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Folgenreiche Gehirnerschütterungen: Keine Panik, aber …

26.08.201513:42 UhrGesundheit & Medizin

(openPR) Ärzte und Trainer: Mit rascher Diagnostik und Auszeiten Spätfolgen vorbeugen

Bonn. Die Hiobsbotschaften in Bezug auf Gehirnerschütterungen reißen nicht ab. Nach Eishockeystar Stefan Ustorf betonte im Mai auch der Footballprofi Patrick Venzke öffentlich, dass solche Kopfverletzungen Patienten für das ganze Leben zeichnen können. Sportmediziner und Trainer plädieren nun in Kooperation mit der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung für mehr Aufmerksamkeit in Sachen Sportunfall und für den richtigen Umgang mit allen, die eine Gehirnerschütterung erlitten haben. Die ZNS – Hannelore Kohl Stiftung engagiert sich für Menschen mit einer Hirnverletzung und ihre Angehörigen.



Im Football haben jetzt Ärzte das Sagen
10 bis 15-mal war nach eigenen Angaben Patrick Venzke in seiner Zeit als Star der amerikanischen National Football League (NFL) von einer Gehirnerschütterung betroffen. Auszeiten hinterher gönnte er sich nicht. Dass er heute sehr leicht reizbar ist, sieht er als Folge davon. „Die NFL hat aber in den letzten Jahren im Bereich des Schutzes vor Kopfverletzungen einiges unternommen“, informiert Patrick Köpper, Headcoach der Cologne Crocodiles U19. Der Helm-zu-Helm-Kontakt sei streng verboten, beim Verdacht einer Gehirnerschütterung werden Spieler sofort vom Spielfeld geholt. Sportmediziner Dr. Ulrich Grünwald vom American Football Verband Deutschland ergänzt: „In den USA sitzen inzwischen Beobachter auf der Tribüne, die nach jedem Aufprall unten melden, wer eventuell verletzt sein könnte.“ Auch in Deutschland gilt inzwischen im American Football auf Landes- und Bundesebene: Bei jedem Verdachtsfall wird am Spielfeldrand sofort nach Hinweisen auf eine Gehirnerschütterung gefahndet. „Wer eine hat, verlässt das Spiel und darf erst dann wieder mitmachen, wenn Ärzte und Physiotherapeuten zustimmen“, betont Grünwald.

Er selbst spielte 17 Jahre lang Football, betreut heute die Jugendnationalmannschaft und die Auswahlmannschaft Nordrhein-Westfalen und schult regelmäßig Trainer, die eine Lizenz erwerben. Auch ehrenamtliche Betreuer, Eltern und die Spieler selbst werden jetzt zu Gehirnerschütterungs-Experten, betont Grünwald. Er fordert, dass es im Breitensport ähnlich laufen soll – und zwar quer durch alle Sportarten. Ob im Fuß-, Hand- oder Basketball, beim Turnen, Tanzen, zu Pferde oder beim Radfahren – gegen Stürze und Schläge auf den Kopf ist kaum ein Aktiver gefeit.

Achtung! Mehr Symptome, als viele wissen
Dennoch gilt laut dem Arzt vor allem für Kinder und Jugendliche: „Sport treiben ist immer gesünder als darauf zu verzichten.“ Und dass Gehirnerschütterungen Folgen hinterlassen, lässt sich in den meisten Fällen abwenden, indem jeder Betroffene schnell untersucht wird und Zeit zur Regeneration bekommt.
Wichtig ist laut Grünwald, die Symptome zu kennen. „Nur die Wenigsten werden bewusstlos, wenn sie eine Gehirnerschütterung erleiden“, erklärt der Mediziner. Viel häufiger seien die Symptome
- Benommenheit und Schwindel
- Übelkeit oder Erbrechen
- Verwirrtheit
- Kopfschmerzen
- Gedächtnislücken
- Gleichgewichtsprobleme
-Veränderte Sinneswahrnehmungen, z. B. Geräuschempfindlichkeit, Sehstörungen
- und das allgemeine Gefühl: Etwas stimmt nicht mit mir.“

Es gibt wissenschaftlich evaluierte Tests, die direkt am Spielfeldrand zum Einsatz kommen können und mit wenigen Fragen und Körperübungen ermitteln, ob eine Gehirnerschütterung wahrscheinlich ist. Für Mediziner gedacht sind die Sport Concussion Assessment Tools (SCAT). Die Versionen SCAT3 und Child-SCAT3 findet sich auf den Seiten der Initiative „Schütz deinen Kopf!“ zum Gratis-Download. Dort findet sich auch die FIFA-Taschenkarte, mit der Trainer, Eltern oder Helfer anhand von Symptomen und sinnvollen Fragen prüfen können, ob betroffene Spieler möglicherweise eine Gehirnerschütterung erlitten haben.

Manchmal treten Symptome auch erst Stunden nach einem Schlag gegen den Kopf auf, wie Verhaltensänderungen, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsprobleme oder ein verändertes Schlafverhalten. Bei Unsicherheiten, vor allem aber bei sich verstärkenden Beschwerden sollte ein Arzt den Betroffenen untersuchen. In die Klinik gehören alle mit wiederholtem Erbrechen, Krampfanfällen, Sehstörungen, Kribbeln oder Taubheit in Armen oder Beinen, Nackenschmerzen und Bewusstlosigkeit.

Auch im Eishockey ein Thema
„Früher sagte man, okay, ich habe eine Gehirnerschütterung – bis morgen“, berichtet Niklas Sundblad, Trainer der Kölner Haie, von seinem Leben als aktiver Eishockeyprofi. Heute verlasse sich jeder gute Trainer nach einem harten Check auf das Urteil von Arzt und Physiotherapeut, ergänzt der Coach. „Und wenn ein Spieler wirklich eine Gehirnerschütterung hat, dauert die Rückkehr schon mal zwei Wochen“, informiert Sundblad und schiebt hinterher: „Gewinnen ist wichtig, aber Gesundheit ist wichtiger.“

Gut so, betont Neuropsychologe Dr. Andreas Eidenmüller vom Zentrum für Sport-Neuropsychologie in Würzburg. Er betreut unter anderem Patienten, die sich nach einem Unfall keine Ruhepausen gönnten und unter Folgen wie Konzentrationsstörungen, Dauerschmerzen oder Depressionen leiden. Der Weg aus diesen Leiden ist möglich, aber langwierig. Kein Wunder, betont Eidenmüller, denn: „Unser Gehirn ist das wichtigste Schalt- und Steuerungszentrum unseres Körpers, welches aus ca. 100 Milliarden Nervenzellen plus Querverbindungen besteht. Von hier aus wird das gesamte Denken, Fühlen und Handeln des Menschen gesteuert. Bei einer Gehirnerschütterung kommt es zu einem mehr oder weniger heftigen Kurzschluss in diesem Schaltzentrum, dadurch ist die Leistungsfähigkeit für einige Zeit eingeschränkt und das Schaltzentrum ist anfälliger für weitere Störungen.“ Zwei Gehirnerschütterungen binnen weniger Tage waren wohl bei Stefan Ustorf, dem ehemaligen NHL-Star bei den Berliner Eisbären, Schuld am Karriereende 2013.

Amerikas Wissenschaftler erforschen, was genau passiert
In den USA wird nach mehreren Suiziden von Ex-Football-Stars seit Jahren akribisch erforscht, wie sich Gehirne nach mehreren Traumata verändern. Gerade wurde eine Studie veröffentlicht, die nahelegt, dass schwerere Gehirnerschütterungen in der Historie leichte kognitive Beeinträchtigungen im fortgeschrittenen Alter begünstigen. Ärzte und Trainer sind sich einig: Der Grundstein für die Schädigungen jener, die aktuell darunter leiden, wurde vor Jahren gelegt. Die Aktiven von heute können sich noch davor schützen.

Für über 90 % aller Gehirnerschütterungen gilt laut Grünwald: „Sie heilen folgenlos aus. Voraussetzung dafür sind jedoch Tage oder sogar Wochen der Schonung, ein zweites Trauma ist unbedingt zu vermeiden. Mindestens einen Tag lang sollten die Patienten ruhen und selbst auf Lesen, Fernsehen oder Computerspiele verzichten. Sobald sie sich wieder wohl fühlen, können sie Schritt für Schritt erst die geistige, dann die körperliche Belastung steigern.“

Welche Aktivitäten wann wieder Sinn machen, verraten zwei Pläne „Zurück zur Schule“ und „Zurück in den Sport“, die auf der Homepage der Initiative „Schütz deinen Kopf!“ abrufbar sind. Zeigen sich bei einer Aktivität Schwindel oder Schmerzen, ist die Aktivität abzubrechen und Schonung angezeigt. Auf der Homepage von „Schütz Deinen Kopf!“ gibt es zudem eine Liste mit Anlaufstellen speziell für Kinder und Jugendliche mit leichtem Schädelhirntrauma. Kontaktdaten von Neuropsychologen ergänzen das Angebot: Hier finden alle, die noch Wochen oder gar Monate nach der Gehirnerschütterung unter Symptomen leiden, Rat und Hilfe.

Für die Initiative „Schütz Deinen Kopf!“ arbeitet die ZNS – Hannelore Kohl Stiftung mit namhaften Organisationen, Medizinern, Neuropsychologen und Sportverbänden zusammen, um Sportler und ihre Familien, Trainer, Pädagogen und Ärzte für das Thema „Gehirnerschütterung und mögliche Folgen“ zu sensibilisieren. Schirmherr ist der Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière.

Informationen, Taschenkarten und Schnelltests für den Spielfeldrand, eine Smartphone-App und Kontaktadressen zu Unfallkliniken sowie Neuropsychologen finden sich auf www.schuetzdeinenkopf.de.

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