(openPR) Wenn man in Mensen nur Salat essen kann, nicht nur von Mitschülern, sondern auch von Lehrern gemobbt, teils sogar mit Wurst beworfen wird und auch zuhause nur auf Unverständnis stößt und jeder darauf wartet, dass diese „Phase“ bald zu Ende geht, wenn man regelmäßig mit Kommentaren wie „auch Pflanzen wollen leben“ konfrontiert wird und völlig abgemagert ist, wenn jeder um einen herum nur noch über leckeren Schweinebraten spricht und man bald sterben wird – dann lebt man wohl vegan.
Was hier ein wenig überspitzt zusammengefasst wurde, ist das Ergebnis der Studie „Veganismus – Umgang mit Vorurteilen“ an der bisher 35 Teilnehmer, aus Deutschland und Österreich teilgenommen haben. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei allen dafür bedanken. Ich studiere Realschullehramt an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe und habe in erster Linie nach vegan/vegetarisch lebenden Kindern und Jugendlichen gesucht und sie befragt, wie es ihnen in der Gesellschaft – vor allem an Schulen – mit ihrer Lebensweise ergeht. Ein Drittel der Befragten ist zwischen 16 und 17 Jahre alt, der Jüngste 10 und der Älteste 43.
Die gängigsten genannten Vorurteile lauten „vegane Ernährung macht krank“ durch „Mangelerscheinungen“, „man kann praktisch nichts mehr essen“, „Menschen haben schon immer Fleisch gegessen“, „die Tiere sterben sowieso – man kann mit seiner Lebensweise nichts daran ändern“ außerdem noch „für Eier und Milch werden keine Tiere umgebracht“ und „Veganer sind Spinner“ bzw. „religiöse Fanatiker“, daneben gibt es noch „als Graßfresser frisst man den Kühen das Futter weg“, „Veganer sind Lügner (was sie beispielsweise über Tiertransporte erzählen stimmt nicht)“ und „veganes Essen ist langweilig und schmeck nicht“. Synonym für Veganer wird „Körnerfresser“ verwendet, vegan sei der Inbegriff für „Genussverzicht“ und „Vegetarier essen Fisch“. Diese Liste lässt sich endlos weiterführen. Folgende Aussage hat mich jedoch verblüfft: „wenn wir die Tiere nicht essen würden, dann würden sie uns essen“ – und dabei denke ich an Kühe, Schweine, Hühner und Fische. Wie soll man auf eine solche Aussage angemessen reagieren?
Die Teilnehmer sind fast einstimmig der Meinung, dass sie sich nur auf ein Gespräch einlassen, wenn sie einen Sinn dahinter sehen und ein Interesse des Gegenübers verspüren, ansonsten ignorieren sie das Gesagte. Schritt für Schritt versuchen sie dann dem Fragenden argumentativ mit Fakten zu begegnen (beispielsweise dass in Wurst mehr Zutaten stecken als in Tofu oder die Auswirkungen des Konsums von Tierprodukten), denn im Prinzip kann man jedes Vorurteil widerlegen. Und dazu verfügen sie meist über ein großes Wissen, wohingegen ihr Gegenüber schnell eine Art Unterlegenheit verspürt. Haben sie gewusst, dass die meisten Fleischesser nur sehr selten Fleisch essen und wenn, dann nur zu Bioqualität greifen? Das zumindest sagen Omnivore, wenn sie glauben, sich rechtfertigen zu müssen – die Zahlen allerdings sprechen eine andere Sprache. Teilweise wissen sie nicht einmal, was „vegan“ bedeutet.
Die Tierrechtler klären außerdem mit ihren persönlichen Beweggründen vegan zu leben auf, ohne dem anderen ihre Meinung aufzuzwängen und diesen lediglich zum Nachdenken zu bewegen. Dafür verwenden sie teils Filme und Flyer oder laden einen Tierschutzlehrer in den Unterricht ein. „Ich informiere sie hauptsächlich über die Umstände, in denen ein Tier leben muss, um sie in den Genuss von Fleisch zu bringen“, sagt eine 17-jährige Teilnehmerin. Ansonsten geht jeder anders mit Vorurteilen um. Der eine zieht sein T-Shirt aus, um zu demonstrieren, dass er mehr als nur Körner isst und der andere lebt schon so lange vegan, dass keiner seiner Bekannten mehr ernsthaft daran fest hält, dass Veganismus krankt macht. Manche sind außerdem in einer Tierrechtsgruppe aktiv, tragen T-Shirts mit veganen Botschaften oder leben Veganismus einfach „nur“ vor. Gemeinsam ist ihnen, dass jeder einzelne als Mensch akzeptiert werden will.
Da immer wieder dieselben Vorurteile auftauchen und sich Veganer/Vegetarier immer wieder ähnlich rechtfertigen, fühlen sich manche mit der Zeit genervt. Enttäuscht sind manche dann, wenn sie etwas zu Essen mitbringen und ihre Bekannten nicht mal kosten wollen oder stets sagen, dass es nicht schmecken würde, obwohl sie es essen würden, wenn man ihnen nicht sagen würde, dass es vegan ist, wie viele festgestellt haben. Manche glauben, dass sie mit der Zeit ein stärkeres Selbstbewusstsein erhalten, weil sie sich immer wieder gegen eine Mehrheit behaupten müssen. Sie haben sich bewusst, aus Solidarität gegenüber den Tieren, entschieden, vegan zu leben und daraus schöpfen sie immer wieder neue Kraft um durchzuhalten. Ist es nicht unfair, dass sich Veganer überall für ihre Lebensweise rechtfertigen sollen und man ihnen dann nicht mal richtig zuhört und von fehlender Toleranz redet, wenn man sich im Gegenzug selbst rechtfertigen soll, warum man tierische Produkte konsumiert? So wie sich ein Kriegsdienstverweigerer rechtfertigen muss und nicht ein Soldat. Verrückte Welt…
Dass es beim Veganismus/Vegetarismus nicht nur um eine Phase geht, sieht man daran, dass manche bereits seit zwölf Jahren vegan leben und auch ihre Kinder, sofern sie überhaupt welche wollen, dementsprechend „erziehen“ würden oder das bereits tun. Sofern der Partner einverstanden ist und bis das Kind selbst entscheiden kann. Den Hauptgrund, warum jemand wieder anfängt, tierische Produkte zu konsumieren, sehen die meisten darin, dass man die Ausgrenzung nicht mehr erträgt.
Interessant ist, dass die meisten der Befragten selbst keine Vorurteile hatten, bevor sie Vegetarier wurden, aber teilweise dieselben Vorurteile gegenüber Veganismus haben, wie Omnivore. Warum machen sie es nicht wie der 17-jährige Realschüler: „Ich hatte nur ein paar gesundheitliche Bedenken gegenüber Veganismus, die sich aber sehr schnell in Luft auflösten, nachdem ich mich informiert hatte.“ Andere wissen schon jetzt, dass sie spätestens wenn sie von Zuhause ausgezogen sind, vegan leben werden.
Veganismus wird in der Regel überhaupt nicht an Schulen thematisiert und wenn, dann meist nur auf Initiative Einzelner und dann schneiden Vegetarismus und Veganismus eher schlecht ab. Wird an Schulen gekocht, dann meistens nicht mal vegetarisch. Dabei lassen sich Themen wie „Tiertransporte“, „haben Tiere eine Würde?“, „Welthungerproblem“, „Umweltverschmutzung“ oder „gesunde Ernährung“ ganz leicht in Fächer wie Biologie, Ethik bzw. Religion integrieren.
Ausgrenzung geschieht vor allem da, wo es ums Essen geht – am Kiosk, in der Mensa, bei Klassenfahrten und Veranstaltungen. Eine 14-Jährige fragt daher: "Haben Leute denn nur Qualprodukte im Haus?" In der Regel müssen sich Veganer/Vegetarier selbst um ihre Verpflegung kümmern. So werden sie automatisch in eine Außenseiterrolle gedrängt und stigmatisiert, obwohl es „für fast alles Alternativen gibt“ – Vorurteile wie „vegan leben ist nicht gesellschaftsfähig“ bleiben dadurch bestehen. Aber auch wenn es nicht ums Essen geht, finden Benachteiligungen statt. Zum Beispiel wenn man sich weigert in Biologie ein Gehirn zu sezieren und dafür die Note sechs erhält. Wenn ich dann noch Zeilen wie diese lese: „[ich fühle mich] sozial ausgegrenzt, obwohl ich niemanden bekehrt habe“, also schon die bloße Anwesenheit als störend empfunden wird, dann stimmt mich das traurig. Folgende Aktion einer Schülerin sucht nach Nachfolgern: Sie hat so lange ein Shirt mit der Aufschrift „Ich bin für mehr vegetarisches und veganes essen am Büfett“ getragen, bis sie ihren Willen bekommen hat.
Die 13. Frage lautet: „Was sollte verändert werden (vor allem an Schulen), damit ihr euch in der Gesellschaft „wohler“ fühlt?“ Nicht nur in Schulen sollte es ein Angebot an veganem/vegetarischem Essen geben, inklusive einer Kennzeichnungspflicht, was Allergikern wiederum zugute kommen würde. Das Thema „Tierrechte“ gehöre in den Lehrplan und solle in Fächern wie Biologie, Ethik und Religion zur Sprache kommen, um beispielsweise über Massentierhaltung aufzuklären. „Es fehlt an einer grundlegenden Aufklärung, von Kindergärten bis Hochschulen“, meint eine Veganerin, die selbst ihre Haustiere vegan ernährt. Dass Schüler aufgrund ihrer Lebensweise gehänselt werden, sollte unterbunden werden und Ausflüge müssten zu Schlachthäusern anstatt zu Zoos gemacht werden. Veganismus/Vegetarismus sollte ein Teil der Kochausbildung werden. Außerdem sollte man die Ernährungspyramide aktualisieren und Subventionen in der Viehwirtschaft überdenken. Das ein oder andere könnte schon heute verändert werden!
Wer offen bleibt und sich nicht verschließt, erkennt vielleicht, dass sein bisheriges Leben voller Widersprüche ist. Es gilt im Folgenden Vorurteile zu überwinden und eventuell stimmen sie dann der 19-jährigen Veganerin zu: „Wenn man soviel Tierleid sieht, will man es eh nicht mehr essen!“ Denken sie darüber nach.
Weitere Informationen sowie kostenlose Starterkits zum Veganismus erhalten sie unter: http://www.v-heft.de
Silke Bott, Tierschutzlehrerin
http://www.tierschutz-im-unterricht.de
Gerne können sie weiterhin an der Studie teilnehmen, kontaktieren sie mich bitte (












