(openPR) Interview mit „der detektiv“, 03/2010, S. 31ff, ISSN 1727-4737
Kriminelle sind keine unterschiedliche Kategorie von Menschen – Wirtschaftskriminelle auch nicht.
Der Berliner Detektiv Lothar Müller führte eine empirische Studie über Persönlichkeitsprofile von Wirtschaftsstraftätern durch.
Im Gespräch mit „der detektiv erläutert er die Erkenntnisse seiner kriminalistischen Forschung.
„der detektiv“: Wie sieht die Persönlichkeit eines Wirtschaftsstraftäters in aller Regel aus?
Charakteristisch ist das nicht vorhandene Rechtsbewusstsein. Sie handeln ja nicht – so geben sie vor - im persönlichen, eigenen Interesse. Sie handeln immer im Interesse der Gesellschaft oder des Unternehmens.
„der detektiv“: Klingt da so was wie Sendungsbewusstsein mit?
Sehr oft sogar. Das korrespondiert mit dem Cressey’schen Betrugsdreieck bestehend aus Motiv, guter Gelegenheit und Rechtfertigung. Und die Rechtfertigung ist immer da: Ich wollte doch meine Firma retten. Ich wollte die Bilanz verändern, um den Kredit von der Bank zu bekommen, damit ich mit dem neuen Produkt auf dem Markt weiterhin bestehen kann. Die
Rechtfertigung besteht immer und die sieht immer super aus.
„der detektiv“: Kann man quantifizieren, welchen Beitrag die gute Gelegenheit und welchen die Persönlichkeit zur Straftat leistet?
Prozentual kann ich dieses Verhältnis nicht angeben. Die Persönlichkeit ist natürlich ein ganz entscheidendes Moment. Keiner wird tätig, ohne den eigenen Willen zu realisieren. Da muss schon kriminelle Energie vorhanden sein, um sich über das geltende Recht hinwegzusetzen.
„der detektiv“: Zum Thema fachliche Kompetenz der Täter: Die Untersuchung hat ergeben, dass die meisten die eigene Lage nicht realistisch einschätzen konnten. Welche Rolle spielen solche Fehleinschätzungen im Verlauf der Straftat?
Prinzipiell konnte ich einen Widerspruch zwischen sogenannter Selbstkompetenz und fachlicher Kompetenz beobachten. Das Typische: bei allen Probanten war die Selbstkompetenz gering entwickelt. Sie erkannten nicht, dass sich ihr Unternehmen in der Krise befand und sie waren nicht in der Lage adäquat zu handeln. Sie konnten ihre fachliche Kompetenz nicht aktivieren. Sie glaubten, dass sie unbedingt j e t z t den Kredit benötigten,
sie wollten unbedingt j e t z t die Entscheidung für das neue Produkt, sie benötigten j e t z t das neue teure Firmenfahrzeug, um gegenüber Geschäfts- oder Lebenspartner zu repräsentieren… Maßstab für ihr Wertesystem war ihre Verfügung über bzw. ihr Besitz von etwas Materiellem, nicht das eigene Vermögen, Vermögen im Sinne von fähig sein. Das äußerte sich letztlich so, dass sie das bis dahin unausgereifte Projekt manipulierten und gegenüber der Bank profitable Erfolgsaussichten dokumentierten. Manager müssen einer funktionalen Beurteilung unterliegen, keinen normativen Wertungen. Sie müssen sich vor allem durch selbst bestimmtes Verhalten auszeichnen. Bei denen, die ihre Entscheidungen abhängig machen von durch sie nicht beherrschbaren Zwängen, bleibt die Hoffnung, dass ein Schaden nicht eintritt. Das Ergebnis zeigte sich bei den Probanten, den späteren Tätern:
Verurteilung wegen Untreue, Verurteilung wegen Betrug, Insolvenz- verschleppung, Urkundenfälschung u. a.
„der detektiv“: Das hört sich nicht nach beinharten Abzockern an, die in die eigene Tasche wirtschaften?
Man darf Wirtschaftskriminalität nicht nur mit monetärem Maßstab messen. Manager sind regelmäßig gezwungen zu rapportieren. Man bekommt deshalb den Eindruck, dass sie nicht geldgetrieben sondern zahlengetrieben sind. Sie müssen auf kurzen Rapportstrecken immer nachweisen, dass ihre Entscheidungen erfolgreich waren und zur Entwicklung der Firma
beigetragen haben. Wenn dem nicht so ist, dann manipulieren sie Bilanzen, schönen Ergebnisse. Nicht unbedingt zu ihrem persönlichen Vor- oder Nachteil. Sie sagen, es passiert im Interesse des Unternehmens. Wir beobachten das regelmäßig bei den Quartalsberichten an unseren Börsen. Vermeldet das Management von einem Quartal auf das nächste keinen
Erfolg, strafen die Ratingagenturen und das Unternehmen muss mit dem Unmut der Aktionäre und fallenden Aktienkursen rechnen. Der persönliche Erfolg der Manager liest sich demnach im Aktienwert ab, mehr oder weniger ein virtueller Maßstab und kein Maß der Wertschöpfung. Am Aktienkurs werden aber auch die Vergütungen der Manger gemessen.
„der detektiv“: Die unmittelbare Bereicherung steht also nicht an erster Stelle?
Richtig. Der Tatbestand der Untreue erfordert keine persönliche Bereicherung. Er erfordert den Nachweis der Verletzung einer Vermögensbetreuungspflicht oder, als zweite Alternative, einen Treuebruch gegenüber dem zu betreuenden Unternehmen. Der Manager hat per Gesetz
die Pflicht im Interesse des Unternehmens tätig zu werden. Wenn er zum Beispiel Geld aus der Geschäftskasse nimmt, um Schmiergeld zu zahlen, schädigt er das Unternehmen. Die Gesellschafter, deren Vermögen das Management zu betreuen hat, dürfen ihm das gar nicht gestatten.
„der detektiv“: Worauf kann der Mangel an Unrechtsbewusstsein zurückgeführt werden?
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die in dem Zusammenhang zu erwähnen wären. Wichtig erscheint mir jedoch auf die gering entwickelte persönliche Kompetenz zu verweisen. Dabei spielt auch das Motiv, erfolgreich zu sein, eine nicht untergeordnete Rolle. Erfolg wird gelegentlich gleichgesetzt mit dem Fahren schneller Autos, dem Leben in teueren Hotels, also nicht unbedingt damit etwas Gutes vollbracht zu haben. Hinzu kommen noch solche Argumente wie: es machen doch alle so! Narzissmus spielt in dem Zusammenhang eine nicht unwichtige Rolle. Da heißt es dann, ICH habe diese Leistung vollbracht, ICH bin der Kompetente, ICH kann das leisten, alle anderen nicht. Um das zu erreichen setzen sie sich über moralische und rechtliche Bedenken hinweg.
Personen, die ihre Fähigkeiten am „Haben“ und nicht am „Sein“ definieren, erweisen sich bei plötzlich hereinbrechenden kritischen Situationen überfordert. Sie müssen j e t z t Geld haben, sie müssen j e t z t über diesen Einfluss oder über diese Position verfügen. Sie missbrauchen ihre Möglichkeiten der Manipulation und setzten sich über ihre soziale
Verantwortung hinweg. Ist der Erfolg eingetreten, sinkt die Hemmschwelle für Wiederholungstaten. Innerhalb dieser Verhaltenskonzeption sind direkte personenbezogene Aspekte wie Angstmotive durch Überforderung, Spaß am Delikt und Unterforderungssituation mit entscheidend.
„der detektiv“: Kann man das an einem Beispiel festmachen?
Wie wichtig die Wertattributierung ist, zeigte sich z. B. in den bekannten Betrugsdelikten des Leipziger Investors Schneider.
Einer meiner Probanten, er befand sich im offenen Vollzug, besuchte mich in meinem Büro. Während der Zeit des Interviews vereinbarte er Termine für den Abschluss von Immobilienverkäufen für drei Häuser in Berliner Toplage. Er erklärte mir dabei, dass dies ein Beispiel dafür sei, wie er seinem Arbeitgeber, einem Anwalt, zeige wie man solche Geschäfte mache.
Oder, Larry Ellison, Chef des Software Unternehmens Oracle, er bezeichnet es als seine Pflicht, bei Mitbewerbern jene Information zu holen, die sein Unternehmen selbst nicht hat.
Der gleiche Mann, Teilnehmer einer Segelregatta, gewinnt diesen Wettbewerb, steigt von seinem Boot in seinen Jet um und überfliegt alle, die nach ihm kommen. Ein Auskosten, dass er der totale Überflieger ist und alle anderen abgeschlagen sind. Das ist mehr als Hedonismus, das ist Demütigung.
„der detektiv“: Narzissmus ist also ein ständiger Begleiter des Wirtschaftsstraftäters?
Narzissmus ist eine markante Eigenschaft Wirtschaftskrimineller. Aber diese Eigenschaft kann auch förderlich sein für Unternehmen. Der Wunsch des Narzissten, sich in eigenen Erfolgen zu spiegeln, kann auch ein positives Resultat für das Unternehmen nach sich ziehen.
Deshalb ist es schwierig Wirtschaftskriminelle zu kategorisieren. Der Versuch
Persönlichkeitsprofile von Wirtschaftsstraftätern zu erstellen birgt die Gefahr, an Hand von einzelnen Eigenschaften den Kriminellen zu definieren. Nichts ist schädlicher als vorgefasste Meinungen, Schablonen sind da eher der falsche Maßstab. Kriminelle sind keine unterschiedliche Kategorie von Menschen – Wirtschaftskriminelle auch nicht.
„der detektiv“: Wie kann man ein Persönlichkeitsprofil dann nutzen?
Ein Persönlichkeitsprofil kann nur e i n Aspekt unter anderen sein Wirtschaftstraftaten aufklären zu helfen. Die forensische Psychologie kann dabei als Problemlöser wirken. Die Diskussion darüber, ob wirtschafts- kriminelles Verhalten nach differenzierten Persönlichkeitsprofilen zu systematisieren ist, ist im vollen Gange, sie ist lange nicht abgeschlossen. Es geht aber vielmehr um vorbehaltloses breiteres kriminalistisches Denken.
Bei der Aufdeckung von Wirtschaftsstraftaten gilt es noch mehr Kreativität zu entwickeln. Die Wirtschaftstraftäter machen uns das vor.
Es gilt das zu denken, das noch nicht in einem Lagebild verarbeitet wurde. Das zu denken, was bekannte Straftaten uns noch nicht gezeigt
haben. Es geht dabei auch um noch mehr Empathie.
Der Schwerpunkt liegt aber m. E. in der Prävention und im Bereich Personalmanagement. Personalmanager sollten unterscheiden können und wollen, ob es sich bei der Führungskraft um einen potentiellen Manager handelt, der auf eine Leistungskarriere verweisen kann oder auf
eine Beziehungskarriere; damit meine ich die Seilschaften.
Und es sollte möglich sein zu unterscheiden, ob soziale Kompetenzen nicht nur kopiert sondern auch übernommen wurden.
„der detektiv“ dankt für das Gespräch!
Infobox
Diplomkriminalist Lothar Müller ist in Berlin Inhaber der
Detektei iD-intertrace,
(www.id-intertrace.info/de) und dem Beratungsunternehmen Risk & Fraud Consulting,
Veröffentlichtlichungen u. a.:
Autor; Persönlichkeitsprofile von Wirtschaftsstraftätern, Boorberg Verlag Stuttgart, 2010,
ISBN 978-3-415-04413-5
Mitrautor: SICHERHEIT IN ORGANISATIONEN, Litzcke, S.-M.; Müller-Enbergs, H.
(Hrsg.), Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt, 2009, ISBN 978-3-86676-101-8
Mitautor; Wirtschaftskriminalität und die Rolle der Strafverfolgungsorgane, Hochschule der
Sächsischen Polizei, 2008, ISBN 978-3-938015-25-5








