(openPR) „Sein oder Nichtsein“ in Afghanistan
Berlin (28.10.2006). Saisongerecht entrüstet sich die „Bild“ über brutale Bilder eines Krieges und druckt verkaufsfördernd Fotos einiger moralisch weggetretener Bundeswehr-Soldaten. Es liegt auf der Hand, dass hier keine berühmte Tragödie von William Shakespeare open-air geprobt und aufgeführt oder re-importiertes Brauchtum aus der Neuen Welt gepflegt wird.
Vermeintliche Elitesoldaten, die sich in spätpubertärem Macho-Gehabe mit menschlichen Überresten drapieren, sind aber nicht das eigentliche Problem, sondern ein widerliches Symptom einer Fehlentwicklung!
Nach eigenen Angaben der Bundeswehr * 1 unterstützt die „International Security Assistance Force“ (ISAF) auf Basis eines UN-Mandates die afghanische Regierung bei „der Herstellung und Wahrung der inneren Sicherheit und der Menschenrechte“. „Das Parlament“ (Nr. 38 / 18.09.2006) beruft sich auf die Bundesregierung, die die Kosten des deutschen ISAF-Einsatzes in diesem Haushaltsjahr auf rund 460 Millionen Euro beziffere. Sorge bereite der stark zunehmende Opiumanbau in Afghanistan - so sei in diesem Jahr bislang mit 6.100 Tonnen mehr als doppelt so viel wie 2005 geerntet worden. Während sich die staatliche Gewalt z.B. in Vorpommern faktisch zurückzieht und rechtsextremistischen Kreisen die Ausbreitung gestattet, schallt Außenminister Steinmeiers Appell im Bundestag: „Afghanistan ist nur dann verloren, wenn wir es aufgeben.“ * 2
Das in diesen Tagen in die Schlagzeilen geratene „Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr“ (KSK) wiederum soll seit 2001 in Afghanistan „Jagd auf Terroristen“ (www.spiegel.de vom 20.10.2006) machen. Einzelheiten über die Kampfhandlungen werden kaum publik.
In der öffentlichen Wahrnehmung werden nun ganz sicher ISAF-Einsatz und die KSK-Eskapaden in einem Zusammenhang gesehen. Allen Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten, die täglich ihren eigenen Kopf hinhalten und ihren Dienst mit hoher Disziplin und Einsatzbereitschaft verrichten, muss unsere Sorge und unser Mitgefühl gelten. Bundesregierung und Bundestag hingegen sind folgende Fragen zu stellen:
1. Wenn die Kämpfe in Afghanistan seit 2001 andauern, muss der Gegner ja geradezu übermächtig sein... Wer finanziert diesen eigentlich? Macht sich der Westen nicht lächerlich, wenn eine Finanzquelle, nämlich die Mohnfelder, die laut UN-Büro für Drogen und Kriminalität in Kabul die Basis von 92 Prozent der weltweiten Produktion an Roh-Opium ausmachen, weitgehend unangetastet bleibt?
2. In der Geschichte ist es bisher niemandem geglückt, Afghanistan zu befrieden – s. Debakel der Briten im 19. und der Sowjets im 20. Jahrhundert. Worauf gründet denn jetzt die Hoffnung, es besser zu machen? Man könnte Afghanistan natürlich mit Segnungen wie Rundfunkgebühren auf Internet-PCs oder Dosenpfand schwächen und ruhig stellen. Im Ernst: Afghanistan ist noch nicht einmal im Agrarzeitalter angekommen; jeder Versuch es in das 21. Jahrhundert katapultieren zu wollen wird scheitern. Zudem bleibt offen, wie attraktiv und nachhaltig unser eigener Entwicklungsstand überhaupt ist.
3. Jeder Aktionismus ohne Zieldefinition und Exitkonzept ist fatal. So fragwürdig der militärische Einsatz zur Zeit ist, wäre ein überstürzter Abzug katastrophal! Was aber, wenn deutsche Soldaten in großer Zahl im Frachtraum ihre letzte Heimreise antreten? Politische Irrtümer und Opfer der Vergangenheit kann niemand ungeschehen machen – aber man sollte doch aus der Geschichte lernen und nicht wieder in einen Teufelskreis geraten!
Die Stärke des Westens ist es, Selbstkritik zu üben und rechtzeitig mit Augenmaß und Nachdruck dem Irrsinn im eigenen Lande wir anderenorts zu begegnen. Verraten EU und NATO ihre eigenen nach blutigen Jahrhunderten gewonnenen Grundüberzeugungen, schwächen wir uns selbst – Gegner, die unsere Spielregeln niemals akzeptieren werden, haben dann leichtes Spiel!
*1 http://www.einsatz.bundeswehr.de/C1256F1D0022A5C2/CurrentBaseLink/W265HK9Y385INFODE
*2 FTD vom 29.09.2006
Dirk Pinnow c/o
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