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"Manchmal bin ich froh, ein Flüchtling zu sein"

06.09.201211:04 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung
Bild: "Manchmal bin ich froh, ein Flüchtling zu sein"
Harun I. organisiert Leseklassen in Flüchtlingslagern
Harun I. organisiert Leseklassen in Flüchtlingslagern

(openPR) Harun I. lebt in Bredjing, einem Flüchtlingslager der UNO im Tschad. Wie ungefähr 230.000 andere Menschen ist er vor den gewaltsamen Auseinandersetzungen des Darfur-Konflikts aus dem Sudan geflohen. Allein aus seinem Volk, den Massalit, haben ungefähr 120.000 Leute ihre angestammte Heimat verlassen.


Harun hat alles verloren, was ihm lieb und wert war. Nur eines ist ihm und den anderen Massalit geblieben – ihre Sprache, ihre Geschichten und ihre Lieder. Im Lager haben sie zum ersten Mal in ihrem Leben die Möglichkeit, in ihrer Sprache lesen und schreiben zu lernen und ihre Volkserzählungen und Gedichte aufzuschreiben. Harun ist stolz darauf, ein Massalit zu sein. Deswegen ist es ihm wichtig, dass die Sprache und die Kultur seines entwurzelten Volkes erhalten bleiben. „Seit wir unsere Sprache lesen und schreiben können, sind wir wer!“, sagt Harun begeistert. „Dass wir fliehen mussten, war entsetzlich. Aber manchmal bin ich richtig dankbar dafür, im Flüchtlingslager leben zu können. Hier hat unser Volk Bildungschancen bekommen, die wir sonst nie gehabt hätten! Ich bin selber viel in den Lagern unterwegs und helfe dort mit, Leseklassen auf die Beine zu stellen. So kann ich meinen Landsleuten helfen, wieder eine Perspektive für die Zukunft zu bekommen.“

Was für uns selbstverständlich ist – Lesen und Schreiben in der Muttersprache – ist für viele Menschen etwas unerhört Kostbares. Lesen in der Muttersprache eröffnet ihnen neue Horizonte und schenkt Würde und Identität. Auch dieses Jahr erinnert der Weltalphabetisierungstag der UNESCO am 8.September wieder an die Situation der Analphabeten weltweit. Aktuelle Zahlen der UNESCO sprechen von 796 Millionen Menschen, die weder lesen noch schreiben können. Die meisten dieser Menschen leben in Afrika und Süd- oder Westasien, zwei Drittel von ihnen sind Frauen. Dabei waren die Jahre 2003 – 2012 von der UNO zur Weltalphabetisierungsdekade erklärt worden. Fehlende Schulen, schlecht ausgebildete Lehrer und mangelnder politischer Wille machen die großen Pläne jedoch in vielen Teilen der Welt zunichte. Ein weiterer Faktor wird dabei oft übersehen: Über 2000 Sprachen der Welt werden nur gesprochen, d.h. sie sind noch nie aufgeschrieben worden. Für diese Sprachen gibt es keine Alphabete und folglich auch keine Schulbücher. Deswegen findet in vielen Ländern der Zweidrittelwelt der Schulunterricht nicht in der Muttersprache der Kinder, sondern in der Landessprache statt. Die meisten Kinder verstehen diese Sprache jedoch nicht einmal ansatzweise. Oft brechen sie deshalb nach kurzer Zeit die Schule wieder ab, ohne Lesen und Schreiben gelernt zu haben. Ein Leben als Analphabet ist vorprogrammiert.

Die Massalit haben nun das Vorrecht, in ihrer eigenen Sprache lesen und schreiben zu lernen. Und die Begeisterung kennt keine Grenzen: Schon morgens um sechs Uhr treffen sich die ersten Leseklassen unter Bäumen. In anderen Klassen muss wegen des großen Andrangs die Teilnehmerzahl begrenzt werden. Wie ist es dazu gekommen?

Seit 1990 lebt die Wahl-Gießenerin Angela Prinz im Tschad. Als Mitarbeiterin von Wycliff, einem in Burbach-Holzhausen ansässigen christlichen Werk, begann sie 1991 mit dem Studium der Massalit-Sprache. Da auch Massalit damals zu den ungeschriebenen Sprachen gehörte, standen ihr dafür keine Lehrbücher zur Verfügung. Angela Prinz eignete sich die Sprache im direkten Kontakt mit den Menschen an, durch Zuhören, Nachahmen, Fehlermachen und Sich-Korrigieren-Lassen. Später folgten die Verschriftung der Sprache und die Erforschung der Grammatik.
20 Jahre später ist aus diesen bescheidenen Anfängen ein florierendes Sprachentwicklungsprojekt geworden: In fünf Massalit-Flüchtlingslagern gibt es Leseklassen, in denen sich auffallend viele bildungshungrige Frauen und Mädchen befinden. Damit die Leseanfänger ihre neu erworbenen Kenntnisse auch anwenden können, gibt es bereits einiges an Literatur auf Massalit: Gedichte und Lieder, Geschichtenbücher, einen Leitfaden zur Krankenpflege; die Geschichte der Massalit ist in Arbeit. Auch in Zukunft sollen den Massalit gute Bücher und Geschichten zur Verfügung stehen. Deshalb gehört die Ausbildung von Redakteuren und Übersetzern mit zum Programm. Begabte Massalit lernen, wie man gut schreibt und redigiert, oder wie man interessantes Material aus anderen Sprachen für die Massalit zugänglich machen kann. „Nur indem wir Einheimische ausbilden“, sagt Prinz, „können wir sicherstellen, dass das Programm einmal auf eigenen Füßen stehen kann.“

Für ihre herausfordernde Aufgabe wurde Angela Prinz in Burbach-Holzhausen ausgebildet. Dort unterhält der deutsche Zweig der international tätigen Organisation Wycliff ein Ausbildungsseminar, das European Training Programme (etp). Mittlerweile leitet Prinz, die einen akademischen Grad in Interkulturellen Studien hat, selbst das Ausbildungsseminar. Ihre Sommermonate verbringt sie seither im Hickengrund, um ihre Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben. Denn noch gibt es viel zu tun: 2000 Sprachen haben keine Schrift und in vielen weiteren Sprachen gibt es zwar Alphabete, aber es fehlt an geeignetem Lehrmaterial. In Zusammenarbeit mit seiner Partnerorganisation SIL möchte Wycliff dazu beitragen, dass Menschen in ihrer Muttersprache lesen und schreiben lernen können. Denn nur so können Menschen ihre eigene Lebenssituation nachhaltig verändern und an der Entwicklung ihres Landes teilhaben. Die Weltalphabetisierungsdekade der UNO geht dieses Jahr zu Ende – der Einsatz von Wycliff im Dienst der schriftlosen Völker noch lange nicht.

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