(openPR) Köln, April 2011.
Gesundheitsminister Rösler beklagte bei einer Diskussionsveranstaltung Ende März in Duisburg das Scheitern des jetzigen Gesundheitssystems. Statt die Gelder der Versicherten den Ärzten als eigentliche Leistungserbringer zugutekommen zu lassen, würden diese für Mehrarbeit und Qualität bestraft. Schuld hieran seien laut Rösler vor allem die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Gesetzlichen Krankenkassen, denen es nicht gelänge, die Versicherungsgelder entsprechend den erbrachten Leistungen gerecht zu verteilen. Das zeigen auch neueste Zahlen. So wurden 2009 von den 278,3 Milliarden Euro Ausgaben für das Gesundheitswesen nur etwa 15 Prozent auf die Arztpraxen verteilt. Ab sofort werden Urologen, HNO-Fachärzte, Gynäkologen und Orthopäden aus den Ärztevereinigungen Uro-GmbH Nordrhein, HNOnet NRW eG, GenoGyn Rheinland eG und Orthonet-NRW eG deshalb einen Katalog erarbeiten, in dem Leistungen formuliert sind, welche die Fachärzte unter den heutigen ökonomischen Bedingungen für Kassenpatienten noch leisten können.
Zuvor hatten Nordrheins Fachärzte um ein klärendes Gespräch mit allen politischen Einscheidungsträgern gebeten. Landesgesundheitsministerium NRW und KV Nordrhein verweigerten dieses, sodass die Veranstaltung ausfallen musste. Deshalb sammelten die Fachärzte Meinungen und Statements von Minister Rösler, Philipp Mißfelder (CDU) und Kassenärztlicher Bundesvereinigung zur Versorgungssituation ihrer Patienten – Dr. Manfred Partsch vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherten blieb Antworten bis heute schuldig. Die eingetroffenen Rückmeldungen sprechen jedoch nicht für eine bessere Zukunft. „Unsere wirtschaftlichen Bedingungen lassen keine qualitative Patientenversorgung mehr zu. Daran wird sich laut Aussagen von Bundesgesundheitsminister Rösler nichts ändern“, sagt Dr. Uso Walter, Vorsitzender des HNOnet NRW. So haben vor allem die Fachärzte in NRW seit Jahren mit Umsatzverlusten zu kämpfen, die ein wirtschaftliches Arbeiten unmöglich machen. Unverkäufliche Praxen und zunehmende Abwanderung aus strukturschwachen Gebieten führen daher zu einem spürbaren Facharztmangel nicht nur auf dem Land, sondern auch in Großstädten.
Urologe Dr. Wolfgang Rulf von der Uro-GmbH Nordrhein ergänzt: „Es ist das höchste Bedürfnis eines Patienten, dass sich der Arzt Zeit für seine Sorgen nimmt. Dagegen steht eine Quartalspauschale von circa 18 Euro beispielsweise in der Urologie. Die Betriebskosten einer urologischen Praxis liegen zwischen 160 und 200 Euro pro Stunde. Selbst unter besten Bedingungen bleibt damit pro Patient nur ein Zeitfenster von circa sieben Minuten. In dieser Zeit sollen wir die Krankengeschichte erheben, den Patient untersuchen, das weitere Vorgehen patientenverständlich erläutern und zusätzliche Fragen beantworten. Bei dieser Rechnung hat der Arzt übrigens noch keinen Cent verdient.“ Eine patientenadäquate Versorgung ist unter diesen Bedingungen kaum möglich. In Dr. Walters Duisburger HNO-Praxis sank der durchschnittliche Kassenumsatz von 60.000 Euro pro Quartal von 1997 auf 35.000 Euro 2011 bei gleichbleibender Leistungsmenge. „Das entspricht noch nicht einmal den festen Kosten für Miete und Personal”, rechnet er vor. „Setzt man Kassenumsatz und Praxiskosten in den Vergleich, macht der durchschnittliche HNO-Arzt in Nordrhein pro Quartal ein Minus von 5.000 Euro,.“ Um über die Runden zu kommen, erstellt Dr. Walter Gutachten und richtete eine Gemeinschaftspraxis ein. Dort, wo sein jetziger Partner früher praktizierte, gibt es keine ortsnahe HNO-Versorgung mehr. In den nächsten vier Jahren geben zudem acht Kollegen aus Altersgründen ihre Praxen auf.
Deshalb machen die Fachärzte nun auf die Engpässe bei der Patientenversorgung aufmerksam. Da Kassenärztliche Vereinigungen die Verantwortung ebenso von sich weisen wie Gesetzliche Krankenkassen und Politik, haben sie begonnen, Leistungen zu definieren, die unter den jetzigen Bedingungen zu Lasten des solidarisch finanzierten Gesundheitssystems noch erbracht werden können. Bei der Erstellung der fachgruppenspezifischen Kataloge nehmen sie die von den Krankenkassen für ein festes Quartalsbudget von weniger als 25 Euro geforderten Leistungen unter die Lupe und müssen einige davon streichen. „Auf Kassenkosten steht dem Patienten entsprechend der Sozialgesetzgebung schon lange nur eine wirtschaftliche, ausreichende, notwendige und zweckmäßige Versorgung zu“, erläutert Dr. Rulf. „Neue innovative Verfahren, strukturierte Behandlungsprogramme und ausführliche, individuelle Beratungen müssen wir daher als Wahlleistungen anbieten.“ Durch den transparenten Leistungskatalog der Ärztenetze wählen Patienten zwischen den Angeboten von Krankenkassen und Ärztenetzen nach eigenen Bedürfnissen. Sie können sich aber gleichzeitig sicher sein, dass neue und moderne Verfahren weiterhin zur Verfügung stehen. „Nur so sind wir in der Lage wirtschaftlich zu überleben und auch in Zukunft für unsere Patienten da zu sein“, schließt Dr. Rulf.
Fakten
- RLV, 1. Quartal für Urologen 15,32 Euro, HNO-Fachärzte 23,31 Euro, Gynäkologen 12,44 Euro und Orthopäden 23,96 Euro Nordrheins – Tendenz fallend.
- BMG: Ausgabenzuwächse 2010 für ärztliche Leistungen 2,6 %, für Krankenhäuser 4,7 % und für die Verwaltungsausgaben 5,8 %.
- Quelle Bundesrechnungshof: Die Einkommen der Kassen-Bosse, die mit Krokodilstränen das Schicksal der Beitragszahler beklagen, sind auch in der Krise kräftig gestiegen. Sie liegen zum Teil über dem Niveau der Bundeskanzlerin.






