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Die Trojaner von Hans Lankes

09.08.201218:21 UhrKunst & Kultur
Bild: Die Trojaner von Hans Lankes
Hans Lankes Trojaner reiten, Papier auf Leinwand, 80 x 80 cm
Hans Lankes Trojaner reiten, Papier auf Leinwand, 80 x 80 cm

(openPR) Ausstellung mit Messerschnitten von Hans Lankes im Tempel Museum Etsdorf .
Zeitgleich wird die Installation "Reisetempel" von Barbara Rüppel gezeigt.



Eine Einführung von Prof. Dr. Jens Kulenkampff
Institut für Philosophie
Friedrich-Alexander-Universtiät Erlangen-Nürnberg

Hans Lankes schreibt im Text zu seinen Trojanern, er wollte wissen, ob er „ein neues Bild in die historische Reihe alter Bilder Trojanischer Pferde stellen kann.“ Dabei geht es ihm nicht „um historisierende Darstellungen oder um Variationen bekannter Motive“, sondern es geht ihm „um das Jetzt, das Heute, um Gegenwärtigkeit“. Und dazu führt er aus:
Das Trojanische Pferd ist heute als Trojaner allgegenwärtig, als Schadprogramm, das sich in geschützte Bereiche eines Computers „einschleicht“ bzw. als getarntes Programm arbeitet/agiert, ohne dass der Befallene davon ahnt. Aufgrund der umfänglichen Anwendung des Computers und seiner Bedeutung im und für das berufliche und private Leben heutiger Menschen ist das Eindringen eines Trojaners in einen Computer auch ein Eindringen in die Innenwelt eines Menschen. Und damit bin ich bei einem der Hauptthemen meiner Bildfindung, dem Innenleben. – Meiner Formfindung zur Messerschnitt-Serie Trojaner dienen, neben „Pferd“, vor allem die Begriffe „Befall“, „Befehl“, „Verstecken, „Tarnen“, „Kopf“, „Haus“, „Schutz“, „Abwehr“ und „Eindringen“.
Hans Lankes schließt mit der Bemerkung, daß es ihm um eine „offene Darstellung“ gehe, nicht um eine „auserzählte“ Bildgeschichte oder um die Illustration eines Themas. Vielmehr sollen die Bilderfindungen „unabhängig vom Konzept als Bild Bestand haben“, aber natürlich sollen sie – so verstehe ich es – in einem freien Bezug auf die Begriffe stehen, die sich für Hans Lankes mit dem Begriff des Trojaners verbinden und die den Assoziationsraum umreißen, in dem die Messerschnitte anzusiedeln sind.
Zum Beispiel das Bild „Trojanisches Pferd“, das thematisch für die ganze Serie stehen könnte: ein wie aus Parkettstücken zusammengezimmertes Pferd mit vierzehn brennenden Kerzen auf dem Rücken, die so unschuldig wirken wie eine Prozession der vierzehn Nothelfer; links davon ein lichterloh brennendes, aber – verglichen mit dem Pferd – spielzeughaft klein wirkendes Haus.
Wodurch wurde es in Brand gesetzt? Wir wissen es nicht. Aber die Disproportion zwischen dem kleinen Haus und dem riesigen künstlichen Pferd erinnert an die alte Geschichte von der Kriegslist der Achäer vor Troja, die ihre verwegensten Krieger in einem riesigen Holzpferd verbargen, das die Troer für ein Weihegeschenk hielten und das so groß war, daß man in die Mauern Trojas eine Bresche schlagen musste, um das Pferd in die Stadt zu bringen, aus dem dann in der Nacht die Angreifer herauskrochen und Troja in Schutt und Asche legten.
Mit anderen Worten: Was getarnt und unschuldig daherkommt, kann sich als gefährlicher, feindlicher Eindringling erweisen – gerade so, wie jene Trojaner genannten Schadprogramme, die oft in harmloser oder gar verlockender Verpackung versteckt sind, die in unsere Computer eindringen und diese ausspähen und zerstören können – mit all den desaströsen Folgen, die das für unser Leben in einer total vernetzten Welt haben kann.
Für mich hat die alte Geschichte vom Untergang Trojas am Ende des zehnjährigen Krieges aber noch ein paar weitere bedenkenswerte Facetten, mit denen man als Betracher der Messerschnitte seinen Assoziationsraum bereichern könnte.
Zunächst sollte man einmal den Bürgern Trojas Gerechtigkeit widerfahren lassen und darauf hinweisen, dass die Bezeichnung „Trojaner“ eigentlich ganz falsch ist.
Denn es sind ja nicht die Trojaner (oder die Troer, wie man früher sagte), die den Schaden anrichten; vielmehr sind die Trojaner, die Bürger Trojas, die Geschädigten!
Im Grunde müssten also die heute sog. Trojaner „Achäer“ heißen, denn das waren die Angreifer.
Und die Kriegslist hat sich kein Bewohner Trojas, sondern der listige Odysseus aus Ithaka ausgedacht. Ausführlich wird die Geschichte übrigens nicht von Homer erzählt – da finden sich in der Odyssee nur zwei ganz kurze Hinweise -, sondern von Vergil aus der Perspektive des Äneas, des einzigen Helden, der aus Troja fliehen konnte.
Eine andere Idee, die mir kam, ist die folgende.
Zwar stehen sich im Trojanischen Krieg zwei Parteien als Feinde gegenüber, aber die Belagerten wie die Belagerer sind allesamt Griechen. Vor allem aber sind es dieselben Götter, mit denen es beide Seiten zu tun haben und die aus verschiedenen Gründen für die eine oder die andere Seite Partei ergreifen, die deshalb untereinander ebenfalls in Streit geraten und die übrigens auch allerlei Listen anwenden, um in diesem Götterstreit die Oberhand zu gewinnen.
Und am Ende sind es – nach der Überzeugung der alten Griechen – eigentlich sowieso nicht die Menschen, die ihre Geschicke lenken, sondern die Götter, die über Segen und Fluch, Glück oder Unglück, Sieg oder Niederlage entscheiden und diese als Schicksal über die Menschen verhängen.
Nehmen wir diesen Aspekt der alten Geschichte symbolisch und übertragen wir ihn – ganz im Sinne von Hans Lankes – auf das Heute und unsere Gegenwart, dann müssen wir sagen, dass wir vom Computer und dem Medium des Internet inzwischen so schicksalhaft abhängig sind wie die Griechen von ihren Göttern und dass sich auch für uns ein und dasselbe inzwischen übermächtig Gewordene als nützlich oder schädlich, als Segen oder Fluch erweisen kann. Denn am Ende ist das Trojaner genannte Schadprogramm ja auch nur ein Programm, das von denselben Raffinessen moderner Informationstechnik profitiert, von denen auch wir bei all den verschiedenen hilfreichen und bequemen Anwendungen profitieren.
Und noch eine Assoziation: Zur Geschichte mit dem hölzernen Pferd gehört auch die Figur des Priesters Laokoon, der davor gewarnt hat, das Pferd in die Stadt zu bringen, weil er von einer Kriegslist der Achäer überzeugt war, und der sogar eine Lanze gegen das Pferd geschleudert hat, was den, ach!, so tapferen Helden im dunklen Bauch des Pferdes denn doch einen gehörigen Schrecken eingejagt haben soll.
Auf Laokoon wurde nicht gehört, und er und seine beiden Söhne wurden von zwei Seeschlangen erwürgt, was man für ein Zeichen der Götter hielt, dass Laokoon sich mit seinem Lanzenwurf freventlich an dem Weihegeschenk vergangen habe.
Auch wenn man die Warnung des Laokoon in den Wind geschlagen hat, ist dieser Teil der Geschichte für uns bedeutsam: Denn offenbar hatten die Troer die Wahl.
Sie konnten das Pferd zerstören oder konnten es, wie einige vorschlugen, einen Abhang hinunterstürzen oder sie konnten es als das ansehen, als was es ihnen angepriesen wurde, nämlich als zu behütendes Weihegeschenk an die Götter.
Übertragen auf unsere Situation heute bedeutet das:
So ganz wehrlos sind wir nicht. Auf Warner sollten wir hören. Und vor allem sollten wir vorsichtig sein und unser „Innenleben“, von dem Hans Lankes spricht, nicht so leichtfertig externalisieren und unseren vernetzten Rechnern, anonymen und virtuellen Marktplätzen und geschwätzigen Plauderforen, fernen und uns unbekannten Servern, ja sogar neuerdings den Wolken anvertrauen.
Denn damit öffnen wir eben selbst die Tür und lassen die modernen Nachfahren des Trojanischen Pferdes ein. – Was passiert oder passieren kann, wenn das „Innenleben“ nach außen tritt, das ist ein Thema der Messerschnitte von Hans Lankes.

Die Ausstellung "Trojaner" ist bis zum 07. Oktober 2012 im Tempel Museum in 92272 Etsdorf, Rangersgaß 21, Dienstag bis Sonntag 10 - 17 Uhr, zu sehen.

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