(openPR) Was macht eine Stadt urban? Wie Laura Weißmüller, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, im Video-Interview mit vi-Lexikon.de und Wohnen-fuer-morgen.de erläuterte, findet man Aufschluss darüber nur durch einen Blick auf den „Bodensatz“. Wer ist dort aktiv? Welche Akteure arbeiten mit wem zusammen? Wer stört die Kreise des anderen? Wo verschiedene Menschen mit verschiedenem Hintergrund aufeinander treffen, mit Neuem konfrontiert werden und miteinander klarkommen müssen, gehe es urban zu. Dabei entstünden neue Ideen, die Entwicklungen anstoßen könnten. Darin liegt für Weißmüller die eigentliche Bedeutung von Urbanität.
Andere Teilnehmer der Podiumsdiskussion, die die SZ-Architekturexpertin kürzlich im Münchner Gasteig (Black Box) moderierte, hatten durchaus andere Vorstellungen. Christian Ganzer, Kurator und Mitinitiator der Aktion „Goldgrund“, vertrat die Auffassung, man habe in München jahrzehntelang ganz gut ohne Urbanität gelebt. Der Eingeborene im sprichwörtlichen Millionendorf wolle eigentlich eher seine Ruhe, allenfalls ein bisschen Urbanität. Was für Ganzer so viel heißt wie ‚etwas Cooles tun können‘. Dafür brauche es wieder mehr Freiräume, mehr Laissez-faire. Die Münchner Biergartenkultur sei Inbegriff dieser Haltung der Bürger hier, die mit „coolen“ Projekten keine Probleme hätten. Gestört fühle sich eher die Verwaltung.
Für Stadtbaurätin Prof. Elisabeth Merk könnte eine ablehnende Haltung von Verwaltungsmitarbeitern auch daher rühren, dass neue Ideen allzu kompromisslos vorgetragen würden. Wenn alle Seiten, auch die engagierten Bürger, einen Schritt aufeinander zu machten, finde sich oft eine Lösung. Bürgerengagement sei sehr wohl gefragt, das habe auch der neue Oberbürgermeister Dieter Reiter bereits deutlich gemacht. Merks Appell an alle Engagierten: nicht aufgeben! Natürlich gebe es viele Regeln, die Aktiven das Leben schwer machten. Die Münchner Ressortchefin begreift es deshalb als Auftrag städtischer Behörden, bürgerliches Engagement zu unterstützen und durch den Paragraphendschungel hindurch zu helfen. Als Beispiel nannte Merk die Einrichtung einer eigenen Beratungsstelle als Reaktion auf das rasant steigende Interesse an Genossenschaften.
Auch mit der Forderung des Goldgrund-Aktivisten Ganzer, in der Stadt Freiräume zu schaffen, hat Merk kein Problem. Als Stadtbaurätin bemühe sie sich darum, so weit wie möglich unterschiedliche Nutzungen zuzulassen. Sie erlebe jedoch immer wieder, dass man sich Urbanität, also buntes Leben in der Stadt wünsche, aushalten sollten es jedoch die anderen. Die Bürgergesellschaft müsse dringend darüber reden, wie viel Urbanität man sich wechselseitig zumuten wolle. (Video-O-Ton von Prof. Merk unter http://www.vision50plus.de/video/vi_Urb_Merk_StadtplanungOptionen_112014.mov )
Auf diesen Widerspruch - der Wunsch nach Urbanität einerseits, Ablehnung aller Zumutungen, die eine urbane Stadt mit sich bringe andererseits – machte auch der Soziologe Prof. Walter Siebel aufmerksam. Wie Siebel im Anschluss an die Podiumsdiskussion gegenüber vi-Lexikon.de noch einmal ausführte, müsse man sich in urbanen Städten nicht nur dauernd mit Fremdheit auseinandersetzen, zu ihnen gehörten auch Rotlichtviertel wie allgemein die Möglichkeit, weniger reputierlichen Bedürfnissen nachzugehen. Dies vertrage sich nur schwer mit dem verbreiteten und durchaus natürlichen Wunsch, in ruhiger Umgebung zu wohnen und unter seinesgleichen zu bleiben. Man belasse es lieber bei Ausflügen in die Urbanität aus einem gesicherten Hafen heraus.
Der Oldenburger Wissenschaftler sieht Stadtplanung damit vor einer schwierigen Aufgabe, wenn sie Urbanität und damit verbunden Kreativität und Innovation fördern wolle. Sie müsse sich selbst dazu anhalten, in manchen Vierteln nicht immer genau hinzuschauen, ein gewisses Maß an Unordnung und Unordentlichkeit zu tolerieren. Fußgängerzonen einzurichten, darin liege sicher kein Rezept für mehr Urbanität. Der krasse Gegenbegriff zu einer urbanen Stadt sei die vollendete Utopie der Stadtplanung im Sinne Le Corbusiers.










