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Brauchen wir eine deutsche Stabilitätskultur?

(openPR) Karlsruhe, 9. Mai 2012. Ein beliebtes Thema dieser Tage ist die Gefährdung der sogenannten deutschen Stabilitätskultur durch die Eurokrise. Eine Flut von frisch gedrucktem EZB-Geld überschwemmt die Märkte. Viele Menschen haben Angst, dass hiermit nicht nur Banken vor Finanzierungsengpässen bewahrt und marode Staaten stabilisiert werden, sondern dass auch der Grundstein für eine Inflationswelle in den kommenden Jahren gelegt wird.



Die Mahner im Hinblick auf eine solche Entwicklung warnen immer wieder vor einer Gefährdung der deutschen Stabilitätskultur als drohendem Unheil. Doch worauf bezieht sich eigentlich der Begriff der sogenannten Stabilitätskultur? Etwa auf niedrige Inflationsraten?

In den letzten 60 Jahren war die durchschnittliche Veränderungsrate bei den Verbraucherpreisen 2,6% p.a.; in den vergangenen 20 Jahren bei 1,8% p.a.

Unter Stabilität versteht das Wörterbuch von Wahrig „Festigkeit“ und „Dauerhaftigkeit“; beim Duden findet man „Gleichbleibendes“. Ein Wertverlust von 1,8% oder von 2,6% jährlich mag nicht viel erscheinen, über einen längeren Zeitraum betrachtet führt dies aber auch zu erheblichen Einbußen. Sind diese kontinuierlichen Rückgange aber inzwischen gleichbedeutend mit einem dauerhaften und festen Geldwert? Natürlich kann man argumentieren, dass andere Nationen noch undisziplinierter bei der Inflationsbekämpfung sind. Aber dass andere instabiler sind, heißt noch lange nicht, dass man in Deutschland eine Stabilitätskultur hat. Angesichts des schleichenden Wertverfalls müsste man eher von einer „Erosionskultur“ sprechen.

Aber wäre Preisstabilität überhaupt wünschenswert? Eine schleichende Inflation von 2%-3% p.a. wird inzwischen von vielen Ökonomen als Grundvoraussetzung dafür gesehen, dass die Wirtschaft richtig läuft. Sie ist quasi der Schmierstoff für wirtschaftliche Aktivität. Stabilität bei den Preisen würde in letzter Konsequenz auch Stagnation und steigende Arbeitslosigkeit bedeuten, und das will keiner. Aus dieser Perspektive betrachtet, haben Bundesbank und EZB ihren Job bisher ausgezeichnet gemacht, eben weil sie keine Stabilität gesichert, sondern eine Art „kontrollierte Abwertung“ der Kaufkraft zugelassen haben.

Wer sich allerdings heute im Vertrauen auf die deutsche Stabilitätskultur eine 10jährige Bundesanleihe mit einer nominalen Rendite von 1,6% kauft und bis zur Endfälligkeit hält, wird wahrscheinlich eine böse Überraschung erleben. Bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von 2% p.a. gehen nach Abzug von Steuern und Wertverlusten durch Inflation bis zur Tilgung real 8% an Kaufkraft verloren. Bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von 3% p.a. würde die Einbuße sogar real 17% betragen. Voraussetzung ist natürlich, dass die Kapitalertragsteuern nicht noch weiter steigen. Dann wäre der Wertverlust noch größer.

Die deutsche Stabilitätskultur wird nicht durch die Euro-Krise gefährdet, es hat sie nie gegeben und sie wäre auch Gift für die wirtschaftliche Entwicklung. Wer heute die Rückbesinnung auf sie fordert, propagiert nichts anderes als eine Illusion: dass es Wirtschaftswachstum und Beschäftigung gibt, ohne zumindest ein wenig Inflation in Kauf zu nehmen.

Vor fast genau 100 Jahren hat der herausragende Ökonom Joseph Schumpeter seine Theorie der Wirtschaftsentwicklung als eines Prozesses „schöpferischer Zerstörung“ entwickelt. Er hat gezeigt, dass man nicht gleichzeitig Fortschritt und Stabilität haben kann; es besteht ein Grundwiderspruch zwischen beiden Begriffen. Was hätte er wohl zu einem Begriff wie Stabilitätskultur gesagt?

Zuviel Stabilität ist genauso gefährlich wie zu hohe Instabilität, man benötigt nur länger, bis man den Schaden bemerkt. Wenn Deutschland im Moment wirtschaftlich besser dasteht als andere Länder, dann liegt es wohl eher daran, dass es hier eine Innovationskultur gibt. Bildung, Wissenschaft und Forschung sind die Grundlagen des deutschen Wohlstands, nicht das beharren auf Stabilität. Hierauf sollte man sich besinnen.

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