(openPR) Ilona Bräuninger blättert in den Unterlagen aus dem Jahr 1990 und schmunzelt: „Damals hatten wir noch nicht einmal einen Kopierer“. Die Briefwechsel mit Kultusministerium, Oberschulamt und städtischem Schul-, Kultur- und Sportamt dokumentieren als Faxkopien die Anfänge des Abendgymnasiums in Heilbronn. Vor 20 Jahren ging die erste Klasse mit 23 Schülern an den Start, zehn von ihnen erreichten die Hochschulreife.
Unterrichtet wurde in der Sülmermühlstraße 23, in die das Kolping-Bildungszentrum ein Jahr zuvor eingezogen war. 160 Interessenten bewiesen Ilona Bräuninger, der Leiterin des Bildungszentrums, dass sie den Bedarf in Heilbronn richtig eingeschätzt hatte. An den Gymnasien im Land markierte die Oberstufenreform einen Umbruch, der das damals ans Robert-Mayer-Gymnasium angegliederte Kolping-Kolleg vor die Existenzfrage stellte. Statt das Kolleg aufzulösen, gab die Empfehlung aus dem Oberschulamts, ein Abendgymnasium einzurichten, den letzten Anstoß zur Gründung. Im Frühjahr 1990 beantragte Bräuninger beim Ministerium die Zulassung und verhandelte mit der Stadt über die Nutzung naturwissenschaftlicher Fachräume in der Wilhelm-Maybach-Schule. Nach den Sommerferien kamen, wie bis heute üblich, die Schüler montags bis donnerstags um 17 Uhr zum Unterricht. Schulleiterin Ingrid Skala musste manche Neuankömmlinge beruhigen: Wenn im Klassenzimmer der Boden vibrierte, drohte kein Erdbeben, sondern im Fitness-Studio nebenan wurde trainiert.
Sechs weitere staatlich anerkannte Schulen hat das Bildungszentrum in Heilbronn mittlerweile gegründet. 1993 zog es in die Karlstraße um und hat seit 2004 seinen Hauptsitz im historischen Bahnhof der Neckarstadt. Dort kommen ab September 160 Schüler an vier Tagen die Woche jeweils sechs Stunden zum Unterricht. Das Kurssystem der Oberstufe ist mehrfach weiter reformiert, aber die Abituraufgaben in Mathe, Deutsch und Englisch sind für Abendgymnasiasten dieselben wie für ihre jüngeren Kollegen an staatlichen Schulen.
Nur ein Jahr blieb nach Skalas Wegzug aus Heilbronn Armin Süßenbach, der heute am Robert-Mayer-Gymnasium unterrichtet, ihr Nachfolger. In den Sommerferien 2000 nahm er eine Vollzeitstelle an. Und Studiendirektor Norbert Wacker, Mathematik-, Physik- und Informatiklehrer am Theodor-Heuss-Gymnasium, wurde von der Anfrage überrascht, ob er Schulleiter des Abendgymnasiums werden wolle.
„Ein Wochenende hatte er Zeit zu überlegen, montags darauf begrüßte er die neuen Schüler“, erinnert sich Bräuninger. Als Glücksfall empfindet sie diese Wahl bis heute: Lehrerstunden einteilen, Abiturprüfungen samt Zweit- und Drittkorrekturen planen und die EDV für Organisationsaufgaben nutzen – das alles hatte Wacker am THG bereits in der Hand. Einen Computer-Freak darf man den heute 64-Jährigen ohne Weiteres nennen: „Das muss man sein“, findet er. In den Ferien richtet er neue Schüler-Laptops ein, die Abläufe, etwa für die Zeugnisverwaltung, programmiert er eigenhändig. Nach 37 Jahren am THG macht der gebürtige Heidelberger die Besonderheit des Abendgymnasiums in den persönlichen Beziehungen zu den erwachsenen Schülern aus. „Man kriegt in dieser dichten Lebensphase mit Beruf, familiären Weichenstellungen und Schule zwangsläufig viel Persönliches mit“, sagt er, „und man urteilt entsprechend.“ Hochzeiten und Scheidungen hat er miterlebt, die junge Mutter, die während der Abiturprüfung beim Stillen beaufsichtigt werden musste, eine 68-jährigen Absolventin, die das ohnehin breite Alterspektrum erweiterte. Verändert hat sich, dass immer mehr Schüler mit der Fachhochschulreife abgehen und dass die Fehlzeiten im Unterricht zunehmen. „Es gibt auch die Kündigung“, sagt Wacker, zeigt aber viel Verständnis: „Die Leute müssen im Beruf flexibler sein, familiäre Bedingungen werden schwieriger“.
Dennoch muss das Abendgymnasium in die Heilbronner Bildungslandschaft verankert bleiben, findet Ilona Bräuninger, „auch wenn das Land den Abendgymnasien nicht den Stellenwert beimisst, der ihnen gebührt: “Es ist der einzige Weg, der durchgängig innerhalb von maximal vier Jahren auch Hauptschulabgängern den Zugang zum Abitur ermöglicht.“











