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Auch Liebenau ist DENKort gegen das Vergessen

01.02.201319:38 UhrGesundheit & Medizin
Bild: Auch Liebenau ist DENKort gegen das Vergessen
Rund 70 Zuhörer verfolgten im Liebenauer Schloss den Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Marcus
Rund 70 Zuhörer verfolgten im Liebenauer Schloss den Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Marcus

(openPR) MECKENBEUREN/LIEBENAU – Gegen das Vergessen: Der 27. Januar ist der nationale Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. 501 Menschen aus Liebenau wurden als lebensunwertes Leben in den Jahren 1940/41 in den Gaskammern von Grafeneck und Hadamar ermordet. Die Zusammenhänge beleuchtete Prof. Dr. Wolfgang Marcus vom Denkstättenkuratorium zur NS-Dokumentation Oberschwaben in seinem Vortrag "Die Oberschwäbischen Erinnerungswege und die Stiftung Liebenau".




Zeichen setzen gegen das Vergessen

"Wir wollen Zeichen setzen gegen das Vergessen", schickte Dr. Berthold Broll, Vorstand der Stiftung Liebenau, voraus. "Wir wollen nicht nur die Geschichte aufarbeiten, sondern auch eine Kultur der Erinnerung pflegen." Nur wenige Menschenleben konnte der damalige Vorstand der Stiftung Liebenau, Josef Wilhelm, retten. Insgesamt 501 Menschen mit Behinderung aus Liebenau mussten als "geistig tote Ballastexistenzen" – so formulierten bereits im Jahr 1920 die Professoren Alfred Hoche und Karl Binding – im Laufe von zehn Transporten in die berüchtigten grauen Busse steigen. Ziel: Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Die Gaskammer: ein ehemaliger landwirtschaftlicher Schuppen. Menschen mit Behinderung waren die ersten Opfer des nationalsozialistischen Terrors.

Euthanasie in größerem Zusammenhang

Prof. Dr. Wolfgang Marcus, Initiator des Denkstättenkuratoriums und Vorsitzender des Studentenwerks Weiße Rose e. V. Weingarten, setzte in seinem Vortrag die Euthanasie an Liebenauer Menschen in einen größeren Zusammenhang. Er erinnerte an Juden, Sinti und Roma, Zwangsarbeiter und Personen mit wachem Gewissen, die zu Opfern der Nazis wurden. 56 Zwangsarbeiter seien allein in Weingarten ums Leben gekommen. "Mich bedrückt, dass ihr Lager in Rufweite zur Basilika mit ihrer Heilig-Blut-Reliquie war", so der emeritierte Philosophieprofessor der PH Weingarten. Umso mehr freue ihn, dass in Kürze eine Stolperschwelle zu ihrem Gedenken eingerichtet werde. "Das ist nur ein Beispiel, aber es zeigt, dass wir uns der Solidarität mit anderen Opfergruppen nicht entziehen sollten."

Das Gewissen des Einzelnen ist entscheidend

Während seines Vortrags nannte Prof. Marcus weitere der 60 oberschwäbischen DENKorte, die mit den Namen aufrechter Menschen verbunden sind, die sich gegen die NS-Diktatur aufgelehnt haben: In der Ravensburger Herrenstraße wird an den vierten Erzabt von Beuron, Raphael Walzer, erinnert, in Hochberg bei Bad Saulgau an den zum Tode verurteilten Pazifisten Josef Ruf, in Ostrach an den "Märtyrer des Gewissens" Reinhold Frank und in Krauchenwies an Sophie Scholl, die hier ihren Reichsarbeitsdienst verrichtete. "Wer gegen die Nazis Flagge gezeigt hat, war ein aufrechter Mensch und wusste, was damit verbunden war", sagte der 85-jährige Zeitzeuge. Entscheidend sei immer das Gewissen des Einzelnen gewesen. "Jede unsterbliche Seele eines Menschen ist es wert, dass man ihrer gedenkt."

Frühe Erinnerungsarbeit in der Stiftung Liebenau

Nach dem Motto "Vor Gott ist nicht einer vergessen" begeben sich die Mitbewahrer der oberschwäbischen Erinnerungsarbeit auf die Spuren der Opfer: Die Polenlinde in Salem, der Goldbacher Stollen in Überlingen, der KZ-Friedhof in Birnau und das KZ-Außenlager in Bad Saulgau sind weitere Beispiele. "Ich freue mich, dass die Stiftung Liebenau mit ihrer Erinnerungsarbeit vergleichsweise früh begonnen hat", so Prof. Marcus. Junge Menschen würden sich vielleicht fragen, warum erst jetzt, in der zweiten Generation nach den Ereignissen, mit der Einrichtung von DENKorten begonnen wurde. "Nach dem Krieg gab es zunächst einen Schock und viele Betroffene im Sinne einer Mitschuld." Die zweifelsfrei schuldlosen jungen Menschen würden sich auch künftig die Frage stellen müssen, wie sie an der Stelle ihrer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern gehandelt hätten.

Zivilisationsbruch auch in Oberschwaben

Prof. Marcus sprach über Biologismus – ein Auswuchs sei der "slawische Untermensch" – und über Sozialdarwinismus, der die Grundlage für die Euthanasie an Menschen mit Behinderung legte. "Danach wird der Wert eines Menschen an seiner Funktion in der Gesellschaft fest gemacht", erläutert Prof. Marcus. Der Grund, dass Grafeneck und Hadamar bereits 1941 wieder geschlossen wurden, sei darin zu sehen, dass das Personal für "wichtigere Aufgaben" gebraucht wurde. "Auschwitz, Treblinka, Dachau, Buchenwald." Prof. Marcus rief die Namen der Schreckensorte in den Raum. "Ja, auch Oberschwaben war ein Ort der Gräueltaten und des Zivilisationsbruchs."

DENKort Stiftung Liebenau

Die Stiftung Liebenau gehört zu den 60 DENKorten, die durch oberschwäbische Erinnerungswege miteinander verbunden sind. Seit 1970 gibt es in der Liebenauer Kirche einen Gedenkstein mit den Namen aller 501 Opfer. Ende der 1990er Jahre wurde im Liebenauer Schloss ein Dokumentationsraum eingerichtet und 2010 setzte die Stiftung Liebenau zwischen Haupteingang und Schloss einen so genannten „Liebenauer Stolperstein“. Die Granittafel, gesetzt auf einen Findling, nennt die Anzahl der Transporte, insgesamt zehn, und die Zahl der Ermordeten.
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