(openPR) Ingenieure aus dem Iran verdingen sich als Hausmeister, Ärztinnen aus Russland jobben als Putzfrauen. Der Grund: In Deutschland fehlen eindeutige und bundesweite Regelungen für die Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen. Zu diesem Ergebnis kommen die beiden Wissenschaftlerinnen Dr. Bettina Englmann und Dr. Martina Müller aus Augsburg.
In "Brain Waste – Die Anerkennung von ausländischen Qualifikationen in Deutschland" wird nun erstmals die derzeitige Anerkennungspraxis ausländischer Abschlüsse wissenschaftlich untersucht. In ihrer Pilotstudie haben die Autorinnen 230 Mitarbeiter von Anerkennungsstellen und 152 Migranten befragt, die über ihre individuellen Anerkennungserfahrungen berichteten. Demnach verfügen über 86 % der befragten Migranten über eine berufliche Qualifikation, doch nur knapp 16 % arbeiten im erlernten Beruf.
"Dass die begehrten Fachkräfte eher nach Großbritannien oder in nordeuropäische Länder einwandern, verwundert kaum. Die Arbeitsmarktdynamik, die durch den Zuzug von Migranten in Irland oder Spanien entstand, ging an Deutschland vollständig vorbei", schreiben Englmann und Müller, Mitarbeiterinnen der "Tür an Tür Integrationsprojekte gGmbH" in Augsburg, die sich im Rahmen EU-geförderter Projekte mit der Integration von Migranten beschäftigt. Erste Konsequenz aus der Studie: Künftig wird ein Internetportal Zuwanderern und Beratern Fragen rund um das Anerkennungsverfahren beantworten und zuständige Stellen benennen. Als Schlussfolgerung aus ihrer Studie formulierten Englmann/Müller zudem Standards für bundesweit einheitliche Verfahren. Das Ziel: Chancengleichheit für Migranten und eine bessere Integration in den Arbeitsmarkt.
Gerade Deutschland wäre aufgrund des demografischen Wandels und des prognostizierten Fachkräftemangels in Zukunft verstärkt auf qualifizierte Migranten angewiesen. Andere europäische Länder wie Dänemark hätten darauf schneller reagiert und ihre Integrationsprogramme reformiert – ein Schritt, der in Deutschland noch ausstehe, sagen Dr. Bettina Englmann und Dr. Martina Müller.
Hierzulande wird die Anerkennung ausländischer Abschlüsse durch zahlreiche Gesetze auf Europa-, Bundes- und Länderebene geregelt. "Entstanden ist so ein bürokratisches Labyrinth, das für Antragsteller, Arbeitsvermittler und Berater kaum überblickbar ist." Das föderale System führe hierbei zu einer Zersplitterung der Ziele und Zuständigkeiten. "Sogar wenn Bundesgesetze vorliegen, wie im Bereich der Heilberufe, werden diese durch die Länder unterschiedlich ausgelegt und angewendet." Ein Beispiel: Während in Bayern die Bezirksregierungen für die Anerkennung von Ingenieuren zuständig sind, ist dies in Sachsen-Anhalt die Aufgabe der Ingenieurskammer.
Bundesweit sind hunderte von Stellen in die Anerkennung von Abschlüssen involviert: Behörden und Bildungsministerien der Länder, Berufsorganisationen und Kammern. Ein Zustand, mit dem laut Befragung nicht nur Zuwanderer unzufrieden sind, sondern auch Mitarbeiter in den Behörden und Anerkennungsstellen. Weitere gravierender Missstand: die ungleiche Behandlung der Zuwanderer. Bislang genießen nur Spätaussiedler ein Recht auf ein Anerkennungsverfahren in allen Berufsbereichen. Andere Migrantengruppen, wie zum Beispiel jüdische Zuwanderer und andere Drittstaatsangehörige (Länder außerhalb der EU), haben weit schlechtere Voraussetzungen: Die Anerkennung ihrer im Ausland erworbenen beruflichen Ausbildung ist in Deutschland nicht vorgesehen. Gut qualifizierte Migranten, darunter auch Akademiker, werden als Ungelernte beschäftigt – und (entsprechend schlecht) bezahlt. "Je höher die Qualifikation, desto tiefer der mögliche Fall", lautet das ernüchternde Ergebnis. Die Tatsache, dass Anerkennung hierzulande weniger vom Wert der Qualifikation und mehr vom Status des Inhabers abhängt, wirkte sich auch auf die Wirtschaft negativ aus.
Die Autorinnen vermissen ein nationales Anerkennungsgesetz wie in Dänemark, das festlegt, dass nicht nur Migranten, sondern auch Arbeitgeber ein Recht auf ein Anerkennungsgutachten haben.
Die Studie ist erhältlich:
Tür an Tür Integrationsprojekte gGmbH
TP Global Competences
Werderstr. 2
86152 Augsburg
DOWNLOAD unter www.berufliche-anerkennung.de









