(openPR)
Das deutsche Pflegesystem ruht auf einem unsichtbaren, aber existenziell bedeutsamen Fundament: der unbezahlten, meist von Frauen geleisteten Pflege durch Angehörige. Wird dieses Fundament nicht an die Realitäten des 21. Jahrhunderts angepasst, wird es in absehbarer Zeit nicht mehr tragfähig sein.
„Wir steuern sehenden Auges auf eine Versorgungslücke zu, die wir uns gesellschaftlich nicht leisten können“, sagt Brigitte Bührlen, Vorsitzende der Wir! Stiftung pflegender Angehöriger. „Wenn immer weniger Menschen immer mehr Pflege leisten sollen, bricht das System zwangsläufig zusammen.“
Reform des Subsidiaritätsprinzips notwendig
Über der Angehörigenpflege liegt ein gesellschaftliches und politisches Tabu: Sie wird seit Jahrzehnten stillschweigend als moralische Pflicht und selbstverständliche Familiensache betrachtet, neben Beruf, Familie und eigener Lebensplanung ohne klaren rechtlichen Rahmen.
Diese Haltung basiert maßgeblich auf dem Subsidiaritätsprinzip ("erst die Familie, dann der Staat"), das heute kaum noch hinterfragt wird.
Das Familienbild der Bismarck-Ära, ein erwerbstätiger Vater, eine versorgende und pflegende Mutter, entspricht längst nicht mehr der Realität von Singlehaushalten, Patchwork-Familien, niedrigen Geburtenraten, berufstätigen Frauen und räumlicher Distanz.
Die Wir! Stiftung pflegender Angehöriger stellt deshalb die zentrale Frage:
Wer wird künftig pflegen in einer Gesellschaft mit immer weniger potenziellen Pflegenden und gleichzeitig steigender Pflegebedürftigkeit.
Komplexität und Realität der Pflege
Rund 5 Millionen Pflegepersonen sind offiziell registriert. Viele weitere pflegende Angehörige jeden Alters bleiben jedoch statistisch unsichtbar trotz gleicher Belastung und gleicher Leistung.
Studien schätzen insgesamt etwa 7,1 Millionen informell Pflegende, deren Beitrag einem jährlichen Gegenwert von mehreren hundert Milliarden Euro entspricht. Für vier von fünf Pflegebedürftigen
jeden Alters übernehmen Angehörige die Hauptpflege und entlasten damit das Pflegesystem erheblich -sowohl personell als auch finanziell.
Die Belastungen sind vielfältig:
- Kinder und Jugendliche übernehmen Pflegeaufgaben oft ohne Unterstützung mit Folgen für psychische Gesundheit, schulische Leistungen und Berufsweg.
- Berufstätige Pflegende stehen unter erheblichem Druck, Pflege und Erwerbsarbeit zu vereinbaren, was häufig verbunden ist mit Karriereeinbußen oder -abbrüchen.
- Der Genderaspekt ist zentral: Frauen leisten rund 60-70% der Pflege – zusätzlich zu Beruf und Familie.
Kernforderungen der Wir! Stiftung pflegender Angehöriger:
- Rechtliche Verankerung der Angehörigenpflege als eigenständiger Bereich im Pflegesystem
- Klare gesetzliche Definition der Rolle pflegender Angehöriger inklusive Tätigkeitsbeschreibung
- Finanzieller Leistungsausgleich sowie Rentenansprüche, die Pflegezeiten vollständig berücksichtigen.
- Einrichtung kommunaler Pflegebeiräte für praxisnahe, bedarfsorientierte Entscheidungen vor Ort.
- Verbindliche Mitbestimmung pflegender Angehöriger und Pflegebedürftiger in Gremien: "Nichts über uns, ohne uns".
Pflege neu denken
„Pflege darf nicht länger als private Aufgabe einzelner Familien behandelt werden“, betont Bührlen. „Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung – und muss endlich auch so organisiert und getragen werden.“
Die starke Abhängigkeit von pflegenden Angehörigen ist angesichts der hohen Belastungen für Kinder, berufstätige Pflegende und insbesondere Frauen weder nachhaltig noch gerecht. Obwohl Angehörigenpflege auf freiwilliger Fürsorge beruht und rechtlich nicht verpflichtend ist, trägt sie den größten Teil der Versorgung. Um dieser Realität auch künftig gerecht zu werden, braucht es eine klare rechtliche Anerkennung, verlässliche finanzielle Absicherung sowie echte Mitbestimmung pflegender Angehöriger. Nur durch eine breitere Verteilung der Verantwortung und eine strukturelle Neuausrichtung kann Pflege insgesamt zukunftsfähig gestaltet werden.
Pflege gelingt nur gemeinsam - nicht allein












