(openPR) Jetzt gibt es doch schon seit geraumer Zeit Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM). Unternehmen zahlen Zuschüsse zum Sportstudio, veranstalten Schritte-Challenges, bieten Apfeltage, linksdrehendes Granderwasser und aufklärende Gesundheitstage. Und?
Laut Bericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) ernähren sich gut 70% der Bevölkerung weiterhin falsch: zu viel Kalorien, zu viel Fleisch, zu viel Salz, zu fett, zu wenig Gemüse, zu wenig Obst. Und rund 80% der Deutschen bewegen sich nach wie vor zu wenig. Hat also das BGM versagt?
Falscher Ansatz
Wenn unter BGM verstanden wird, Erwachsene zu einer anderen Lebensgestaltung und beispielsweise mehr Bewegung zu erziehen, versagt das BGM tatsächlich größtenteils! Zum einen haben viele Erwachsene genug von Bevormundung, egal ob ihnen die Grünen einen Veggie-Day vorschreiben, die Krankenkassen ihren Lebenswandel kontrollieren oder die Unternehmen ihr Freizeitverhalten beeinflussen wollen.
Zum anderen ist die Macht der Gewohnheit viel stärker als solche Erziehungsversuche. „Veränderungen sind, wie viele Langzeituntersuchungen bestätigen, im Erwachsenenalter relativ selten, wenn sie Dinge der Lebensführung betreffen und von hohem emotionalen Wert sind“, meint der Hirnforscher Gerhard Roth. Denn das „weiter so“ trägt die Belohnung schon in sich: wenig Aufwand und angenehme Gefühle. Dagegen hat unser rational-kognitives Selbst, das über Appelle und Aufklärung erreichbar ist, weder anatomisch noch funktional einen direkten und bemerkenswerten Einfluss auf die Hirnzentren, die unser Verhalten tatsächlich beeinflussen. Das wird vielmehr von unbewussten Programmen und schon viel früher geprägten Hirnarealen gesteuert. Ganz abgesehen von der Frage, wer mehr für seine Gesundheit tut: wer nach 10 Stunden Arbeit + Fahrzeit noch ins Sportstudio oder zum Joggen geht oder wer nach 8 Stunden (auch als Führungskraft) nach Hause geht, mit den Kindern spielt und mit Freunden zusammen ist, ohne Mails zu checken?
Können wir also das BGM in den Wind schießen?
Rahmenbedingungen in den Blick nehmen
Nein, aber ich glaube, dass ein fast ausschließlich am Lebensstil der Mitarbeitenden ansetzendes BGM der falsche Weg ist. In der Reduzierung körperlicher Gefährdungen haben die Unternehmen einen viel besseren Ansatz gewählt. Zum einen haben sie Rahmenbedingungen der Arbeit verändert, zum Beispiel für ergonomische Verbesserungen und Hilfen gesorgt, Verletzungsrisiken minimiert, Maschinen sicherer gemacht. Zum anderen haben sie das innerbetriebliche Verhalten der Mitarbeitenden auf mehr Sicherheit hin geschult (auch hier durchbrechen manchmal die Gewohnheiten das Sicherheitskonzept, weil einiges ohne Einhaltung der Sicherheitsregeln einfacher und schneller geht). Im BGM aber ändern die Unternehmen nichts an den Rahmenbedingungen, sondern investieren stattdessen in das außerbetriebliche Verhalten ihrer Mitarbeitenden, in deren Ernährung und Bewegung.
Wie wäre es denn mal damit: „Ihr Mitarbeitenden sorgt für unseren Erfolg und damit für euer Einkommen und den Bestand des Unternehmens. Ihr sorgt auch für das Geld der Investoren und Aktionäre, die ihr Geld in unser Unternehmen gesteckt haben. Das finden wir toll. Deshalb sorgen wir auch für euch:
- für jedes überlastete Team stellen wir wenigsten einen zusätzlichen MA ein, damit ihr weiterhin erfolgreich arbeiten könnt
- wir verdoppeln das Weiterbildungsbudget und die Weiterbildungszeiten, damit ihr methodisch und persönlich gut aufgestellt bleibt
- wir räumen unseren Führungskräften Zeit ein, damit sie wieder mit Euch sprechen, euch informieren und euch unterstützen können.“
Schön naiv? Wahrscheinlich - aber schön und lohnenswert! Allgemeine Studien besagen, dass der ROI eines strategischen BGM mindestens 1:4 beträgt. Die vorhin erwähnten „Nice-to-have“-Maßnahmen bedeuten dagegen, Geld am Fenster rauszuwerfen. Noch interessanter wird es, wenn Unternehmen statt den ROI den VOI (Value of Investition) berücksichtigen, den erreichten Mehrwert in Form von Employer Branding, Mitarbeiterzufriedenheit, -gesundheit und -engagement, Kundenzufriedenheit, höherer Produktivität, geringerer Fehlerquoten etc.
Strategisches BGM
Dafür muss ein nachhaltiges und strategisches BGM aber die Rahmenbedingungen der Arbeit in den Blick nehmen und gesundheitsförderlich machen. Die schon seit 2013 gesetzlich vorgeschriebene Psychische Gefährdungsbeurteilung gäbe diesbezüglich wertvolle Hinweise. Sie lässt sich heutzutage schnell und einfach digital durchführen. Zusätzlich müssten gesundheitliche Risikobereiche und Risikogruppen identifiziert werden, um auch hier gezielte Maßnahmen ergreifen zu können, die durchaus auch gesundheitsförderliches Verhalten der Mitarbeitenden betreffen können. Das sind Investitionen an anderer Stelle, die aber zunächst einmal Investition in Nachdenken und in die Veränderungsbereitschaft von Unternehmen und Führungskräften erfordert. ROI und VOI werden solchen Unternehmen Recht geben, wenn sie zum Beispiel auch mit älter gewordenen Belegschaften für die Zukunft punkten wollen. Auch für das BGM gilt: die Zukunft wird das Ergebnis von Entscheidungen sein, die heute getroffen werden.
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