openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Streik der Pflegekräfte in der Charitè – ein ethisches Problem?

12.09.200608:37 UhrGesundheit & Medizin

(openPR) In Zeiten einer allgemeinen Wertediskussion über fundamentale Fragen in unserer säkularisierten Gesellschaft scheint es in Mode zu kommen, die Ethik als Supergrundrechtsschranke einführen zu wollen.

Jüngstes Anwendungsbeispiel war der öffentlichkeitswirksame Ärztestreik des Marburger Bundes.


Heerscharen von bereichsspezifischen Berufsethikern, gekennzeichnet durch einen beachtlichen Missionierungseifer und insbesondere dem Gemeinwohl aller Beschäftigten in einem Krankenhaus (scheinbar) verpflichteten Gewerkschaftsvertreter versuchten mit mehr oder minder gehaltvollen Statements in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, als sei die in dem Marburger Bund organisierte Ärzteschaft nur darauf aus, gruppenegoistische Ziele zu verfolgen. Es wird ein Bedrohungsszenario skizziert und andere Professionen und ihre Verbände, namentlich die der Kranken- und Altenpflege, versuchen in der Gunst der Stunde, sich endgültig dem ärztlichen Primat entziehen zu können.

Mit vereinigten Kräften wurde in aller Öffentlichkeit gegen den Marburger Bund „Klage“ geführt, gehe es doch im Kern darum, dass die Ärzte völlig utopische Streikziele verfolgen und im übrigen eindringlich daran erinnert werden müssen, dass sie einem besonderen Berufsethos verpflichtet sind. Es wurde der Eindruck in der interessierten Öffentlichkeit geschürt, als würde die Ärzte eine Verletzung der Patienteninteressen „billigend in Kauf“ nehmen.

Was dürfen wir von solchen Szenarien halten und mehr noch, künftig erwarten?

Etwa die „drohende Zersplitterung der Tariflandschaft in Deutschland“, die „drohende Kluft“ zwischen den im Krankenhaus beschäftigten Arbeitnehmern und noch gravierender, die ethische Verrohung unserer Ärzte, da das „Vermeiden sinnlosen Leidens“ als ethisches Leitideal den Streikenden Grenzen zu setzen vermag?

Aus der Perspektive des richterrechtlich ausgeformten Arbeitskampfrechtes und der grundrechtlich verbürgten Koalitionsfreiheit einschließlich ihrer Betätigungsformen in unserer Verfassung durfte sich der Marburger Bund auf der ganz sicheren Seite wissen: Auch ein Streik der Ärzte ist nicht nur legitim, sondern vor allem legal! Dies ist völlig unbestritten und solange aufgrund der Drittwirkung der Streikaktionen die Rechte Dritter durch die Einrichtung eines ärztlichen Notdienstdienstes gewahrt bleiben, obliegt es allein in dem Ermessen der Tarifpartner, über den Beginn, den Verlauf und das Ende eines Streiks zu befinden.

Es darf unterstellt werden, dass dies den Gewerkschaften und den von einem besonderen Missionierungseifer „geplagten“ Berufsethikern durchaus bewusst ist, so dass sich die nähere Frage anschließt, was denn nun die näheren Beweggründe der Antagonisten des Ärztestreiks waren sind, gegen den Ärztestreik „Front“ zu machen?

Eine konkrete Antwort muss ich hier schuldig bleiben, schon allein deswegen, um sich nicht dem Vorwurf der Spekulation über die wahren Motive aussetzen zu müssen.

Andererseits ist allseits bekannt, dass unserem Gesundheitssystem durch verschiedene Experten eine ökonomische Krise bescheinigt wird. Geht es also bei den begrenzten Ressourcen auch um „Verteilungskämpfe“? Führt es also tatsächlich dazu, dass wenn und soweit sich die Ärzte mit ihren tarifpolitischen Forderungen durchsetzen, dies auf „Kosten der Pflegenden“ geschieht? Und wenn dem so ist, verhält sich dann nicht die Ärztegewerkschaft MB „egoistisch“? Und wenn dann noch die Patienteninteressen in ethisch bedenklicher Weise berührt werden, sollten wir dann nicht lieber den Streik verbieten? Oder geht es im Kern (auch) um einen „machtpolitischen Kampf“ zweier Gewerkschaften?

Fragen, bei denen sich die Antworten förmlich aufdrängen und es erscheint mir problematisch und moralisch fragwürdig, wenn sich die ehemaligen Streikgegner in der Öffentlichkeit in einem Gewande präsentieren, das mit dem ethischen Geist des ehrwürdigen Hippokratis ummantelt ist, obgleich unter dem Gewande der Streikgegner die mangelnde Toleranz und der vielgescholtene (vermeintliche) Egoismus (der Ärzte) selber hervorquillt und daher Assoziationen an das Emissionsschutzgesetz wach werden lässt.

Wir sollten darauf bedacht sein, nicht der Doppelmoral der Streikgegner zu erliegen, da es eine Fülle von Beispielen gibt, wo gerade die renommierten Gewerkschaften gerne an das „Streikrecht als ein Grundrecht“ auch für die Pflegenden erinnern, ohne hierbei jemals an die Interessen der Ärzteschaft gedacht zu haben. Nur wenige Wochen nach dem Ärztestreik schickt sich nunmehr ver.di an, ebenfalls einen Streik mit den Pflegenden durchzuführen. Es ist nicht damit zu rechnen, dass dann die ehemaligen Gegner des Ärztestreiks Front gegen ver.di machen.

Unerträglich hingegen ist es, wenn in der Debatte Ethiker meinen, eine grundrechtliche Schranke für die Koalitionsbetätigungsfreiheit einführen zu wollen. Hier wird kurzerhand die Ethik marginalisiert und zur „kleinen Münze geschlagen“, wie es in der Fachliteratur zu Recht auch im Zusammenhang mit der unreflektierten Ingebrauchnahme des Menschenwürdearguments behauptet und an zahlreichen Fällen dokumentiert wird. Hier sei den von einem nicht nachvollziehbaren Missionierungseifer beseelten, gleich instrumentalisierten Berufsethikern und im Zweifel Hobbyphilosophen ein Blick in die einschlägigen Kommentierungen des GG und der Rechtsprechung des BAG und des BVerfG empfohlen; dann wird sich schnell die „Spreu vom Weizen trennen“ und die „ethischen Bedenken“ gegen den Ärztestreik werden als ein „Blick in den schier grenzenlosen Kosmos einer Glaskugel“ zu enttarnen sein.

Lutz Barth

(vgl. dazu weiter unter Rubrik Aktuelles: http://www.iqb-info.de)

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 99600
 123

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Streik der Pflegekräfte in der Charitè – ein ethisches Problem?“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von IQB - Medizin-, Pflege- und Psychiatrierecht - Lutz Barth

Bild: Wir sollen nicht sterben wollenBild: Wir sollen nicht sterben wollen
Wir sollen nicht sterben wollen
Der „Diskurs“ (?) über das frei verantwortliche Sterben eines schwersterkrankten und sterbenden Menschen ist nach wie vor nicht nur soziologisch unterbelichtet, sondern zeichnet sich insbesondere durch Glaubensbotschaften der selbsternannten „Oberethiker“ und deren „Geschwätzigkeit“ aus. „Lebensschützer“ meinen zu wissen, was die Schwersterkrankten und Sterbenden wünschen und welcher Hilfe diese am Ende ihres sich neigenden Lebens bedürfen. Mit Verlaub: Es reicht nicht zu, stets die Meinungsumfragen zu kritisieren, in denen die Mehrheit der…
Bild: Sterbehilfedebatte - Der Kreis der ethischen Überzeugungstäter ist überschaubarBild: Sterbehilfedebatte - Der Kreis der ethischen Überzeugungstäter ist überschaubar
Sterbehilfedebatte - Der Kreis der ethischen Überzeugungstäter ist überschaubar
Es scheint an der Zeit, in einer hoch emotionalisierten Debatte „Ross und Reiter“ zu benennen, die sich fortwährend um den „Lebensschutz“ scheinbar verdienstbar gemacht haben und unbeirrt auf ihrer selbst auferlegten Mission fortschreiten. Einige politisch Verantwortlichen sind gewillt, die „Sterbehilfe“ gesetzlich zu regeln und wie es scheint, besteht das Ziel in einer strikten Verbotsregelung. Auffällig ist, dass es sich um eine handverlesene Schar von Ethiker, Ärztefunktionären, freilich auch Theologen und Mediziner handelt, bei denen ber…

Das könnte Sie auch interessieren:

Bild: Stromräder helfen beim StreikBild: Stromräder helfen beim Streik
Stromräder helfen beim Streik
Die SSB streikt in Stuttgart! Am Anfang der zweiten Oktoberwoche ist die Stadt ohne Busse und Stadtbahnen! Für viele Pendler ein Problem, dass nur durch Benutzung des Autos lösbar erscheint, um zur Arbeitsstelle zu kommen. Wie erwartet hat sich das Verkehrschaos am Montag eingestellt. Aber es gibt eine clevere Alternative um dem Chaos zu entgehen: Miete …
Bild: UKD will Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch kürzere Schichtzeiten entlastenBild: UKD will Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch kürzere Schichtzeiten entlasten
UKD will Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch kürzere Schichtzeiten entlasten
… jetzt gibt es ein solches Angebot in Teilen der Klinik, das auch bei den Patientinnen und Patienten sehr gut ankommt. Die Rückmeldungen der Pflegekräfte sind ebenfalls durchweg positiv, eine Entlastung bereits spürbar. Diese Umstellung soll 2018 intensiv fortgeführt werden. Initiativen auf Bundesebene wichtig Ausdrücklich begrüßt Prof. Dr. Klaus Höffken …
Bild: Erneuter Streik an der LahnBild: Erneuter Streik an der Lahn
Erneuter Streik an der Lahn
Ab Mittwoch, 21.08.2013 wird unbefristet an Lahn und Mosel gestreikt, um gegen die unsinnige und kostspielige Reform der WSV, verbunden mit der möglichen Schließung der Lahn und gegen den von der Politik unüberlegten Stellenabbau zu protestieren. Man möchte Solidarität bekunden für die Kollegen an Mosel und anderswo. In Ordnung! Kommentar der PROLAHN: Wen …
Gewalt ist kein Thema, das allein die Pflege betrifft
Gewalt ist kein Thema, das allein die Pflege betrifft
… Pflegeeinrichtungen“ (Kunz Verlag, Schlütersche Buchreihe). - http://www.wernerschell.de/Buchtipps/100_fragen_zum_umgang_mit_maengeln_in_pflegeeinrichtungen.php - Wir brauchen nicht mehr Prüfungen und Druck auf die Pflegekräfte. Wir brauchen mehr Pflegekräfte mit guten Arbeitsbedingungen und höheren Vergütungen. Die wahre Ursache für die vielfach beklagten …
Vortrag  „Proteomics“ in Veranstaltungsreihe „Bioinformatics meets Life Science“ in Berlin
Vortrag „Proteomics“ in Veranstaltungsreihe „Bioinformatics meets Life Science“ in Berlin
… Beispiele aus diesem umfassenden Thema. Neuste Ergebnisse werden jetzt im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Bioinformatics meets Life Science“ am 08.06.2007, 14 Uhr an der Charitè (Langenbeck-Virchow-Haus) in Berlin präsentiert. Namhafte Wissenschaftler wie Dr. Katy Raddatz (MDC) und Sandra Techritz aus der Arbeitsgruppe von Prof. Schülke (Charitè) werden …
Kindergartengebühren bei anhaltendem Streik zahlen?
Kindergartengebühren bei anhaltendem Streik zahlen?
… Folgemonate die Zahlungen bis zur Wiederaufnahme des Kindergartenbetriebes einstellen, oder ob sie darauf hoffen, dass Versprechungen und Ankündigungen von sich aus das Problem lösen werden. Der Autor, selbst betroffen, wird die bereits geleisteten Kindergartengebühren anteilig erstattet verlangen und die laufenden Zahlungen einstellen. Er wird einen Brief …
Rechte und Pflichten im Arbeitskampf
Rechte und Pflichten im Arbeitskampf
Was bei Streiks zu beachten ist Köln, 18. September 2014: Momentan ist er wieder in aller Munde: der Arbeitskampf. Aktuell rufen die Vereinigung Cockpit und die Lokführer-Gewerkschaft GDL ihre Mitglieder auf, die Unternehmen Lufthansa und Deutsche Bahn zu bestreiken. Die Folgen für die Bürger in Form von Verspätungen und Ausfällen von Zügen und Flügen …
Bild: Hannelore Schleyer stellt in der Galerie Artodrome Berlin ihre Acrylbilder aus.Bild: Hannelore Schleyer stellt in der Galerie Artodrome Berlin ihre Acrylbilder aus.
Hannelore Schleyer stellt in der Galerie Artodrome Berlin ihre Acrylbilder aus.
… geometrisiert und farblich verändert – wobei ihr wichtig ist, dass der Erkennungswert gesichert bleibt. Die Galerie Artodrome befindet sich im Herzen Berlins zwischen dem Hauptbahnhof und der Charitè gelegen – im Prismahaus in der Hessischen Strasse 9, 10115 Berlin. Die Vernissage findet statt am 26.Juni 2010 um 18.00 Uhr in der Hessischen Strasse 9, …
Insolvenz als Folge von Streik - abwendbar?
Insolvenz als Folge von Streik - abwendbar?
… Beschäftigten der Berliner Verkehrsbetriebe stellt nicht nur eine ganz erhebliche Belastung für die Reisenden dar. Der Streik wird zunehmend auch zu einem Problem der Existenzsicherung für Zeitungskioske, Imbissstände, Blumenverkäufer und andere Gewerbetreibende, die auf oder in unmittelbarer Nähe der öffentlichen Verkehrsmittel vorwiegend von Laufkundschaft …
Fachtagung „Nachsorge erworbener Hirnschäden bei Kindern und Jugendlichen“
Fachtagung „Nachsorge erworbener Hirnschäden bei Kindern und Jugendlichen“
18. November 2008 von 10:30 – 16:00 UhrCharitè, Campus Virchow Klinikum, Universitätsmedizin Berlin Jährlich erleiden ca. 270.000 Menschen eine Schädelhirnverletzung, knapp die Hälfte ist jünger als 25 Jahre, 35.000 davon sind Kinder unter fünf Jahren. Bei Kindern beeinflusst ein Schädelhirntrauma den Entwicklungsprozess weit mehr als bei erwachsenen …
Sie lesen gerade: Streik der Pflegekräfte in der Charitè – ein ethisches Problem?