openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Vorbild ist die Natur

29.11.201721:00 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung

(openPR) Den Aufbau des Seeigelstachels im Nanomaßstab nutzte der Arbeitsbereich für Physikalische Chemie an der Universität Konstanz zur Entwicklung von deutlich bruchfesterem Zement

---
Der Stachel des Seeigels besteht zum größten Teil aus Kalk, einem sehr spröden und damit brüchigen Material. Tatsächlich ist der Seeigelstachel jedoch sehr viel bruchfester als Kalk. Der Grund dafür liegt in seiner „Backsteinmauer-Architektur“, mit der die Natur Materialien optimiert. Der Arbeitsgruppe für Physikalische Chemie von Prof. Dr. Helmut Cölfen ist es gelungen, dieses „Ziegelstein-Mörtel-Prinzip“ für das Baumaterial Zement im Nanomaßstab nachzubauen. Im Zuge dessen konnten Makromoleküle identifiziert werden, die die Funktion des Mörtels übernehmen und die kristallinen Bausteine im Nano-Maßstab verkleben, wobei diese sich von selbst geordnet ausrichten. Ziel ist, Zement und damit vor allem Beton bruchfester zu machen. Die Ergebnisse der Studien sind in „Science Advances“ vom 1. Dezember 2017 erschienen.



„Unser Zement, der deutlich bruchfester ist als alles, was in diesem Bereich bislang bekannt ist, eröffnet ganz neue Möglichkeiten zu bauen“, so Cölfen. Würde man mit diesem Zement eine Säule errichten, so könnte diese achttausend Meter hoch sein, zehnmal höher als das bisher höchste Gebäude der Welt, bevor das Material am unteren Ende der Säule durch den Druck zerstört würde. Mit normalem Stahl, der den Wert von 250 Megapascal hat, würde man gerade einmal dreitausend Meter erreichen.

Die „Backsteinmauer-Architektur“ im Nanobereich ist vergleichbar mit der Tätigkeit eines Maurers: Er setzt Stein auf Stein, wobei er die einzelnen Steinschichten mit Mörtel verklebt. Dahinter steckt das Prinzip hart – weich – hart – weich. Die Natur nutzt dieses Prinzip, um den Seeigelstachel widerstandsfähig zu machen. Wenn Kräfte auf den brüchigen Kalk einwirken, spaltet sich zwar der kristalline Baustein, die Energie trifft daraufhin aber auf eine weiche ungeordnete Schicht. Da diese keine Spaltebene hat, wird so der Riss aufgehalten. Ein dünner Schnitt durch einen Seeigelstachel belegt das Strukturprinzip: Kristalline Bausteine in geordneter Struktur sind von einem weicheren amorphen Bereich umgeben. Im Fall des Seeigelstachels handelt es sich um Kalziumkarbonat.

Das Bauprinzip ist neben dem Seeigelstachel zum Beispiel auch in der Muschelschale oder im Knochen zu finden. „Wir versuchen von der Natur zu lernen“, sagt Helmut Cölfen, der für seine bahnbrechenden Forschungsergebnisse im Bereich der Kristallisation unter anderem mit dem Akademiepreis 2013 der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet wurde. Bionik oder Biomimetik benennt dieses Vorgehen, Phänomene in der Natur für technische Entwicklungen einzusetzen.

Zement besitzt an sich eine ungeordnete Struktur, alles klebt mit allem zusammen. Das bedeutet: Um die schichtweise geordnete und deutlich mehr Stabilität versprechende Ziegelstein-Mörtel-Bauweise zu erreichen, muss die Struktur des Zements auf der Nanoebene ausgerichtet werden. „Auf der Nanoebene schon die Bruchfestigkeit codieren“, beschreibt Helmut Cölfen den Vorgang. Das bedeutet hier wiederum: Etwas zu identifizieren, das auf den Zement-Nanopartikeln und auf nichts anderem im Zement haftet. Identifiziert werden konnten zirka zehn negativ geladene Eiweißkombinationen, die sehr gut kleben.

In Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Festkörperforschung an der Universität Stuttgart gelang es mit Hilfe eines Ionenstrahls unter einem Elektronenmikroskop, eine Mikrostruktur auszuschneiden, einen Balken aus dem nanostrukturierten Zement von drei Mikrometern. Mithilfe eines Mikromanipulators wurde der Balken nach unten gedrückt. Wurde er wieder losgelassen, schwang er in seine Ausgangsposition zurück. Aus der Auslenkung der elastischen Verformung des Balkens konnten mechanische Werte errechnet werden. Danach kommt der optimierte Zement auf einen Wert von 200 Megapascal. Zum Vergleich: Die Muschelschale, der Goldstandard der Bruchfestigkeit, hat den Wert von 210 Megapascal, somit nur geringfügig mehr. Gängiger Beton hat heute den Wert von 2 bis 5 Megapascal.

Dass der Seeigelstachel und auch die Muschelschale aus Kalk bestehen, ist dem Umstand geschuldet, dass im Meerwasser Kalzium in großen Mengen vorkommt. Helmut Cölfen dazu: „Wir Menschen haben viel bessere Baumaterialien als Kalk. Wenn es uns gelingt, Materialien gezielt zu strukturieren und solche Baupläne nachzubauen, erhalten wir noch viel bruchfestere Materialien – Hochleistungsmaterialien, die bioinspiriert sind.“

Originalpublikation:
Andreas Picker, Luc Nicoleau, Zaklina Burghard, Joachim Bill, Igor Zlotnikov, Christophe Labbez, André Nonat, Helmut Cölfen: Mesocrystalline calcium silicate hydrate: A bioinspired route toward elastic concrete materials, Science Advances, 1. Dezember 2017. Sci. Adv. 3, e1701216 (2017). DOI: 10.1126/sciadv.1701216.

Faktenübersicht:

• Gefördert wurde das Projekt durch die BASF SE
• Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Festkörperforschung, Stuttgart, der Universität Stuttgart, dem Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung, Potsdam, der Université de Bourgogne, Dijon
• Nanostrukturierter Zement mit der Bruchfestigkeit in Höhe von 200 Megapascal
• Zwischen 40 und 100 mal bruchfester als Beton.

Hinweis an die Redaktionen:
Fotos und Videos können im Folgenden heruntergeladen werden:

https://cms.uni-konstanz.de/fileadmin/pi/fileserver/2017/Bilder/Zement.jpg
http://uni.kn/shared/Movie-S1.mp4
http://uni.kn/shared/Movie-S2.mp4
Bildunterschrift:
Biege-Experiment von elastischem Zement im Rasterelektronenmikroskop bei 2.000-facher Vergrößerung. Der mit einem Ionenstrahl präzise aus einem Partikel herausgeschnittene Balken aus nanostrukturiertem Zement biegt sich unter dem Druck eines Mikromanipulators (links im Bild), ohne zu brechen.
Bild: Dr. Zhaklina Burkhard

https://cms.uni-konstanz.de/fileadmin/pi/fileserver/2017/Bilder/Seeigelstachel.png
Bildunterschrift:
Seeigelstachel

https://cms.uni-konstanz.de/fileadmin/pi/fileserver/2017/Bilder/Mikromanipulator1.png
Bildunterschrift:
Mikromanipulator

Kontakt:
Universität Konstanz
Kommunikation und Marketing
Telefon: + 49 7531 88-3603
E-Mail: E-Mail

- uni.kn

Quelle: idw

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 982931
 682

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Vorbild ist die Natur“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von Universität Konstanz

Schulden machen im 20. Jahrhundert
Schulden machen im 20. Jahrhundert
Ein Wissenschaftliches Netzwerk mit Beteiligung der Konstanzer Wirtschaftshistorikerin und Juniorprofessorin Dr. Julia Rischbieter untersucht die Bedeutung und die Folgen von Staatsverschuldung anhand konkreter Handlungsweisen von Akteuren. --- Die ehemalige Oberbürgermeisterin von Pforzheim und ihre damalige Kämmererin wurden im November 2017 wegen Untreue zu Haftstrafen verurteilt. Sie hatten in den Jahren vor der Finanzkrise mit riskanten Finanzgeschäften versucht, die Zinslast der Stadt zu drücken und dabei gleich auch den städtischen Ha…
Carl-Zeiss-Stiftungsprofessur für Systemtoxikologie an der Universität Konstanz
Carl-Zeiss-Stiftungsprofessur für Systemtoxikologie an der Universität Konstanz
Förderung für eine neue Professur im Fachbereich Biologie in Höhe von 1,12 Millionen Euro --- Die Carl-Zeiss-Stiftung hat die Förderung einer Stiftungsprofessur an der Universität Konstanz auf dem Gebiet der Systemtoxikologie im Fachbereich Biologie bewilligt. Während sich traditionelle toxikologische Testung auf die Beschreibung von direkt beobachtbaren Schadstoffwirkungen fokussiert, wird die neu geschaffene Professur „Systems Toxicology“ viele (tausende und mehr) molekulare Änderungen an der Feinkontrolle von Zellen und Organen messen. So…

Das könnte Sie auch interessieren:

Bild: Wissen für den Mittelstand: Strategieberatung 3.0Bild: Wissen für den Mittelstand: Strategieberatung 3.0
Wissen für den Mittelstand: Strategieberatung 3.0
… Konkurrenz oder effiziente, moderne Betriebsführung. Warum ist Marquardt+Compagnie keine Unternehmensberatung? Das schlechte Verhältnis von mittelständischen Unternehmen zu Unternehmensberatungen gibt uns zu denken. Wir wollen Vorbild sein und gehen neue Wege. Den Weg der Strategieberatung 3.0, mit dem Extra an Know-how. Ganz oben steht für uns eine …
Bild: Online-Kurs:  „Naturnah Gärtnern für Familien - Grüner Lifestyle für kleine Gärten“ Bild: Online-Kurs:  „Naturnah Gärtnern für Familien - Grüner Lifestyle für kleine Gärten“
Online-Kurs: „Naturnah Gärtnern für Familien - Grüner Lifestyle für kleine Gärten“
Aachen - Kleine Gärten in der Stadt, die von der ganzen Familie genutzt und dazu noch nach dem Vorbild der Natur nachhaltig bewirtschaftet werden, sind eine echte Herausforderung. Oder doch nicht? Elisabeth Thesing-Bleck verfügt über langjährige, praktische Erfahrung als naturnahe Gärtnerin. Die Pharmazeutin weiß, wie man diese Ansprüche unter einen …
Hakumat Rai - Keramische Formen nach dem Vorbild der Mikro-Organismen
Hakumat Rai - Keramische Formen nach dem Vorbild der Mikro-Organismen
… als Limnologe am Max Planck-Institut für Limnologie in Plön tätig und beschäftigt sich seit gut zwanzig Jahren mit Keramik. Seit einigen Jahren nimmt er als Vorbild für seine Keramikobjekte Fotos von Mikroorganismen, aus denen seine Keramikformen entwickelt, deren Gestaltung er durch farbige Glasuren unterstreicht. Dr. Hakumat Rai wurde 1933 in Indien …
Bild: Von der Natur inspiriert: PREFA präsentiert neue FarbkollektionBild: Von der Natur inspiriert: PREFA präsentiert neue Farbkollektion
Von der Natur inspiriert: PREFA präsentiert neue Farbkollektion
PREFA hat sich bei der Auswahl seiner neuen Farbkollektion die Natur zum Vorbild genommen. Die neue Farbpalette – Braun, Steingrau, Sandbraun, Rostbraun und Nussbraun – verbindet eine besonders natürliche Oberflächenoptik mit hervorragenden Qualitäts-eigenschaften. Die Farben entsprechen dabei nicht nur optisch der Natur, sondern sind auch nahezu so …
Bild: King naja für´s iPhone - Im Schlund der KönigskobraBild: King naja für´s iPhone - Im Schlund der Königskobra
King naja für´s iPhone - Im Schlund der Königskobra
… möglich halten würde. iPhone an der Duschstange, im Lenkrad oder sogar an der Toilettenpapierhalterung. Kein Ort wo sich King Naja nicht um irgendetwas drumherumschlingen könnte. Wie sein Vorbild aus der Natur, die erhabene Königskobra, windet sich diese Halterung um Ihren Körper, Ihre Säulen, Tische, Stühle und und und! Ob unterwegs als coole Halterung …
Bild: Mittelständler lernen von BananenBild: Mittelständler lernen von Bananen
Mittelständler lernen von Bananen
… nicht, wird es Zeit. Diese Chance bietet nun bioSystemik. Dass Lernen von Natur nichts Neues ist, wissen wir spätestens seit Naturwundershows im Fernsehen. Entwickler nutzen das Vorbild Natur seit Jahren für ihre Innovationen. Gudrun Happich macht mit der bioSystemik das Vorbild Natur nun auch auf mittelständische Unternehmen übertragbar, und zwar ganz …
Umweltschutz bei Birkenstock
Umweltschutz bei Birkenstock
… konkreten Beispiel zur Trocknung der Korkbettungen. Dabei wird die "Abfallwärme" als Heizung für die Trockenanlage verwendet, in der alle Korkbettungen einzeln getrocknet werden. NATUR ALS VORBILD Es sollte das Bestreben jedes Einzelnen sein, mit den uns von der Natur zur Verfügung gestellten Resourcen möglichst schonend umzugehen. In den privaten Haushalten …
Bild: Eine Oase von Frische und Hygiene - Eine Brise frischer LuftBild: Eine Oase von Frische und Hygiene - Eine Brise frischer Luft
Eine Oase von Frische und Hygiene - Eine Brise frischer Luft
… regnen lässt. Wäre es nicht wunderbar, diesen Nutzen von Mutter Natur in den eigenen vier Wänden zu genießen? Eine perfekte alternative bietet ein Reinigungssystem, welches die Natur zum Vorbild nimmt und Staub und Schmutz im Wasser bindet. Nasser Staub kann nicht fliegen! Das macht auch Sinn. Während der Reinigung wird auch die Luft gewaschen und von …
Bild: Berliner Initiative etabliert Bioinspiration als wichtigen InnovationsbausteinBild: Berliner Initiative etabliert Bioinspiration als wichtigen Innovationsbaustein
Berliner Initiative etabliert Bioinspiration als wichtigen Innovationsbaustein
Second Nature - Erstes deutsches Symposium für nachhaltige Innovation nach dem Vorbild der Natur am 6./7. November 2016 in Berlin. Am Sonntag 6. und Montag 7. November 2016 kommen führende Akteure auf dem Feld der Bioinspiration aus ganz Deutschland in Berlin zusammen, um über die Zukunft der Bioökonomie nach dem Vorbild der Natur zu diskutieren. Anlass …
Bild: Klebstoffunternehmen setzen verstärkt auf Bio-KlebstoffeBild: Klebstoffunternehmen setzen verstärkt auf Bio-Klebstoffe
Klebstoffunternehmen setzen verstärkt auf Bio-Klebstoffe
… wächst. Die deutsche Klebstoffindustrie treibt diese Entwicklung voran und arbeitet an neuen Rezepturen auf Basis nachwachsender Rohstoffe. Dabei dient die Natur als Vorbild. Bereits Leonardo da Vinci orientierte sich mit seinen Fluggeräten an den Bewegungen von Vögeln. Mittlerweile sind auf Bionik basierende Produkte nahezu allgegenwärtig. Bekannte …
Sie lesen gerade: Vorbild ist die Natur