(openPR) Von Erinnerung und Geschichte, von Traditionen und Verwandlungsprozessen, von Wachstum und Entwicklung, aber auch von Verfall und Vergänglichkeit wurde in diesem Jahr bei den Darmstädter Tagen der Fotografie in Bildern und Worten erzählt. Zeit bedeutet stete Veränderung: keimen, wachsen, gedeihen und vergehen. Vor dem Hintergrund der Schnelllebigkeit mancher Gesellschaften der westlichen Welt ist es wichtig dieses Thema vielschichtig zu beleuchten. Zeit im gesellschaftlichen Kontext aber auch als emotionale Momente des individuellen Lebens. Akribisch gemessene Zeit, erinnerte Augenblicke und das Spiel mit Irritationen in der Zeitwahrnehmung. Die Hauptausstellung im Designhaus bot zu diesem Thema 12 Positionen von Künstlern aus Amerika, Deutschland, England, Frankreich, Indien, Japan, Korea und der Schweiz. Diese Gruppenausstellung wurde von den weiteren 40 Arbeiten des Rahmenprogramms ergänzt, die an 11 Orten über die Stadt verteilt gezeigt wurden.
Merck-Preis der Darmstädter Tage der Fotografie 2010 geht an Alia Malley für die Arbeit "Southland".
In diesem Jahr waren nominiert: Dirk Brömmel aus Wiesbaden/D für seine Arbeit »Villa Tugendhat«, Lea Golda Holterman aus Tel Aviv/Israel für ihre Serie »Orthodox Eros« und Alia Malley aus Los Angeles/USA für ihr Projekt »Southland«. Gefordert war eine eigenständige Bildsprache bei der Umsetzung des Jahresthemas "Jetzt – Die erzählte Zeit". Alle drei Arbeiten erzählen unterschiedliche Geschichten von der Zeit. Sie beschreiben vergangene Lebensschicksale, schildern langsame Verwandlungsprozesse durch die Natur, und untersuchen Jahrtausende alte Traditionen.
Am stärksten überzeugt hat die Jury letztlich die Arbeit von Alia Malley. Scheinbare Unorte, die überall sein könnten, regen zum Nachdenken über den Umgang des Menschen mit der Natur an. Die Spuren der Zeit in diesen Bildern verweisen sowohl in die Vergangenheit einer zivilisatorischen Nutzung als auch in eine ungewisse Zukunft. Die Aufnahmen erschliessen sich nicht sofort, sondern laden zu einem zweiten Blick ein, der nicht enttäuscht wird. Durch den gekonnten Einsatz von Farbe und Komposition gestaltet Alia Malley Bilder, die eine romantische Stimmung ausstrahlen, welche aber durch den rätselhaften Charakter der abgebildeten Orte gebrochen wird. Das Niveau des Einzelbildes wird in der ganzen Serie gehalten. Dadurch wirkt diese in sich stimmig und konsequent bis zu ihrer Präsentation an der Wand.
Jetzt – das Symposium
Zum Programm der Darmstädter Tage der Fotografie gehört neben den Ausstellungen ein ganztägiges Symposium. Hier wird das jeweilige Jahresthema von unterschiedlichen Referenten theoretisch untersucht. Die Fotografin Mona Breede stellte im ersten Beitrag dem Auditorium sechs Positionen der zeitgenössischen Fotografie zum Thema Kindheit vor. Gesine Grotrian-Steinweg, Illustratorin und Designerin, zeigte die Verbindung und gegenseitige Beeinflussung von Fotografie und Gestaltung von Medien an aktuellen Beispielen ihres Designbüros FonsHickmann m23 aus Berlin. Nach der Mittagspause präsentierte der englische Verleger Chris Boot das Buchprojekt "Georgischer Frühling". In Zusammenarbeit mit 10 Fotografen der Fotgrafenagentur Magnum Photos realisierte er im Auftrag der georgischen Regierung das Porträt eines Landes. Im Vortrag diskutierte er die Rolle der Fotografie, wenn sie für staatliche Interessen produziert wird. Der Philosoph Dr. Andreas Gelhard widmete sich ebenfalls dem Thema Zeit im Zusammenhang mit Fotografie. Vor allem die philosophische Untersuchung des sehr engen Kreises von gerade gewesenem und unmittelbar bevorstehendem, stand dabei im Mittelpunkt seines Vortrags. Die bekannte deutsche Künstlerin Herlinde Koelbl schilderte eindrucksvoll die Rolle der Zeit bei ihren eigenen fotografischen Langzeitprojekten. Sie begleitete Persönlichkeiten der deutschen Politik über viele Jahre fotografisch, indem sie diese in gleichmäßigen Abständen immer wieder porträtierte und interviewte. Zuletzt referierte der koreanische Künstler Kyungwoo Chun. In seinem Vortrag "Die Farben der Zeit " sprach er vor allem über die individuell gefühlte Zeit, die eine bestimmte emotionale Qualität aufweist und die er in vielen seiner Arbeiten zum Ausgangspunkt nimmt.
Fotografie sehen und darüber reden: direkt und unverstellt
Den Austausch unter Künstlern zu fördern, die Begegnung mit dem Publikum, mit Kuratoren oder Galeristen ist ein großes Anliegen der Darmstädter Tage der Fotografie. An zwei sonnigen Frühlingstagen boten sich dafür viele Möglichkeiten: Der Eröffnungsabend mit Vernissagen Rundgang und Preisverleihung, der Late Night Ausklang in der Centralstation, die Lounge und das Künstleressen am Samstag Abend, eine Sonntagsmatinee und Führungen am Sonntag Nachmittag. Ein besonderes Highlight des Sonntags war der Rundgang mit Prof. Dr. Jean-Christophe Ammann und Peter Liedtke durch die Ausstellungen in der Kunsthalle. Dort wurden 11 Arbeiten aus dem Rahmenprogramm gezeigt, sowie ein Ausschnitt aus dem Pixelprojekt_Ruhrgebiet.
Fast alle teilnehmenden Künstler waren für das Wochenende nach Darmstadt gereist. Sie, aber auch das Publikum, schätzten die räumliche Nähe der Orte und die Konzentration auf ein Wochenende sehr – ein Konzept, das sich bestätigt und seit Jahren bewährt. Das schöne Wetter und damit die Möglichkeit, sich im Garten des Designhauses zu Gesprächen zu treffen, rundeten das Festivalerlebnis ab.
Zum Festival erschien ein umfangreicher Katalog mit Beiträgen der ausstellenden und referierenden Künstler, der über die Website www.dtdf.de bezogen werden kann. Eine Dokumentation des Festivals wird ab Herbst ebenfalls erhältlich sein. ISBN des Kataloges: 978-3-9813629-0-9
Initiatoren und Kuratoren des Festivals sind:
Albrecht Haag, Alexandra Lechner, Rüdiger Dunker, Gregor Schuster, Ute Noll und Prof. Dr. Kris Scholz
Stand 14.05.2010

