(openPR) (Berlin, 12. September 2017) Spätestens seit Pisa stehen Bildungsgerechtigkeit, Frühförderung und Unterrichtsgestaltung im Fokus öffentlicher Debatten. Eine neue Untersuchung überrascht jetzt mit brisanten Erkenntnissen zu unterschiedlichen Lernkulturen an deutschen Grundschulen und wie diese mit Bildungserfolgen der Schüler zusammenhängen. Die von dem Sprachdidaktiker Wolfgang Steinig vorgestellte Studie ist als „Grundschulkulturen. Pädagogik – Didaktik – Politik“ im Erich Schmidt Verlag erschienen.
Was prägt die Lernkulturen an unseren Grundschulen? Wie das Schreiben gelernt wird, welche Handschriften Kinder erlernen oder wie sie ihre Lehrkräfte anreden: All dies basiert auf unterschiedlichen Lernkulturen und wurde jetzt erstmals systematisch in einer empirischen Erhebung unter zufällig ausgewählten Grundschulen aus allen 299 Bundestagswahlkreisen untersucht. Ein entsprechend vielschichtiges Bild ergibt sich, wie es Studienautor Wolfgang Steinig im Gespräch mit der ESV-Redaktion beschreibt: „Es gibt einerseits Schulen, in denen die Lehrkräfte ein enges, nahezu freundschaftliches Verhältnis zu den Kindern haben, und andererseits solche, die stärker durch Distanz und Respekt geprägt sind“. Vor allem würden Lehrkräfte mit ihren Schülerinnen und Schülern im regionalen Vergleich sehr unterschiedlich kommunizieren und ihren Unterricht gestalten. „Dieser Unterschied zeigt sich insbesondere darin, wie Kinder ihre Lehrkräfte anreden, ob sie sie siezen oder duzen, wie viel Wert auf die Rechtschreibung gelegt und welchen Ausgangsschriften der Vorzug gegeben wird.“
Unter SPD-Wählern wird geduzt, unter Linken gesiezt
Dabei konnte auch ein Zusammenhang zwischen gelebter Lernkultur und politischen Mehrheiten in einzelnen Regionen aufgezeigt werden. So würden Lehrkräfte in Wahlkreisen mit guten Ergebnissen für SPD, Grüne und FDP häufiger geduzt. „An Schulen in Wahlkreisen, in denen die 'Die Linke' stark sind, werden die Lehrkräfte hingegen früher und öfter gesiezt und die Rechtschreibung muss stärker beachtet werden. Die CDU/CSU liegt irgendwo dazwischen.“ Die Überraschung liege dabei auch in der Beobachtung, dass diese Erkenntnisse in engem Zusammenhang mit den landesweit ermittelten, unterschiedlichen Bildungserfolgen stünden. Eine Erklärung könnte im Respekt gegenüber dem Wissenserwerb und Lehrkräften zu finden sein: „Mit der Sie-Anrede geht aber auch ein formelleres Sprachverhalten einher. Kinder, die ihre Lehrkraft siezen, formulieren anspruchsvoller. Ihre Wortwahl und ihr Satzbau sind elaborierter. Sie strengen sich sprachlich wie auch kognitiv stärker an: zunächst im Mündlichen, aber dann auch im Schriftlichen, wie man nicht nur am Umgang mit der Rechtschreibung erkennen kann.“
Die Studie „Grundschulkulturen. Pädagogik – Didaktik – Politik“ von Wolfgang Steinig mit ihren vielseitigen weiteren Perspektiven ist im Erich Schmidt Verlag erschienen und direkt beim Verlag unter www.ESV.info/17606 bestellbar. Für einen ersten Eindruck ist eine Online-Leseprobe aus dem Kapitel „Schulschriften“ verfügbar.










