(openPR) Gibt es einen Zusammenhang zwischen (chronischer) Pestizidexposition und Parkinson?
Die Parkinsonsche Krankheit (Morbus Parkinson, früher nicht ganz korrekt Schüttellähmung genannt) ist eine langsam fortschreitende degenerative Erkrankung des Zentralen Nervensystems. Hauptsymptome sind Rigor (Muskelstarre), Ruhe-Tremor (Muskelzittern im Ruhezustand) und Hypokinese (Bewegungsarmut).
Die Parkinsonsche Krankheit ist die vierthäufigste neurodegenerative Erkrankung im höheren Lebensalter. 1817 erstmals beschrieben, ist sie keineswegs eine "neue Krankheit". In Deutschland sind etwa 300000 bis 400000 Menschen von dieser Krankheit betroffen. Hierbei sterben Zellen in der „Schwarzen Substanz“ (Substantia nigra) im Mittelhirn ab, die den Botenstoff Dopamin produzieren. Wissenschaftler vermuten, dass ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren erforderlich ist, um die Krankheit auszulösen. Zu diesen Faktoren gehören Alterungsprozesse, genetische Faktoren mit Einfluß auf die Entgiftungsfähigkeit des Gehirns, der (Energie)-Stoffwechsel in Verbindung mit „oxidativem Stress“ und möglicherweise auch Umweltfaktoren.
Seit dem Ende der neunziger Jahre sind Forscher immer wieder der Frage nachgegangen, ob die Exposition gegenüber Pestiziden das Risiko erhöht, an Parkinson zu erkranken.
Wissenschaftler von der Universität Leicester haben im Februar 2006 die bisher vorliegenden knapp 40 Fall-Kontroll-Studien gesichtet und bewertet. Sie kommen zu dem Schluss, dass "eine solche Assoziation beobachtet wird, dass jedoch ein ursächlicher Zusammenhang nicht bewiesen ist" (T. Brown und Mitarbeiter 2006).
Im Juni 2006 hat Alberto Ascherio von der Harvard School of Public Health in Boston (USA) die Ergebnisse seines Forscherteams zu dieser Fragestellung veröffentlicht. In einer sogenannten Kohortenstudie wurden 143 325 Personen befragt, von denen 413 im Verlaufe der vergangenen knapp 10 Jahre an der Parkinsonschen Krankheit erkrankt waren. In der Studie wurde geprüft, ob die Erkrankten häufiger als Nichterkrankte bestimmten Umweltschadstoffen wie Asbest, Stäube, Chemikalien, Säuren, Lösemitteln oder Pestiziden ausgesetzt waren. Die Auswertung ergab, dass für pestizidexponierte Personen das Risiko um etwa 70% erhöht war, an Parkinson zu erkranken. Für die anderen genannten Stoffe wurde ein solcher Zusammenhang nicht beobachtet.
Vor wenigen Monaten erschien eine Studie des amerikanischen Forscherteams um Freya Kamel (Research Triangle Park, North Carolina) zur Häufigkeit der Parkinsonschen Krankheit bei Personen, die beruflich oder privat Pestizide – meist im landwirtschaftlichen Zusammenhang – angewendet hatten. Hierzu wurden Daten der „Agricultural Health Study“ ausgewertet. Die Analyse ergab einen statistischen Zusammenhang zwischen der Zahl neu aufgetretener Parkinsonfälle und einer früheren Pestizidanwendung. Zwischen der Gesamtzahl aller Parkinsonpatienten und einer Pestizidanwendung wurde kein Zusammenhang beobachtet.
Diese beiden Studien sind – zu unterschiedlichen Zeiten - auf erhebliches Medieninteresse gestoßen, hauptsächlich im Kontext mit aktuellen Berichten über Pestizidspuren in Obst und Gemüse und der Diskussion um Rückstandshöchstmengen.
Wie sind diese beiden Studien zu bewerten?
Beide Studien umfassen ein großes Personenkollektiv und eine hohe Fallzahl. Sie wurden an renommierten Forschungseinrichtungen durchgeführt. Ihr Ergebnis stützt zunächst die eingangs genannte Hypothese.
Beide Studie erbringen jedoch keinen Beweis dafür, dass Pestizide ursächlich am Entstehen der Parkinsonschen Krankheit beteiligt sind. Grundsätzlich können bevölkerungsbezogene Studien zwar Hypothesen (Vermutungen) generieren, sie können aber nicht beweisen, dass im gegebenen Fall ein ursächlicher Zusammenhang besteht.
Diese Sichtweise kommt auch in der Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) vom Juni 2006 zum Ausdruck.
In der Ascherio-Studie wurde nicht zwischen einer beruflichen Pestizidexposition (beispielsweise als Landwirt) und einer privaten Anwendung unterschieden. Daten zur Höhe einer möglichen Pestizidbelastung und zur Häufigkeit der Anwendung liegen nicht vor. Daher kann keine Dosis-Wirkungs-Beziehung ermittelt werden, die die Vermutung eines ursächlichen Zusammenhangs gestützt hätte.
Der Begriff "Pestizide" umfasst viele hundert Einzelstoffe unterschiedlicher chemischer Struktur und unterschiedlicher Wirkmechanismen. Dies fand in der Ascherio-Studie keine Berücksichtigung.
Fazit: Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Pestiziden und Parkinson ist mit den Studien nicht bewiesen worden. Möglicherweise führen die Ergebnisse jedoch zu neuen Forschungsansätzen.
Viele wichtige Fragen, z. B. nach dem Wirkmechanismus und einer Dosis-Wirkungs-Beziehung und damit der biologischen Plausibilität sind weiterhin offen.
Die in den Studien untersuchte berufliche und private (vergleichsweise hohe) Belastung mit Pestiziden ist mit der (niedrigen) Exposition der deutschen Bevölkerung durch Pestizidrückstände in Lebensmitteln nicht vergleichbar. Dies sollte in Diskussionen zur Lebensmittelsicherheit und zum Verbraucherschutz bedacht werden.
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