli 2010: Die Stiftung Liebenau setzt einen Stolperstein gegen das Vergessen.













