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Sucht, Scham und Suche - die Entwicklung unserer Kultur im Spiegel von? Film und Forschung

18.04.201212:53 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung

(openPR) Der Film „Shame“ von Steve Mc Queen zeigt, wie Brendon, ein Mann in mittleren Jahren, durch neue Sexaffären seine Erfüllung sucht – immer wieder vergeblich, und darum in ständiger Wiederholung. Der Film kreist um die endlosen Wiederholungen, die den Mann immer tiefer sinken lassen.

Zwischen Leere und Besessenheit

„Shame“ ist ein Spiegel der Gegenwarts-Kultur. So wie Brendon die Frauen „haben“ muss, so muss die Kultur ständig mehr Geld, mehr Konsum, mehr Events, mehr Kicks, mehr Kontrolle haben. Heute, in der sogenannten „Krise“, kommen die Schäden des globalen Haben-Müssens ans Licht. Ohne jede Moralisierung deckt „Shame“ aber nicht nur die Schäden, sondern auch die Entstehung der Sucht-Kultur auf:

Die Protagonisten des Films wandeln in einer kalten und sterilen Welt umeinander, unfähig Beziehungen miteinander einzugehen. Sprachlosigkeit oder ein sinnloses Geplapper, lang gezogene Nahaufnahmen und das Verweilen in höchst intimen Tabuzonen lassen den Zuschauer eine Leere spüren, die kaum auszuhalten ist. „Shame“ enthüllt die nackte Leere im Zentrum der besinnungslosen Jagd nach Mehr-und-Mehr. Durch Besessenheiten, hier durch Sexsucht, wird versucht, die Leere zu füllen – doch gerade dadurch wird das beängstigende Loch weiter aufgerissen. Es ist nie genug, wir sind nie befriedigt.

Besser weggucken?

Das klingt „negativ“, und Marktforschung sollte doch „positiv“ denken, zumal sie maßgeblich an der Ausweitung des Konsums beteiligt ist. Soll also Marktforschung die Illusion des Weiter-So aufrecht halten, ähnlich wie die Politiker? Ich denke, eine ehrliche Wissenschaft sagt, was Sache ist. Und Sache ist, dass die Bevölkerung, die sogenannten Konsumenten, heute viel weiter blicken, als der offiziellen Politik und ihrer Marktforschung recht ist. Es ist unschön, doch es ist notwendig, das ganze Ausmaß der „Krise“ aufzudecken, um überhaupt sinnvoll fragen zu können, was daran „positiv“ ist, und wo Lösungen liegen.

Die Rückkehr der Scham

„Shame“ ist eine aktuelle Erfahrung, ein Phänomen. Der Film spiegelt in der Sexsucht ein verbreitetes Lebensmuster, das sich genauso gut um Karriere, Eigentum, Geld, Konsum, Essen, Arbeit, Drogen, Macht drehen kann. Nicht nur der Einzelne, die Gesellschaft als Ganze scheint von einer rasenden Dynamik beherrscht, die keiner mehr im Griff hat. In Interviews zum Thema „Krise“ bringen die Befragten das Gefühl zum Ausdruck, wider Willen in ein zwanghaftes Treiben verwickelt zu sein. In ein Treiben, das kein gutes Ende nimmt. Vor einigen Jahren kam wenigstens noch Geld heraus, jetzt verliert auch das an Wert, und es bleibt ein schales Gefühl. Ein Scham-Gefühl, dass man wider besseren Wissens sich selbst und die Erde ruiniert. „Die Gier der Banken zerstört die Gesellschaft“, das sagt beinah jeder, klagt auch über die erlebte Auflösung menschlicher Beziehungen – least aber den spritfressenden SUV und zieht seine Geschäftspartner clever über den Tisch.

Jeder weiß, dass Energie endlich und das Klima überlastet ist. Die Autoindustrie und ihre Kundschaft halten jedoch habsüchtig an übermotorisierten Karossen fest. Wissen und Handeln driften auseinander – Shame. Aus schlechtem Gewissen flüchtet man in rauschhaften Konsum (jetzt erst recht), in eine Hyper-Moral, die in erster Linie für die Anderen gilt, und in heimliche Katastrophen-Sehnsüchte. Acht von zehn Befragten rechnen mit dem Zusammenbruch des Systems. Globaler Burn-Out als Erlösung. Das ‚Jüngste Gericht’ ist Angst und Wunsch zugleich: „Wie nach dem Krieg, dann kann neu aufgebaut werden.“ Viele schaffen sich jetzt Vorräte an. Mit Gold, Schmuck, Immobilien, Dauer-Konserven rüstet man seinen privaten Katastrophenschutz auf.

Von der Sucht zur Sehnsucht

Der Satz „Wir müssen umdenken“ fällt in fast jedem Interview. Das beginnt mit symbolischen Opfern (Öko-Strom, Spenden, Fair Trade). Eine vage Sinn-Suche tastet sich zu Lebensentwürfen jenseits der Hab-Sucht vor. Im kleinen Kreis von Freunden und Familie findet man das Kollektiv wieder, das im Großen rapide zerfällt. Im Garten oder bei Handarbeit freut man sich an organischen Entwicklungen und eigenen Werken. Bodenständige Einfachheit statt der abgedrehten Kompliziertheit. Natur und Tradition statt Fortschritt und Technik. Spiritualität und Esoterik statt des Glaubens an Dollar und Euro. Auf dem breiten Feld dieser Sehnsüchte findet das Marketing gute Ansätze für neue Produkte und Dienstleistungen. Es scheint, als sehne man sich insgesamt nach einem Bild organischer, Himmel und Erde umfassender Entwicklung – im Gegensatz zum maßlosen „Wachstum“ von Geld und Technik.

Ein Rad ohne Achse

Aus Sicht der Bürger halten Staat und Finanzwelt stur an verkehrten und sehr gefährlichen Positionen fest. „Haben die nicht mitbekommen, dass wir umdenken müssen, dass wir sonst in die Katastrophe laufen?“ Das Zurückbleiben der Institutionen gegenüber dem ‚Volks-Empfinden’ ist Grund des erschreckenden Vertrauens-Verlustes. Wegen ihrer schamlosen Unbewegtheit sieht man Banker, Manager und Politiker heute als Räuber und Verbrecher – nachdem sie vor zehn Jahren noch als Heilige gefeiert wurden. Dennoch zahlt man weiter Zinsen und Abgaben, Business as usual, und wiederholt gebetsmühlenartig „Wachstum“, „Euro-Rettung“, „Sparpakete“. Keiner der Befragten glaubt an diese Heilmittel. Der Betrieb von Staat und Wirtschaft gleicht einem Rad, das außen noch auf vollen Touren läuft, obwohl im Zentrum die Achse verloren ging. Alles kreiselt wie toll um einen unheimlichen Leer-Punkt: das ist Shame.

Verkehrung der Aufklärung

Wo ist das Zentrum des Lebens geblieben? Um das Phänomen der Leere zu verstehen, muss man in der Kulturgeschichte zurück blättern. Im 19. Jahrhundert erschreckten sich Hölderlin und Heine noch über die Leere, die das Verschwinden der Götter hinterließ. Schnell ersetzte man den Gottes-Glauben durch die Anbetung von Wissenschaft und Technik. Die Kritik der Aufklärung schlug in eine neue Metaphysik um, die den Menschen zum Herrn des Seins ernannte. Sozialismus und Turbo-Kapitalismus sind zwei Spielarten dieser Metaphysik. Doch was ist der Mensch, und was will er? Hier klafft das Loch. Mit Kriegen, Wiederaufbau, technischen Fortschritten (Internet), Heilslehren und dem Wechsel zwischen Beliebigkeit und Besessenheit versucht die Kultur, ihr Sinn-Loch zu füllen. In jeder „Krise“ wird es wieder spürbar. Doch da mittlerweile selbst das Vergessen des Gottes vergessen ist, da infolgedessen auch die „Stellung des Menschen im Kosmos“ gar nicht mehr hinterfragt wird, bleibt der Kern des Kultur-Problems verdeckt.

Balken im Auge

Die westliche Kultur lebt eine Metaphysik, die nicht mehr als Metaphysik sichtbar ist und sich darum auch jeder Diskussion entzieht. Statt der Götter huldigt die Kultur Dämonen (Zwängen und Süchten), die aber als solche nicht gesehen werden. Not und Not-Wendigkeit der Gegenwartskultur sind weder wirtschaftlich, noch soziologisch oder psychologisch zu begreifen. Der Film „Shame“ verzichtet daher auf die Klischees von ‚schwerer Kindheit’ oder ‚böser Gesellschaft’. Das Problem unserer Kultur – und mögliche Lösungen – liegen auf Ebene der Metaphysik.

Die Auseinandersetzungen heute und in Zukunft werden sich nicht um dieses oder jenes Wirtschaftssystem drehen, nicht um „Nachhaltigkeit“ oder Ökologie, sondern um die Frage von Immanenz oder Transzendenz*. Die einen glauben, die ganze Welt lasse sich durch feststellbare Fakten erklären und beherrschen. Die anderen glauben, die Welt werde auch durch Sinn-Zusammenhänge bestimmt, die das Mess- und Zählbare übersteigen und sich der Machbarkeit entziehen. Ein banales Beispiel: wer einen Bio-Joghurt kauft, gibt seinem Glauben an die transzendente „Natur“ Ausdruck. Und ist nicht jede Moral gelebte Transzendenz? Was sind die vielbeschworenen „Werte“ ohne transzendente Fundierung wert?

T.S. Eliot sieht schon 1936 den Streit heraufziehen zwischen “denen, die allein an Werte glauben, die in der Zeit und auf der Erde realisierbar sind, und denen, die auch an Werte glauben, die außerhalb der Zeit verwirklicht werden”. Heute werfen die unübersehbaren planetarischen und seelischen Schäden die Frage nach der Transzendenz neu auf. Der Mensch, der sich allein zum “Maß aller Dinge” macht, zerstört seine Lebens-Grundlagen. Ohne eine neue Transzendenz, ohne neuen Glauben, gibt es keine Entwicklung der Kultur, nur Wiederholung und Shame.

Vom Geld zum Glauben?

Das Credo heute heißt: Ich muss mehr und mehr haben. Ein maßloses Vernutzen von Dingen, Menschen, Natur ist die Folge. Der Gott des grenzenlosen Vertauschens, Einnehmens, Verbrauchens ist das Geld. Seiner Mehrung dient die ganze Kultur. Dieser Gott gerät jetzt in Misskredit – aber man kommt doch nicht von ihm los.
Was nun? Beginnt eine neue Suche nach dem, was des Glaubens würdig ist? Oder stürzt sich die Kultur verzweifelt in Süchte, fällt sie zurück auf rohe Muster wie 1914? Es wird sich zeigen. Immerhin gibt es Hoffnung, dass es gelingt, die entfesselte Ökonomie einzufangen und wieder vor den Karren einer Kultur zu spannen, die ihr Maß und Richtung gibt. Die Predigt, dass alles Heil des Menschen darin liege, der Wirtschaft zu dienen, hat Gott sei Dank an Glaubwürdigkeit verloren. Und genauso groß wie die Süchte heute ist die Leere, das heißt: das metaphysische Bedürfnis der Menschen. Das ist die gute Nachricht.


„Wisse, dass der Mensch unendlich?den Menschen übersteigt.“?(Blaise Pascal)


*transzendere (lat.) = übersteigen, überschreiten

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