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Psychologische Studie zu Skyfall: Mutter stürzt vom Himmel

26.11.2012 • 08:44 Uhr • Werbung, Consulting, Marktforschung

(openPR) Warum ist der neuen James Bond so erfolgreich? Psychologische Studie des SALBER INSTITUTs zum Film „Skyfall“

Der neue Bond scheint alle Zuschauer-Rekorde zu brechen. Woran liegt das? Das Ergebnis einer medienpsychologischen Untersuchung des SALBER INSTITUTs: Die Beseitigung einer „Über-Mutter“ wird insgeheim als Befreiung erlebt. „Skyfall“ verspricht, dass das Leben weiter geht, wenn die alte Ordnung stirbt. Diese Grund-Erfahrung ist im alltäglichen Leben jeden Morgen wieder aktuell, sie betrifft zugleich die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen – und sie hat in der heutigen Krise der Versorgungs-Kultur ganz besondere Brisanz.



In Tiefen-Interviews zeigte sich, dass die meisten Zuschauer „erleichtert, befreit, euphorisch“ aus dem Film kamen. Oberflächlich freute sie der Sieg des Guten – heimlich faszinierte jedoch der Triumph des Bösen weit mehr: Chefin/Stiefmutter „M“ stirbt in Bonds Armen. Damit wird der Geheimagent ebenso wie der Zuschauer aus den Fesseln einer lebensbedrohenden Mutter-Herrschaft befreit, die zur ständigen „Korrektheit“ zwingt. Das Leben geht weiter, verspricht Skyfall, es muss aber durch Verletzung und Sterben hindurch.

Der Feind im eigenen Haus

Die systematische Analyse des Film-Erlebens führt auf den Kern-Komplex einer schützenden und zugleich vernichtenden Mutter-Gestalt. „M“ ist zuverlässig und verräterisch, warm und kalt, stark und schwach. Folglich muss sie beschützt und zugleich bekämpft werden. Ein ständiger Wechsel zwischen Gehorsam und Ungehorsam durchgliedert den Prozess des Film-Erlebens. Zwischen beiden Polen hin- und hergerissen, geht der Zuschauer durch alle Lebensalter hindurch: Anfangs lebt 007 geborgen bei Mama, erfährt dann seine erste Kränkung, es folgen Trotzphase, Schwanken zwischen Gehorsam und Rebellion, Entscheidung für die MI6-Familie, Karriere in Shanghai, Scheitern der Familie, Krieg im Elternhaus, Tod der Mutter und Auferstehung zur Selbständigkeit. Der Film lässt den Zuschauer durch ein Wechselbad von Zweifeln, Ängsten, Liebes- und Hassgefühlen gehen, bis er am eigenen Leibe erfahren hat, was es heißt, frei und erwachsen zu werden - und die blockierende Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Aus Kränkung wird Trotz

Gleich in der ersten Szene erhält 007 den Befehl, seinen Kollegen verbluten zu lassen. Während sich der Zuschauer noch gegen das unmenschliche Diktat von M auflehnt, gehorcht Bond und jagt den Täter. Im Laufe der üblichen

Verfolgungsjagd kommt plötzlich von Oben der Schieß-Befehl, der den Agenten fast das Leben kostet. Mit Bond verlässt man nur zu gerne die lieblose Mutter-Diktatur, zieht sich ans Meer zurück und chillt. Allerdings droht 007 in diesem richtungslosen Treiben zu versumpfen, und man hofft, dass er wieder in Dienst tritt. Als er das aber tut – die Heimat ist bedroht – hätte man die Trotzphase noch gern verlängert:

„Warum lässt er M nicht wenigstens mal eine Zeitlang schmoren?“

Diesen unerledigten Wunsch nach Rache übernimmt jetzt der Rebell Silva. Genau wie Bond wurde auch er von M im Stich gelassen. Doch Silva tut, was Bond nicht kann – und wird zu dessen Schatten-Figur. Silva ist der Engel des Inkorrekten:

„Der möchte Bond verführen, indem er ihm anbietet, einfach zu machen, was er will – Frauen töten, Firmen zerstören, Satelliten abschießen.“

Zwischen Gehorsam und Rebellion

Der Auftritt des schillernden Silva führt die Zuschauer in irritierende Sympathie-Konflikte. Einerseits ist er Schurke, Erz-Terrorist, Feind der MI6-Familie. Andererseits ist er ein warmer Bruder, charmanter Freigeist, und handelt sogar im Sinne biblischer Gerechtigkeit:

„Man versteht, warum er so böse ist. M hat ihn im Stich gelassen. So wie sie Bond im Stich ließ. Doch Silva will Rache. Er tat mir leid mit seinem kaputten Gesicht.“

Indem Bond gegen Silva kämpft, kämpft er mit sich selber: mit dem eigenen Wunsch, die Führung (M) zu beseitigen und sich an deren Stelle zu setzen. Vielleicht schwächt ihn dieser innere Konflikt beim Durchlaufen des „Einstellungs-Tests“. Als er die Prüfung sozusagen mit Rücksicht auf die Eltern besteht, fürchtet der Zuschauer erneuten Verrat: Will Mutter ihn noch einmal für ihre eigenen Interessen opfern? Inzwischen hat man nämlich mitbekommen, dass ihre Herrschaft äußerst brüchig geworden ist – Zeit zum Abtreten? Oder gibt Mutters Härte den letzten Halt in einer zerfallenden Welt? Wieder schwankt man zwischen Gehorsam und Revolte.

„Es geht dabei mehr um Bond selber. Schafft er es, den Kampf gegen sich selber?“

Das Gegenspiel Bond-Silva verkörpert die sich zuspitzende Ambivalenz des Zuschauers gegenüber dem Mutter-Regime. Ausgerechnet als der Rebell überwunden und in den Käfig gebannt scheint, enthüllt er schonungslos Mutters Schuld. Die ausbrechende Welle der Verwüstung erscheint als verdientes Strafgericht, und es wundert psychologisch kaum, dass der treue Gefolgsmann der Eisernen Lady moralisch wie physisch in die Defensive gerät.
Bond-Fans der alten Schule steigen spätestens an dieser Stelle aus, 007 wirkt beinah impotent:

„Bond ist der Gejagte. Er muss Fallen aufstellen. Am Ende kam mir der Film gar nicht mehr wie ein Bond-Film vor.“ - „Der ist nicht mehr Herr der Lage!“

Untergang als Neuanfang

Silvas übermäßige Zerstörungswut entfesselt Ängste, die den Zuschauer zurück auf Seite des Gehorsams treiben. Heldentum ist stoische Treue zur ungerechten „großen Mutter“ – auch wenn das in den Ruin führt. Bond wirkt zunehmend verhärtet wie eine Kampfmaschine, das Publikum sucht nach Erklärungen:

„Der Familien-Zusammenhalt ist eigentlich das Wichtigste im Leben.“

Doch viel ist von der „Familie“ nicht übrig. Zusammen mit Bond und M flüchten wir zurück ins düstere Elternhaus des Agenten, das den Namen „Skyfall“ trägt. Der Fall aus dem kindlichen Paradies wiederholt sich, statt himmlischer Geborgenheit herrschen Kälte und Alleinsein. Kein Luxushotel, kein Bondgirl, keine Superwaffe. Bond ist mit der wackeligen Mutter und einer skurrilen Vaterfigur (der alte Wildhüter) allein. Das Grauen der Kleinfamilie. Man wünscht sich den Erlöser Silva geradezu herbei. Zum Glück hält die öde Vergangenheit auch Gutes bereit:
Mit Schrotflinten und Dynamit gelingt es, den digital vernetzten Angreifer Silva zurückzuwerfen. Hier bewähren sich die altmodischen Bond-Qualitäten – Treue zur treulosen Führung, Handwerk statt Show – als zum Überleben notwendig. Ein Seitenhieb auf den technikhörigen Zeitgeist.

Im Endkampf kehrt sich das Verhältnis von Mutter und Sohn um: der Sohn wird jetzt zum Führer und Schützer der hilflosen Mutter. Als sie – für die meisten Zuschauer unerwartet – stirbt, wird deutlich, in welcher Abhängigkeit auch der Rebell Silva von ihr lebte. So abhängig, dass er zusammen mit M in den Tod geht. Im Untergang tauschen die beiden „Brüder“ die Rollen: jetzt erscheint der Rebell als der (zwanghaft) Hörige, während der Gehorsame seine kühle Distanz beweist. 007 trauert, aber er geht nicht mit M ins Grab.

In der Schluss-Szene tritt er selbstsicher auf, wieder im Anzug, ganz der Alte. Befreit von M ist die gute alte Ordnung des MI6 exakt wiederhergestellt, sogar der Schirmständer ist an seinem Platz. Jetzt kann Bond seinen Dienst frei von den Fesseln der M antreten. Ihren Platz hat nun ein Mann eingenommen – kein Ende, sondern ein neuer Anfang.

Wie eine Mini-Therapie

Schaut man auf die Gesamtbewegung des Films, so dreht er sich wie ein Strudel aus dem weiten Umkreis der Globalisierung (Istanbul, Shanghai, Internet) hinein ins dunkle Enge des Mutterhauses. Global Business und Digitaltechnik erscheinen aus dieser Perspektive wie eine Flucht vor dem unheimlichen „Inneren“. Erst wenn die archaischen Konflikte im Elternhaus ausgefochten sind, geht die menschliche Geschichte weiter. So könnte man die Botschaft des Films zusammenfassen – auch in Hinblick auf kulturelle Stagnation und Krise.

Skyfall gibt eine Analyse, keine Moralisierung der Lage. Viele Zuschauer haben nach dem Kino das Gefühl, dass es kein richtiges Gut und Böse gibt, dass die gute Mutter böse und im bösen Bruder ein guter Kern steckt. Dennoch haben sie kein Durcheinander erlebt, sondern ein notwendiges Hindurch: Eltern werden unvermeidlich schuldig, die alte Garde muss abtreten. Dazu braucht sie den Schubs der Jüngeren. Zwangsläufig verlieren auch sie ihre Unschuld, und erst wenn es ihnen gelingt, sich mit den Ambivalenzen des Lebens auszusöhnen, können sie auf eigenen Beinen stehen.

Wie eine Mini-Therapie gibt Skyfall den Zuschauern einen kleinen Ruck. Die Nachwirkungen des Films sind auffällig intensiv: „Ich fühle mich wie befruchtet“, sagte eine Frau. Ein junger Mann verliebte sich einen Tag später. Anderen ging der Film „noch tagelang nach“. Vielleicht markiert Skyfall den Fall unserer Kultur aus der lähmenden Illusion eines perfekten, schuldfreien Versorgungs-Paradieses, wo alle miteinander Freunde sind. Die blutige „Geburt“ von Bond ist ein spannendes Lehrstück für die Wandlungs-Prozesse, die heute in Parteien, Firmen und Familien ablaufen - oder noch nicht ablaufen.

„Bei einem früheren Bond hat man gesagt, man wäre gern ein bisschen so wie der – bei diesem Bond stellt man mit Schrecken, aber auch wieder froh fest: man ist ein bisschen so.“

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