(openPR) Hamburg ist bundesweit Spitze beim Müllaufkommen und gleichzeitig Schlusslicht bei der Mülltrennung. Das passt nicht zusammen. Warum klappt der Abfallkreislauf überall woanders in Deutschland besser? Schließlich gelten die Hanseaten doch in puncto Umwelt sonst in so vielen Bereichen als vorbildlich und aufgeschlossen.
„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, das hat Erich Kästner zwar nicht auf die Mülltrennung bezogen, aber es trifft in diesem Fall besonders zu. Reinhard Fiedler von der Stadtreinigung Hamburg kann das bestätigen: „Wir bekommen regelmäßig viele Anfragen von Mietern, die ihren Müll besser trennen wollen, in deren Haus aber keine grünen, blauen und gelben Wertstofftonnen vorhanden sind. Wir geben jede Menge Informationen heraus, aber letztlich scheitert eine effektive Mülltrennung manchmal auch an den örtlichen Gegebenheiten. In Hamburg gibt es Grundstücke, auf denen schlicht kein Platz für mehrere Mülltonnen ist und wo auch keine oder zusätzliche Standplätze für Mülltonnen eingerichtet werden können. Dann lassen wir Ausnahmen gelten. Aber die Mülltrennung könnte viel besser funktionieren, wenn alle an einem Strang ziehen würden. Dazu gehören in erster Linie auch die Hauseigentümer. Am Platz liegt es nämlich längst nicht immer. Schließlich bleibt die Müllmenge eines Hauses gleich groß, egal welche Farbe die Tonnen vor der Tür haben. Es geht ja nur darum, graue Restmülltonnen gegen grüne, gelbe oder blaue Wertstofftonnen auszutauschen. Bei größeren Häusern sollte das eigentlich kein Problem sein.“ Und es lohnt sich für die Mieter und Wohnungseigentümer, denn eine grüne Tonne kostet nur ein Fünftel dessen, was für die Restmülltonne zu zahlen ist. Die blauen Papiertonnen und die gelben Hamburger Wertstofftonnen gibt es ohne zusätzliche Gebühren.
Umweltbewusst zu leben gilt heute weithin als selbstverständlich. Wir sparen Energie, vermeiden Emissionen, achten auf Nachhaltigkeit und essen gesund. Diese Überzeugungen sind mittlerweile so verbreitet, dass sie oft nicht mehr konsequent zu Ende gedacht werden. Wie sonst ist es zu verstehen, dass gerade die Hamburger in der jüngsten Erhebung des statistischen Bundesamtes so schlecht abschneiden. Hamburg liegt beim Aufkommen an Haus- und Sperrmüll mit 300 Kilogramm pro Einwohner und Jahr einsam an der Spitze aller Bundesländer, das ist im Vergleich mit Baden-Württemberg mehr als doppelt so viel Müll. Außerdem beträgt der Anteil der getrennt gesammelten Wertstoffe an den Haushaltsabfällen nach einer Berechnung von Statista nur 24,9 Prozent, während es zum Beispiel in Baden-Württemberg 37,8 Prozent sind.
Das Bündnis für mehr Recycling der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt sowie der Stadtreinigung als Kooperation mit der Wohnungswirtschaft und den Mieterverbänden will zur Verbesserung beitragen. Es verfolgt das Ziel, mehr Haushalte an die Bioabfallsammlung anzuschließen und Altpapier in der blauen Tonne zu entsorgen. Auch die Sammlung in der gelben Hamburger Wertstofftonne mit Verpackungen und Abfällen, die überwiegend aus Kunststoffen oder Metallen bestehen, soll erheblich ausgeweitet werden.
„Dass Mülltrennung und -vermeidung im Bewusstsein vieler Menschen nur eine nebensächliche Rolle spielt, liegt auch daran, das die Entsorgung normalerweise regelmäßig, sauber und zuverlässig funktioniert“, sagt Doris Wittlinger, Geschäftsführerin der Hausverwaltung Stöben Wittlinhger. „Dadurch wird vielen Bürgern gar nicht so richtig bewusst, wie viel Abfall im Alltag jedes Jahr entsteht.“ Fast 787.000 Tonnen sind es allein in Hamburg, 36 Millionen Tonnen in ganz Deutschland. Würde man allein den Hamburger Müll in Container packen und diese eng aneinander gereiht auf die Autobahn stellen, reichte die Strecke weiter als bis nach Malmö in Schweden. Diese riesigen Mengen müssen irgendwo bleiben. Sie werden abgeholt, sortiert, recycelt und gelangen, wenn alle mitmachen würden, in einen Wiederwertungskreislauf, in dem es kaum noch Restmüll gäbe. Dieser Kreislauf beginnt bei jedem Menschen direkt vor der Haustür.
Nach den Vorstellungen der EU sollen 50 Prozent der Abfälle in Europa bis 2020 wieder verwertet werden. Österreich und Deutschland haben dieses Ziel schon überschritten, auch Belgien, die Niederlande und die Schweiz haben die vereinbarten Recyclingquoten bereits erreicht. Nur Hamburg bildet eine einsame Müllinsel und möchte doch die „Umwelthauptstadt Europas“ sein.
Das Hamburgische Abfallwirtschaftsgesetz und verschiedene Verordnungen verpflichten alle Bürger zur Mülltrennung. Doch die Umsetzung hinkt noch hinterher. Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen nicht weiter, bilden aber – anders als der Müll – einen perfekten Kreislauf: Die vielen Singlehaushalte in Hamburg seien schuld, weil sie angeblich besonders viel Müll produzieren. Die Stadtreinigung Hamburg sei schuld, sagen andere, weil das Sammeln und Sortieren pro Tonne angeblich doppelt so teuer sei wie das Verbrennen. Die Vermieter unternehmen nichts, weil sie keinen Vorteil davon haben, argumentieren Mieter und Stadtreinigung.
Technisch wäre ein vollständiger Müllkreislauf bereits möglich, doch noch scheitert er an den Gewohnheiten der Menschen. Die zu ändern ist für die meisten Menschen schwerer, als weiterhin mit schlechtem Gewissen das Falsche zu tun und es besser zu wissen. Vielleicht müssen erst Müll-Events auf der Deponie, in der Sortier- und Kompostieranlage und in der Verbrennungsanlage veranstaltet werden, damit der Müll überhaupt erst sichtbar wird und damit das Ausmaß des Problems. Wie bereits mit Kästner gesagt: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“.











