(openPR) FRIEDRICHSHAFEN – "Jeder hat ein Recht auf Poesie!", betont, ja intoniert Lars Ruppel. Deshalb hat der Poetry-Slammer vor drei Jahren "Weckwort"“, ein Poesie-Projekt für Menschen mit Demenz gegründet. Ende Oktober war der 27-Jährige im Franziskuszentrum der St. Anna-Hilfe (Stiftung Liebenau), wo er zunächst rund 40 Studenten der Zeppelin-Universität im Gedichte-Vortragen schulte, um dann zwölf Bewohner mit vertrauten Versen, individuellen Reimen und alten Ohrwürmern zu begeistern.
Mit Poesie ins Jetzt und Hier
"Grüß Gott Frau Faller*!", Lars Ruppel schüttelt der Bewohnerin die Hand, lacht sie an, überlegt kurz und reimt: "Sie sind ein richt’ger Knaller!" Überrascht hebt die ältere Damen die Augenbrauen, während sich der Saal mit den Studenten, deren Dozentin und den Betreuerinnen vom Franziskuszentrum bereits mit spontanem Lachen gefüllt hat. "Grüß Gott Frau Tomotzky*, Sie fahrn bestimmt gern Ski!" Siegessicher will sich Lars Ruppel schon der nächsten Bewohnerin zuwenden, als Luise Tomotzky leise rebelliert: "Aber ich fahr‘ doch gar nicht Ski!" Lars Ruppel zeigt sich begeistert, fragt nach und erfährt, dass die ältere Dame nicht Skifahren kann, aber immer gerne segeln war. Gleich reimt er ein paar Verse über das Segeln, den Wind und das Abendrot auf dem Bodensee. Luise Tomotzky schaut den sonderlichen Poeten mit der großen Brille verwundert, aber selig an.
"Kommunikation auf einer sensiblen, leisen Ebene"
Zwischen den älteren sitzen viele junge Menschen, die Wirtschaft, Kommunikation und Politik an der Zeppelin Universität studieren. Sie haben die Bewohner im Eingangsbereich abgeholt und halten nun ihre Hände. Gleich sind sie dran. Die Stunde zuvor haben sie sich mit Lars Ruppel im Gedichte-Vortragen geübt. Der Marburger Poet hat ihnen gezeigt, wie sie Rhythmik, deutliches Sprechen, Augenkontakt, Gesten und Berührungen einsetzen können, um auch Menschen mit Demenz Gedichte nahe zu bringen. "Inhaltlich geht es in unserem Seminar um Führung und Kommunikation. Das hier ist Führung und Kommunikation auf einer sehr sensiblen, leisen, zutiefst menschlichen Ebene – und für mich schon zum zweiten Mal ein ganz besonderes Erlebnis!", sagt Dozentin Dr. Angelica Marte.
"Was bleibt, sind die Emotionen"
"Fest gemauert in der Erden, steht die Form aus Lehm gebrannt", rezitiert Lars Ruppel im Stakkato. Fast alle über 70-Jährigen kennen Schillers Glocke aus der Schule. Gleich stimmen die ersten ein, die jungen Leute staunen. Lars Ruppel wiederholt die Verse, läuft von Rollstuhl zu Rollstuhl, nimmt Hände in die seine, erfasst immer mehr in ihrer Erinnerung. "Die Menschen vergessen, was hier passiert", hat er zuvor gesagt. "Was bleibt, sind die Emotionen: dass es schön war, dass sie etwas gekonnt haben."
Dann sind die Studenten dran. Eindringlich wiederholt eine Studentin die bedeutenden Zeilen des "Kabeljau" von Heinz Erhardt, ein anderer ergreift beherzt die Hände der Bewohner zum Gedicht "Mutters Hände" von Kurt Tucholsky. Insgesamt sechs Studenten tragen Gedichte vor. Immer ist Lars Ruppel im Hintergrund und springt ein, wenn die Konzentration bei den Bewohnern nachlässt.
Wach für eine ungewöhnlich lange Zeit
"Was ist das Schönste für Sie?", fragt Lars Ruppel jeden Bewohner, sammelt und singt die Antworten: "Es ist schön, dass ich gesund bin. Die Liebe ist schön und es ist schön, die Familie da zu haben." Als Refrain dient ein Ohrwurm, den auch viele Bewohner mitsingen: "Oh, wie ist das schön. Oh, wie ist das schön." Zum Abschied bringen die Studenten "ihre" Bewohner auf deren Zimmer und resümieren in der nachfolgenden Besprechung bewegt, "dass eine ältere Dame am Ende doch sehr angetan war, obwohl sie zu Beginn meinte: ‚So ein Quatsch‘!" oder "dass sie alle immer mehr dabei waren".
Pflegedienstleiterin Susanne Ewald bestätigt diese Beobachtungen selbst für eine ältere Dame, die scheinbar teilnahmslos in ihrem Rollstuhl saß, auch ihren Namen nicht sagen konnte oder wollte und deshalb von Lars Ruppel mit "Frau Wunderschön" angesprochen wurde: "Normalerweise schläft diese Dame immer recht bald ein. Heute blieb sie wach für eine Zeit, die für sie ungewöhnlich lang war."
* Namen von der Redaktion geändert
Informationen:
"Weckworte", Lars Ruppels deutsches Poesie-Projekt für Menschen mit Demenz, hieß anfangs noch "Alzpoetry" und stammt aus den USA. Der New Yorker Poetry-Slammer Gary Glazner konzipierte die Methode und praktiziert sie bereits seit 2004. Vor drei Jahren nahm Lars Ruppel erstmals an einem Workshop seines Kollegen teil und schwärmt: "Das hat mich gefesselt und so überzeugt in seiner Wirkung, dass ich dabei geblieben bin." Seitdem leitet er rund 150 Workshops jährlich, schult Schüler, Studenten und Pflegepersonal.
www.larsruppel.de, www.alzpoetry.de
_________________________________________













