(openPR) Von Roland Hartig (Lichtblick-Newsletter)
"53 Prozent bin ich wieder Mensch, 47 Prozent bin ich immer noch Scientologe. Ich entdecke immer noch Muster", so wörtlich Wilfried Handl, Ex-Direktor von Scientology Österreich in einem Pressegespräch am Freitag in Berlin. Dabei stellte der Aussteiger sein Buch "Scientology: Wahn und Wirklichkeit - 28 Jahre in einer Psychosekte" vor. Handl rückblickend: "Anfangs schrieb ich aus reiner Selbsttherapie, tagebuchartig. Erst langsam kam die Idee, daraus ein Buch zu machen." De facto arbeitete er drei Jahre daran. Auch noch heute durchlebe Wilfried Handl, "ähnlich einem Heroinsüchtigen", den Entzug.
Dass erstmals ein Österreicher, der verhältnismäßig hochrangige Funktionen in der Scientology-Organisation (SO) bekleidet hat, jetzt auspackt - noch dazu wo sich diese Vereinigung heute als Menschenrechtskommission präsentiert - lässt aufhorchen. Selbst Wilfried Handls Lebenspartnerin, die das Glück hatte, ihn vor seiner Zeit bei Scientology kennen zu lernen, schreibt im Nachwort: "In unserer Beziehung werde ich auch heute noch mit den Altlasten, im Sinne von irrwitzigen Glaubenssätzen, eintrainierten Verhaltensmustern und einem sehr fraglichen Wertesystem konfrontiert." Handl besuchte SO-Kurse, war Kursüberwacher, PR-Betreuer von "Kult&Magie" und Leitender Direktor. Zum Geschäft gehörten ein "aufgeblasenes Ego", das zentrale Mittel "Auditing", das scientologische Zauberkästchen "E-Meter", der "Druck von oben", der "Druck von der Seite", die Hubbardsche "Ethik" und der Datenmissbrauch. "Ich bin nicht nur Opfer von Scientology, sondern war in all den Jahren auch Täter, der das 'Gesetz' L. Ron Hubbards in die Tat umsetzte", so Wilfried Handl.
"Was sich heute in Scientology wirklich abspielt, wissen nur wenige, vielleicht 50 Scientologen. - Was aber Scientology 'global' möchte, beschreibt der Hubbard", sagte Handl, und erinnerte daran: "Auch Adolf Hitler hat ja mal Mitte der 20er-Jahre bereits alles, was 20 Jahre später gekommen ist, aufgeschrieben." Nach Handls Schätzungen gibt es in Österreich höchstens 300 bis 500 Scientologen, in Deutschland etwa 3500. Bei Scientology kursieren weit höhere Zahlen.
In Ansätzen verwies Handl darauf, wo die Gefahren von Scientology liegen. So könne jeder mit ein wenig Phantasie sich selbst die Frage beantworten, "wozu Scientology in Brüssel ein Lobbybüro unterhält, das sich 'lustigerweise' unweit des EU-Parlamentes befindet". Ein weiteres Beispiel ist die "Dr. Rath Health Foundation". Handl unterstellt Dr. Rath nicht, dass er Scientologe ist. "Aber ich weiß, dass seine Wiener Dependance von zwei Scientologen geleitet wird." Oder: "Manche Firmen bekommen ihre Business Success-Seminare sogar von der Wirtschaftskammer gefördert - ohne der Wirtschaftskammer etwas unterstellen zu wollen: Dort weiß man einfach nicht, was man damit wirklich fördert." Außerdem, so Handl, setze Scientology auf soziale Kampagnen: "Die sind nur Fassade, dahinter liegt Morast." Er nannte als Beispiele das Drogenentzugsprogramm von Narconon (Klienten zahlen etwa 3000 Euro im Monat) und einige Aktivitäten des SO-Ablegers "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" (KVPM). Im Gespräch sagte Handl, dass der Mitherausgeber des Scientology-Buches "Die Männer hinter Hitler", Volker Kubillus, früher Leiter vom "Guardians Office" in Wien war. Diese Einrichtung verteidigte Scientology bis Anfang der 80er-Jahre vor allen möglichen "Feinden". Nachfolger ist OSA - Office of Special Affairs - auf deutsch: Büro für spezielle Angelegenheiten.
Der Berliner Weltanschauungsbeauftragte Thomas Gandow verwies im Gespräch darauf, dass Scientology besonders im politischen Bereich "keine Posten im Scheinwerferlicht" anstrebe. Es gilt das Prinzip der "Assistenz", also indirekte Einflussnahme. "Das lässt sich nur schwer überprüfen", so Gandow weiter, "weil Scientology eine Organisation ist, die mit geheimdienstlichen Mitteln arbeitet."
Wilfried Handl, der 2001 erst als schwer Krebskranker den endgültigen Ausstieg schaffte, spürte damals den scientologischen Vorwurf deutlich, kurz gefasst in Anlehnung Hubbards Lehre: "Hinter jeder Krankheit steckt der eigene böse Wille, das eigene böse Tun; sonst wäre man nicht krank." - "Das war zuviel für mich", so Handl.
Scientology Österreich hat inzwischen Wilfried Handl zur "Unterdrückerischen Person" (Suppressive Person, SP) erklärt. Der Kontakt zu zwei seiner Söhne wird ihm verweigert. Er gibt dennoch nicht auf; bietet Ausstiegswilligen in einem Verein Hilfe an (Tel. 0664 55 32 500). In Vorbereitung ist ein Dokumentationsarchiv über Scientology im Internet. Ilse Hruby, Buchautorin von "Meine Ehe mit einem Scientologen", sagte abschließend zu ihrem Landsmann: "Ich bewundere deinen Mut, weil ich weiß, was es mich an Kraft gekostet hat, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen." Bleibt zu hoffen, dass sich weitere Aussteiger so deutlich positionieren.
Scientology: Wahn und Wirklichkeit
28 Jahre in einer Psychosekte
von Wilfried Handl
ISBN 3-200-00394-4
Internet: Verein "Mensch vs. Scientology"
www.Mensch-versus-Scientology.org
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Pressekontakt, Rückfragen: Roland Hartig
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