(openPR) Schwul-lesbisches Festival räumt mit falschen Vorstellungen zur Gleichberechtigung auf
Anlässlich des CSD Neujahrsempfangs haben die ehrenamtlichen Organisator/innen des Stuttgarter Christopher Street Day (CSD) am heutigen Freitag das mit Spannung erwartete Leitmotiv für das schwul-lesbische Festival im Sommer veröffentlicht. „schön wär’s!“ lautet das schlichte Motto für 2010. Zwei Worte, die es in sich haben. Denn „schön wär’s!“ soll auf überspitzte Art und Weise darauf aufmerksam machen, dass sich zwar in den vergangenen 40 Jahren der modernen Homosexuellenbewegung ohne Zweifel viel für die Gleichberechtigung von Lesben, Schwulen und Transgender getan hat, nichtsdestotrotz aber immer noch zahlreiche gesellschaftliche und politische Forderungen unerfüllt geblieben sind.
Viel hat sich seit 1969 getan...
Den Urknall für die heutigen CSD Paraden markierten die „Stonewall Inn“-Revolten im Jahr 1969 in New York. Damals ging es um die pure Sichtbarkeit von Homosexualität in der Gesellschaft. Erstmals wurde versucht, die Aufmerksamkeit der breiten Bevölkerung auf die Probleme einer zutiefst zurückgezogenen Minderheit zu lenken. Wichtige Erfolge – wie beispielsweise die Abschaffung des § 175, die Eingetragene Lebenspartnerschaft oder das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz – wurden seither hart erkämpft.
Aufgrund dieser Errungenschaften in Sachen Akzeptanz gegenüber Lesben und Schwulen herrscht innerhalb der Bevölkerung oftmals die Meinung vor, alle Forderungen wären längst erfüllt. So klingt in den nicht selten hitzigen Debatten um die schwul-lesbische Gleichberechtigung in jüngster Vergangenheit immer wieder mit: „Was soll das ganze Demonstrieren eigentlich noch? Lesben und Schwule sind doch längst gleichberechtigt...“.
... doch das Ringen um Gleichberechtigung geht weiter
„schön wär’s!“, kann Christoph Michl, Vorstand und Gesamtleiter des CSD Stuttgart, nur entgegnen und erläutert: „Auch wenn das Deutsche Grundgesetz festlegt ‚alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich‘, so trifft das gerade auf die Minderheit der Lesben, Schwulen und Transgeder mitnichten zu. Die gesetzlichen Verbesserungen der vergangenen Jahre scheinen nur oberflächlich alle Probleme für homosexuelle Menschen zu lösen – von Diskriminierungen im Alltag, der Familie oder im Beruf ganz zu schweigen.“
Auch für einige Homosexuellen selbst scheint der Sinn und Zweck eines weiteren entschiedenen Kampfes gegen Diskriminierung und für eine weitere Gleichberechtigung nicht immer klar erkennbar. Ist doch der flüchtige Kuss auf der Königstraße oder das „Ja-Wort“ in ausgewählten Standesämtern augenscheinlich möglich.
Klare Aussagen, die oftmals überraschen
Dank des diesjährigen Mottos des CSD Stuttgart wird nun mit derlei falschen Vorstellungen, Unklarheiten und Verwirrungen aufgeräumt. Typografisch auffällig gestaltete Plakatmotive in den bunten Farben des Regenbogens zeigen mit einfachen Aussagen, welche elementaren gesellschaftspolitischen Forderungen für Lesben, Schwule sowie Transgender noch in unerreichbarer Ferne liegen. Aufgelöst werden die simplen Sätze jeweils mit dem Motto „schön wär’s!“. Oftmals wird der/die Betrachter/in überrascht feststellen und sich fragen: Hoppla, ist das denn nicht bereits längst so?
Hetero-Ehe = Homo-Ehe
schön wär’s!
Schwules Paar adoptiert Kind
schön wär’s!
Kirchen segnen homosexuelle Paare
schön wär’s!
Schwule NS Opfer werden nicht verschwiegen
schön wär’s!
Homosexualität ist kein Karrierekiller
schön wär’s!
Alle Plakatmotive – versehen mit Hintergrundinformationen zu den tatsächlichen Realitäten und weiteren Forderungen – werden bis zum Sommer auf www.csd-stuttgart.de für nachhaltige Aufklärung sorgen. Einige ausgewählte Motive finden dann, rechtzeitig vor dem eigentlichen CSD im Juli, ihren Weg in der Stuttgarter Innenstadt.
Forderungen sind vielfältig
Schaut man sich Themenkomplexe wie Lebenspartnerschaft, Adoption und Antidiskriminierung genauer an, stößt man schnell auf haarsträubende Ungleichbehandlungen. Bezieht man in seine Überlegungen noch das Akzeptanz-Gefälle zwischen Stadt und Land mit ein, ergibt sich ein ernüchterndes Bild. Kratzt man an der Oberfläche, werden alte Probleme und bestehende Diskriminierungen schnell deutlich.
Nach plakativen Errungenschaften geht es mittlerweile vermehrt um kleinteiligere und vor allem ideologischere Themengebiete. Beispielsweise um ein allgemeines Adoptionsrecht für Lesben und Schwule, mit welchem eine Erweiterung des traditionellen Familienbegriffs einher geht. Daran schließt sich ein gerechtes Steuersystem an, welches über den Tellerrand der traditionellen Ehe zwischen Mann und Frau hinaus geht. Ein modernisiertes Transexuellengesetz sowie ein würdiges Erinnern an homosexuelle Geschichte, zu der auch eine Aufarbeitung der Vergangenheit der schwul-lesbischen Bewegung insgesamt gehört, liegen ebenfalls nach wie vor im Argen. Ganz zu schweigen von nachhaltiger und umfassender Aufklärung der heutigen Jugend durch eine sinnvolle Verankerung in den Lehrplänen unserer Schulen.
Weitere „schön wär’s!“ Ideen gesucht
Schnell wird deutlich, dass die Vielfalt der offenen Punkte in Sachen Gleichberechtigung immer noch sehr groß ist. Daher ist das Organisationsteam des CSD Stuttgart offen für weitere Aussagen. Ab sofort können unter
eigene Sprüche eingereicht werden, die dem Grundschema von „schön wär’s!“ entsprechen. Die interessantesten werden auf der CSD Website veröffentlicht oder finden sich vielleicht auf einem der gedruckten DIN A1 Plakate wieder.
Motto-Tradition
Auch mit „schön wär’s!“ ist der CSD Stuttgart seiner Motto-Linie der vergangenen Jahre treu geblieben: immer kurz, prägnant, deutsch, deutlich, doppeldeutig. „Ob uns das mit ‚schön wär’s!‘ erneut gelungen ist, werden wir erst im Sommer diesen Jahres wissen,“ so CSD Vorstand, Christoph Michl. „Dann haben hoffentlich alle Teilnehmer/innen der Polit-Parade sowie die Veranstalter/innen in der Programmwoche einen spannenden und kreativen Zugang zum Motto gefunden.“
Bisherige Mottos des CSD Stuttgart waren „Stuttgart ist bunt“ (2001), „Warm mit Charme“ (2002), „Vielfalt bewegt“ (2003), „Gesicht zeigen“ (2004), „Familie heute“ (2005), „Bist du auch normal?“ (2006), „Teil des Ganzen“ (2007), „Ich glaube...“ (2008) sowie „macht Mut!“ (2009).
Der CSD Stuttgart 2010 findet vom 23. Juli bis 01. August in der baden-württembergischen Landeshauptstadt statt. Die Schirmherrschaft hat die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) übernommen.






















